Seite 3: Hässlicher Fußball? Folterstrafe!

Auch im Bezug auf Fuß­ball ist er ein Freak mit ver­rückter Bio­grafie, die der bär­tige 40-Jäh­rige über­spru­delnd erzählt. Ursprüng­lich hatte er Chemie stu­diert, doch das gab Orta auf, als er die Chance bekam, als Jour­na­list zu arbeiten. Mit 24 Jahren hörte ihn der Prä­si­dent von Real Val­la­dolid im Radio über Fuß­ball spre­chen und war so begeis­tert, dass er ihm das irr­wit­zige Angebot machte, Sport­di­rektor des Klubs zu werden. Plötz­lich habe ich mit Spie­lern in der Kabine gestanden, die ich einige Jahre zuvor noch nach Auto­grammen gefragt habe.“ Weil der Quer­ein­steiger in Val­la­dolid einen guten Job machte, holte ihn Monchi, der legen­däre Manager des FC Sevilla, als seine rechte Hand nach Anda­lu­sien. Bei Zenit St. Peters­burg arbei­tete Orta anschlie­ßend als Head of Recruit­ment unter Dietmar Bei­ers­dorfer, und zurück in Spa­nien schaffte er mit dem FC Elche den Klas­sen­er­halt in der Pri­mera Divi­sion – trotz des kleinsten Per­so­nal­etats aller Klubs der letzten zehn Jahre. Seit andert­halb Spiel­zeiten ist er in Leeds.

Bielsa war immer mein Lieb­lings­trainer“, sagt Orta. Bereits in Sevilla schlug er ihn vor. Manager Monchi bat ihn dar­aufhin, für den Vor­stand eine 15-sei­tige Prä­sen­ta­tion über Bielsa zu erstellen, Orta kam mit 50 Seiten. Aus der Ver­pflich­tung wurde den­noch nichts, wie auch später bei Zenit, wohin Orta ihn eben­falls gerne geholt hätte. Im ver­gan­genen Früh­jahr fragte ihn schließ­lich Andrea Rad­riz­zani, der Besitzer von Leeds United, auf einer Auto­fahrt von London zurück nach York­shire, wer sein Lieb­lings­trainer sei. Orta sagte natür­lich: Bielsa! Aber ich halte es für unmög­lich, dass er kommt.“ Rad­riz­zani ant­wor­tete: Warum fragst du ihn nicht?“ Orta rief Bielsa an und hin­ter­ließ eine Nach­richt auf der Mailbox. Als der Trainer am nächsten Morgen zurück­rief, hatte er schon sieben Spiele von Leeds United ange­schaut.

Fol­ter­strafe auf häss­li­chen Fuß­ball

Bielsas Fuß­ball ist zutiefst sys­te­ma­tisch, mit vielen typi­schen Eigen­heiten wie einer Drei­er­ab­wehr, fle­xi­bler Mann­de­ckung und wech­selndem Libero in der Abwehr. Das kunst­volle Angriffs­spiel wirkt nicht nur durch­cho­reo­gra­fiert, das ist es auch, weil er Spiel­züge einübt. Das ist tak­tisch rigide, aber es gibt auch Frei­räume und ist ein Fuß­ball nicht nur für Spit­zen­spieler. Es gibt Bücher dar­über, in Blogs wird die Spiel­weise ana­ly­siert, und in Argen­ti­nien stehen die Biel­sistas der­zeit sams­tags mor­gens um sieben Uhr auf, um die Über­tra­gung der Leeds-Spiele anzu­schauen. Jede Woche wird im Fern­sehen in der wich­tigsten Fuß­ball­dis­kus­si­ons­runde des Landes dar­über debat­tiert, erzählt Orta. Über einen eng­li­schen Zweit­li­gisten! Die kul­ti­sche Begeis­te­rung um den, der schon seit Jahren El Loco“ genannt wird, hat auch mit dem Überbau von Bielsas Fuß­ball zu tun. Eines seiner berühm­testen Zitate ist: Wer schönen Fuß­ball dem Ergebnis opfert, den sollte man meiner Mei­nung nach fol­tern. Die Ärmsten unter uns haben nur den Fuß­ball zur Ent­span­nung. Ich würde es schreck­lich finden, wenn wir ihnen nur Ergeb­nisse böten.“

Ganz klar ist auch Orta nicht, wes­halb Bielsa letzt­lich nach Leeds gekommen ist: Ich glaube, ihm hat die Her­aus­for­de­rung gefallen, einen Klub mit viel Geschichte wieder in die Pre­mier League zu führen.“ Auch früher schon hat Bielsa eher für emo­tio­nale Klubs gear­beitet, für Ath­letic Bilbao etwa, den Verein der Basken, wo er das End­spiel um den UEFA-Cup erreichte. Oder für Frank­reichs Gefühls­ma­schine Olym­pique Mar­seille.

Wenn man seinen Helden näher kommt, besteht oft die Gefahr der Ent­täu­schung. Bei Orta ist das mit Bielsa nicht so: Ich war ein Fan, bevor ich mit ihm gear­beitet habe, inzwi­schen hat sich das ver­viel­facht.“ Die Inten­sität des Mannes, der sich einst als Natio­nal­coach im Trai­nings­zen­trum des argen­ti­ni­schen Ver­bandes ein Zimmer ein­rich­tete, um keine Zeit mit der Fahrt zur Arbeit zu ver­geuden, schreckt Orta nicht. Ich finde es phan­tas­tisch, abends um elf Uhr noch eine Stunde mit ihm über Fuß­ball spre­chen zu können.“ Und das passt zu dem Ort, an dem diese beiden Ver­rückten zusam­men­ge­funden haben.

Große Fuß­stapfen

Gegen­über der Haupt­tri­büne des Sta­dions steht eine manns­hohe Bron­ze­statue, vor der ein Blu­men­ge­binde das Wort GRANDDAD“ bildet. Es ist das Denkmal für Don Revie, der Leeds United von einem Neben­dar­steller des eng­li­schen Fuß­balls zum domi­nanten Klub der späten sech­ziger und frühen sieb­ziger Jahre machte. Zwei Meis­ter­schaften gewann er, zweimal den Vor­läufer des UEFA-Cups und einmal den eng­li­schen Pokal. 1975 verlor Leeds das Euro­pa­po­kal­fi­nale der Lan­des­meister unglück­lich gegen den FC Bayern, wes­halb die Münchner hier bis heute der best­ge­hasste deut­sche Klub sind.

Die große His­torie bedeutet auch, dass es in Leeds eine unge­stillte Sehn­sucht nach Größe gibt. Eddie Gray, der 19 Jahre für den Klub spielte, alle Titel mit­ge­wann und heute, mit 71 Jahren, Kom­men­tator des klub­ei­genen TV-Kanals ist, steht dafür. Der Schotte ist ein Mann mit festem Hän­de­druck und klaren Ansichten: Don Revie war ein Per­fek­tio­nist. Und Bielsa hat in diesen Klub eine Inten­sität ein­ge­bracht, die in den letzten zwanzig Jahren gefehlt hat.“ Revie war ein harter Mann, der hart spielen ließ, und zugleich ein schlauer Tak­tiker, der seine Spieler schon in den Sech­zi­gern mit aus­führ­li­chen schrift­li­chen Dos­siers auf ihre Gegen­spieler vor­be­rei­tete. Doch Bielsa als eine Art von Wie­der­gänger des großen Mannes von einst zu sehen, das ist noch ver­früht“, findet Gray. Aber aus­ge­schlossen ist es nicht.