Der Text stammt ursprüng­lich aus der 11Freunde #208, der Text wurde erst­mals im März 2019 ver­öf­fent­lich. Das Heft ist direkt bei uns im Shop erhält­lich.

Mit dem zweiten Gegen­treffer beginnt der Zweifel die aus­ver­kauften Ränge des Sta­dions an der Elland Road hoch­zu­krie­chen. Bedroh­lich wie das Monster im Hor­ror­film, das besiegt schien und nun mit fürch­ter­li­chen Klauen doch wieder nach seinen Opfern greift. Die vierte Nie­der­lage in den letzten sechs Spielen zeichnet sich ab und der Ver­lust der Tabel­len­spitze. Leeds are fal­ling apart – again“, singen die Gäs­te­fans höh­nisch zur Melodie von Joy Divi­sions Love Will Tear Us Apart“. Der Rest des Sta­dions schweigt. Schafft es Leeds United etwa wieder nicht, einen Vor­sprung über die Saison zu bringen und end­lich in die Pre­mier League zurück­zu­kehren? Ist Mar­celo Bielsa doch nicht das Genie, den Pep Guar­diola für den besten Trainer der Welt“ hält, son­dern eben El Loco“? Der Ver­rückte, dessen Mann­schaften zum Ende der Saison aus­ge­brannt ihre Ziele ver­passen?

Trainer für die Trainer

Die auf den Tri­bünen sind mit dem Zweifel nicht allein. Bielsa geht mit hinter dem Rücken ver­schränken Armen die Coa­ching Zone auf und ab, den Blick auf den Boden geheftet. Nie­mand ist eher bereit, ihm die Schuld an Nie­der­lagen zu geben als Bielsa selbst. Seine Stürmer mögen die größten Chancen ver­geben und seine Ver­tei­diger patzen, doch nach dem Spiel, das gegen Nor­wich wirk­lich ver­lo­ren­geht, wird er sagen: Dafür ist immer der Trainer ver­ant­wort­lich.“

In der Lite­ratur gibt es Schrift­steller, die das Publikum kaum kennt, die aber von anderen Schrift­stel­lern ver­ehrt werden. Es gibt Fil­me­ma­cher, die nie einen Kas­sen­er­folg hatten, aber eine Inspi­ra­tion für viele Regis­seure sind. Mar­celo Bielsa ist in diesem Sinne ein Trainer für die Trainer. Guar­diola traf den Argen­ti­nier vor ein paar Jahren, und sie redeten 13 Stunden lang über Fuß­ball, in denen der Spa­nier end­lose Seiten mit Notizen füllte. Diego Simeone von Atle­tico Madrid und Mau­ricio Pochet­tino von Tot­tenham spielten nicht nur unter Bielsa, son­dern nennen ihn bis heute als wich­tigsten Ein­fluss. Der ehe­ma­lige chi­le­ni­sche Natio­nal­trainer Jorge Sam­paoli hörte sich stun­den­lang unterm Kopf­hörer die Mit­schnitte von Bielsas Pres­se­kon­fe­renzen an wie andere ihre Lieb­lings­band. Auch Bel­giens Natio­nal­trainer Roberto Mar­tinez ist ein Biel­sista, ein Mit­glied der Kon­gre­ga­tion der Bielsa-Gläu­bigen.

Vor­le­sung und Messe

Einmal in der Woche ist in Thorpe Arch ihr Got­tes­dienst. Vom Sta­dion aus braucht man mit dem Auto eine halbe Stunde zum Trai­nings­ge­lände von Leeds United. Die grim­mige post­in­dus­tri­elle Härte der Stadt bleibt auf dem Weg zurück, die Umge­bung wird zum eng­li­schen Post­kar­ten­idyll mit gemüt­li­chen Ort­schaften, grünen Hecken und einem glu­ckernden Flüss­chen, über das eine ein­spu­rige Stein­brücke führt. In der Abge­schie­den­heit von Thorpe Arch ist die Aka­demie für den Nach­wuchs des Klubs unter­ge­bracht und trai­nieren die Profis streng abge­schirmt von der Öffent­lich­keit. Stets zwei Tage vor den Spielen öffnet sich das Tor zu dieser Welt einen spalt­breit. Durchs Trep­pen­haus werden die Jour­na­listen dann in den Raum der Ver­kün­di­gung gescheucht, ein win­ziges Zimmer in der ersten Etage, an dessen Decke die Spuren eines alten Was­ser­scha­dens zu sehen sind. Drei Reihen creme­farben gepols­terte Louis-XVI-Stühle wirken wie ver­irrte Gäste aus den umlie­genden Land­häu­sern. Vorne am Tisch, eine Papier­wand mit Spon­so­ren­logos im Rücken, nehmen Mar­celo Bielsa und sein Über­setzer Salim Lam­rani Platz.

Anderswo wäre das ein­fach die Pres­se­kon­fe­renz, aber das kann sie hier schon des­halb nicht sein, weil dieser Über­setzer nicht irgendein Co-Trainer ist, der halt Spa­nisch und Eng­lisch kann. Der Fran­zose Lam­rani trägt einen Dok­tor­titel der welt­be­rühmten Uni­ver­sität Sor­bonne in Paris und ist ein inter­na­tional aner­kannter Experte für das poli­ti­sche Ver­hältnis der USA und Kuba. Als Bielsa 2017 in Lille Trainer wurde, lernten sie sich kennen, seither sind sie eng befreundet. Eigent­lich ist es absurd, dass so ein Aka­de­miker die Fragen nach ver­letzten Spie­lern und den Aus­sichten fürs nächste Spiel über­setzt, aber nicht hier. Schließ­lich ist Bielsa ein Gelehrter und Hohe­priester des Fuß­balls, und dies ist eine Mischung aus Vor­le­sung und Messe.