Seite 2: Ankunft eines Messias

Der 63-Jäh­rige beant­wortet die all­täg­li­chen Fragen nicht nur geduldig, son­dern rei­chert sie mit grund­sätz­li­chen Aus­füh­rungen aus seinem Lehr­buch an. Die Posi­tionen der Flü­gel­spieler sowie der Nummer Neun und Zehn sind die wich­tigsten im Fuß­ball. Das zeigt sich auch darin, dass 75 Pro­zent der Aus­wechs­lungen eine dieser vier Posi­tionen betreffen“, sagt er nebenbei auf die Frage nach einem ver­letzten Stürmer. Geduldig erklärt er die Dinge auch den Begriffs­stut­zigen im Audi­to­rium: Ich habe die Situa­tion des Spie­lers viele Male erklärt, ich kann mich noch erin­nern, was ich Ihnen darauf gesagt habe. Den­noch werde ich es noch einmal wie­der­holen“, sagt er und erklärt wirk­lich noch einmal, warum einer seiner Spieler nicht ein­satz­fähig ist.

Bielsa spricht dabei ohne Ironie, ohne Ver­zie­rungen oder Fuß­ball­sprech in klaren, ein­fa­chen Sätzen. Wäh­rend­dessen reibt er ange­spannt die Daumen anein­ander, und nur in wenigen Momenten schaut er kurz auf, sonst starrt er auf den Tisch vor sich. Angeb­lich hat er damit ange­fangen, weil er ohne Ansicht des Fra­genden allen glei­cher­maßen Ant­wort stehen wollte. Aber es gibt auch Leute, die sagen, dass er ein­fach sehr schüch­tern sei. Inter­views gibt er schon lange nicht mehr. Wer etwas wissen will, soll zu seinen Pres­se­kon­fe­renzen kommen, die bei anderen Trai­ner­sta­tionen aus­ufernd lang waren. In Leeds ver­hin­dert das ein betont schlecht­ge­launter Pres­se­spre­cher. Als Bielsa dann, wie er das immer tut, die Mann­schafts­auf­stel­lung fürs kom­mende Spiel bekannt­gibt, wirkt er gar wie ein blinder Seher. Er schaut auf die vor ihm auf dem Tisch lie­genden Hände. Die Finger sind aus­ge­streckt, und als er die Namen der elf Spieler nennt, hebt er sie abwech­selnd kurz hoch, als würde er die Mann­schafts­auf­stel­lung in Braille­schrift vor sich ertasten.

Ankunft wie die eines Mes­sias

99 Pro­zent unserer Fans lieben ihn, und das eine Pro­zent schläft noch“, sagt Robert Ende­acott. Sein Vater arbei­tete 26 Jahre lang als Hand­werker im Sta­dion Elland Road. Er selbst ist Mit­glied im Vor­stand des Leeds United Sup­por­ters Trust und hat einige Bücher über den Klub geschrieben. Gerade arbeitet er mit an der großen Ver­eins­chronik, die zum hun­dertsten Geburtstag des Klubs im Oktober erscheinen soll. Als im ver­gan­genen Sommer durch­si­ckerte, dass Bielsa kommen sollte, sagte ihm der Name so wenig wie den meisten Anhän­gern. Doch dann stellte Ende­acott fest, für wie viel Auf­merk­sam­keit die Nach­richt sorgte, und seither findet er: Der Klub hat damit seine Ambi­tionen bewiesen.“ End­lich, sagt sein Blick.

1999 wurden Leeds United Dritter in Eng­land und erreichte die Cham­pions League, doch 2004 stiegen sie ab. Später sogar für drei pein­liche Spiel­zeiten in die dritt­klas­sige League One. All die Jahre waren sie ein noto­ri­scher Chaos­klub mit win­digen Besit­zern und trotz phan­tas­ti­scher Zuschau­er­zahlen per­ma­nent leeren Kassen. In den letzten 15 Jahren gab es viele fal­sche Hoff­nungen und viele fal­sche Neu­an­fänge“, sagt Ende­acott und über­legt, woran es eigent­lich liegt, dass Bielsa die Herzen der Fans von Leeds United so schnell zuge­flogen sind. Klar, einer­seits spielt die Mann­schaft unter ihm erfolg­reich, in den besten Momenten sogar auf­re­gend und das mit fast den glei­chen Spie­lern wie im Vor­jahr sowie Youngs­tern aus dem eigenen Nach­wuchs. Natür­lich kommen seine Eigen­heiten und Schrullen dem eng­li­schen Ver­gnügen an Exzen­tri­kern ent­gegen. Der umge­drehte blaue Eiseimer, auf dem Bielsa am Spiel­feld­rand sitzt, wird im Fan­shop für stolze 80 Pfund ange­boten und ist ein Best­seller. Aber letzt­lich geht es um etwas anderes. Der Mann ist fana­tisch gründ­lich“, sagt Ende­acott, und das sorgt nicht nur bei ihm für das Gefühl, dass sein Verein end­lich in guten Händen ist.

Leeds‘ Spieler sam­melten Müll auf

Es ist erstaun­lich, dass gerade diesem intel­lek­tu­ellen Trainer aus Argen­ti­niens Bil­dungs­bür­gertum die Herzen der Fans zufliegen. Bielsas Vater war Rechts­an­walt, seine Mutter Uni­ver­si­täts­do­zentin und sein älterer Bruder Rafael sogar mal argen­ti­ni­scher Außen­mi­nister. Den­noch hat das Publikum ihn auf all seinen Sta­tionen geliebt, viel­leicht, weil er so fana­tisch ist wie sie selbst. Als die von Bielsa trai­nierten Newell’s Old Boys 1992 im eigenen Sta­dion in der Copa Libertadores mit 0:6 gegen San Lorenzo unter­gingen, wünschte er sich eine Nacht lang zutiefst, ein­fach zu sterben, wie er hin­terher zugab. In Bilbao fal­tete er seine Spieler zusammen, weil er nach einer Nie­der­lage im Pokal­fi­nale Lachen gehört hatte. 2014 twit­terten Fans von Olym­pique Mar­seille gerührt ein Foto von Bielsa, wie er im Trai­nings­anzug des Klubs bei McDonald‘s saß und völlig ver­sunken ein Spiel am Com­puter ana­ly­sierte. Und in Leeds konnten sie kaum glauben, dass er in seinen ersten Tagen die Spieler mal drei Stunden lang um das Trai­nings­ge­lände herum Müll auf­sam­meln ließ. Bielsa hatte sich erkun­digt, dass ein ein­fa­cher Fan so lange arbeiten muss, um sich die Ein­tritts­karte zum Spiel leisten zu können.

Aber warum ist er gerade in Leeds? Um den zu treffen, der Trainer und Klub zusam­men­ge­bracht hat, muss man hinauf in die zweite Etage der Haupt­tri­büne des Sta­dions. Hinter der schmuck­losen Holztür, neben der nüch­tern Offices“ steht, sind die Büros von Leeds United. Das von Victor Orta ist fens­terlos und mit dem Schreib­tisch, einem kleinen Sofa sowie Sessel fast schon voll. Zum Gefühl der Fülle trägt auch der Couch­tisch bei, der über­laden ist mit Büchern über den Verein und Fuß­ball­zeit­schriften aus aller Welt. Orta schlägt ein Son­der­heft zur J‑League auf und sagt: Das ist Japa­nisch, und ich kann nichts davon lesen, aber ich bin ein Freak: Ich liebe Maga­zine!“ Der Director of Foot­ball hat tau­sende Fuß­ball­zeit­schriften gesam­melt, das legen­däre argen­ti­ni­sche Magazin El Gra­fico“ sogar kom­plett von der ersten Aus­gabe 1920 bis zur letzten, die 2018 erschien.