Der Text stammt ursprüng­lich aus der 11Freunde #208, der Text wurde erst­mals im März 2019 ver­öf­fent­lich. Das Heft ist direkt bei uns im Shop erhält­lich.

Mit dem zweiten Gegen­treffer beginnt der Zweifel die aus­ver­kauften Ränge des Sta­dions an der Elland Road hoch­zu­krie­chen. Bedroh­lich wie das Monster im Hor­ror­film, das besiegt schien und nun mit fürch­ter­li­chen Klauen doch wieder nach seinen Opfern greift. Die vierte Nie­der­lage in den letzten sechs Spielen zeichnet sich ab und der Ver­lust der Tabel­len­spitze. Leeds are fal­ling apart – again“, singen die Gäs­te­fans höh­nisch zur Melodie von Joy Divi­sions Love Will Tear Us Apart“. Der Rest des Sta­dions schweigt. Schafft es Leeds United etwa wieder nicht, einen Vor­sprung über die Saison zu bringen und end­lich in die Pre­mier League zurück­zu­kehren? Ist Mar­celo Bielsa doch nicht das Genie, den Pep Guar­diola für den besten Trainer der Welt“ hält, son­dern eben El Loco“? Der Ver­rückte, dessen Mann­schaften zum Ende der Saison aus­ge­brannt ihre Ziele ver­passen?

Trainer für die Trainer

Die auf den Tri­bünen sind mit dem Zweifel nicht allein. Bielsa geht mit hinter dem Rücken ver­schränken Armen die Coa­ching Zone auf und ab, den Blick auf den Boden geheftet. Nie­mand ist eher bereit, ihm die Schuld an Nie­der­lagen zu geben als Bielsa selbst. Seine Stürmer mögen die größten Chancen ver­geben und seine Ver­tei­diger patzen, doch nach dem Spiel, das gegen Nor­wich wirk­lich ver­lo­ren­geht, wird er sagen: Dafür ist immer der Trainer ver­ant­wort­lich.“

In der Lite­ratur gibt es Schrift­steller, die das Publikum kaum kennt, die aber von anderen Schrift­stel­lern ver­ehrt werden. Es gibt Fil­me­ma­cher, die nie einen Kas­sen­er­folg hatten, aber eine Inspi­ra­tion für viele Regis­seure sind. Mar­celo Bielsa ist in diesem Sinne ein Trainer für die Trainer. Guar­diola traf den Argen­ti­nier vor ein paar Jahren, und sie redeten 13 Stunden lang über Fuß­ball, in denen der Spa­nier end­lose Seiten mit Notizen füllte. Diego Simeone von Atle­tico Madrid und Mau­ricio Pochet­tino von Tot­tenham spielten nicht nur unter Bielsa, son­dern nennen ihn bis heute als wich­tigsten Ein­fluss. Der ehe­ma­lige chi­le­ni­sche Natio­nal­trainer Jorge Sam­paoli hörte sich stun­den­lang unterm Kopf­hörer die Mit­schnitte von Bielsas Pres­se­kon­fe­renzen an wie andere ihre Lieb­lings­band. Auch Bel­giens Natio­nal­trainer Roberto Mar­tinez ist ein Biel­sista, ein Mit­glied der Kon­gre­ga­tion der Bielsa-Gläu­bigen.

Vor­le­sung und Messe

Einmal in der Woche ist in Thorpe Arch ihr Got­tes­dienst. Vom Sta­dion aus braucht man mit dem Auto eine halbe Stunde zum Trai­nings­ge­lände von Leeds United. Die grim­mige post­in­dus­tri­elle Härte der Stadt bleibt auf dem Weg zurück, die Umge­bung wird zum eng­li­schen Post­kar­ten­idyll mit gemüt­li­chen Ort­schaften, grünen Hecken und einem glu­ckernden Flüss­chen, über das eine ein­spu­rige Stein­brücke führt. In der Abge­schie­den­heit von Thorpe Arch ist die Aka­demie für den Nach­wuchs des Klubs unter­ge­bracht und trai­nieren die Profis streng abge­schirmt von der Öffent­lich­keit. Stets zwei Tage vor den Spielen öffnet sich das Tor zu dieser Welt einen spalt­breit. Durchs Trep­pen­haus werden die Jour­na­listen dann in den Raum der Ver­kün­di­gung gescheucht, ein win­ziges Zimmer in der ersten Etage, an dessen Decke die Spuren eines alten Was­ser­scha­dens zu sehen sind. Drei Reihen creme­farben gepols­terte Louis-XVI-Stühle wirken wie ver­irrte Gäste aus den umlie­genden Land­häu­sern. Vorne am Tisch, eine Papier­wand mit Spon­so­ren­logos im Rücken, nehmen Mar­celo Bielsa und sein Über­setzer Salim Lam­rani Platz.

Anderswo wäre das ein­fach die Pres­se­kon­fe­renz, aber das kann sie hier schon des­halb nicht sein, weil dieser Über­setzer nicht irgendein Co-Trainer ist, der halt Spa­nisch und Eng­lisch kann. Der Fran­zose Lam­rani trägt einen Dok­tor­titel der welt­be­rühmten Uni­ver­sität Sor­bonne in Paris und ist ein inter­na­tional aner­kannter Experte für das poli­ti­sche Ver­hältnis der USA und Kuba. Als Bielsa 2017 in Lille Trainer wurde, lernten sie sich kennen, seither sind sie eng befreundet. Eigent­lich ist es absurd, dass so ein Aka­de­miker die Fragen nach ver­letzten Spie­lern und den Aus­sichten fürs nächste Spiel über­setzt, aber nicht hier. Schließ­lich ist Bielsa ein Gelehrter und Hohe­priester des Fuß­balls, und dies ist eine Mischung aus Vor­le­sung und Messe.

Der 63-Jäh­rige beant­wortet die all­täg­li­chen Fragen nicht nur geduldig, son­dern rei­chert sie mit grund­sätz­li­chen Aus­füh­rungen aus seinem Lehr­buch an. Die Posi­tionen der Flü­gel­spieler sowie der Nummer Neun und Zehn sind die wich­tigsten im Fuß­ball. Das zeigt sich auch darin, dass 75 Pro­zent der Aus­wechs­lungen eine dieser vier Posi­tionen betreffen“, sagt er nebenbei auf die Frage nach einem ver­letzten Stürmer. Geduldig erklärt er die Dinge auch den Begriffs­stut­zigen im Audi­to­rium: Ich habe die Situa­tion des Spie­lers viele Male erklärt, ich kann mich noch erin­nern, was ich Ihnen darauf gesagt habe. Den­noch werde ich es noch einmal wie­der­holen“, sagt er und erklärt wirk­lich noch einmal, warum einer seiner Spieler nicht ein­satz­fähig ist.

Bielsa spricht dabei ohne Ironie, ohne Ver­zie­rungen oder Fuß­ball­sprech in klaren, ein­fa­chen Sätzen. Wäh­rend­dessen reibt er ange­spannt die Daumen anein­ander, und nur in wenigen Momenten schaut er kurz auf, sonst starrt er auf den Tisch vor sich. Angeb­lich hat er damit ange­fangen, weil er ohne Ansicht des Fra­genden allen glei­cher­maßen Ant­wort stehen wollte. Aber es gibt auch Leute, die sagen, dass er ein­fach sehr schüch­tern sei. Inter­views gibt er schon lange nicht mehr. Wer etwas wissen will, soll zu seinen Pres­se­kon­fe­renzen kommen, die bei anderen Trai­ner­sta­tionen aus­ufernd lang waren. In Leeds ver­hin­dert das ein betont schlecht­ge­launter Pres­se­spre­cher. Als Bielsa dann, wie er das immer tut, die Mann­schafts­auf­stel­lung fürs kom­mende Spiel bekannt­gibt, wirkt er gar wie ein blinder Seher. Er schaut auf die vor ihm auf dem Tisch lie­genden Hände. Die Finger sind aus­ge­streckt, und als er die Namen der elf Spieler nennt, hebt er sie abwech­selnd kurz hoch, als würde er die Mann­schafts­auf­stel­lung in Braille­schrift vor sich ertasten.

Ankunft wie die eines Mes­sias

99 Pro­zent unserer Fans lieben ihn, und das eine Pro­zent schläft noch“, sagt Robert Ende­acott. Sein Vater arbei­tete 26 Jahre lang als Hand­werker im Sta­dion Elland Road. Er selbst ist Mit­glied im Vor­stand des Leeds United Sup­por­ters Trust und hat einige Bücher über den Klub geschrieben. Gerade arbeitet er mit an der großen Ver­eins­chronik, die zum hun­dertsten Geburtstag des Klubs im Oktober erscheinen soll. Als im ver­gan­genen Sommer durch­si­ckerte, dass Bielsa kommen sollte, sagte ihm der Name so wenig wie den meisten Anhän­gern. Doch dann stellte Ende­acott fest, für wie viel Auf­merk­sam­keit die Nach­richt sorgte, und seither findet er: Der Klub hat damit seine Ambi­tionen bewiesen.“ End­lich, sagt sein Blick.

1999 wurden Leeds United Dritter in Eng­land und erreichte die Cham­pions League, doch 2004 stiegen sie ab. Später sogar für drei pein­liche Spiel­zeiten in die dritt­klas­sige League One. All die Jahre waren sie ein noto­ri­scher Chaos­klub mit win­digen Besit­zern und trotz phan­tas­ti­scher Zuschau­er­zahlen per­ma­nent leeren Kassen. In den letzten 15 Jahren gab es viele fal­sche Hoff­nungen und viele fal­sche Neu­an­fänge“, sagt Ende­acott und über­legt, woran es eigent­lich liegt, dass Bielsa die Herzen der Fans von Leeds United so schnell zuge­flogen sind. Klar, einer­seits spielt die Mann­schaft unter ihm erfolg­reich, in den besten Momenten sogar auf­re­gend und das mit fast den glei­chen Spie­lern wie im Vor­jahr sowie Youngs­tern aus dem eigenen Nach­wuchs. Natür­lich kommen seine Eigen­heiten und Schrullen dem eng­li­schen Ver­gnügen an Exzen­tri­kern ent­gegen. Der umge­drehte blaue Eiseimer, auf dem Bielsa am Spiel­feld­rand sitzt, wird im Fan­shop für stolze 80 Pfund ange­boten und ist ein Best­seller. Aber letzt­lich geht es um etwas anderes. Der Mann ist fana­tisch gründ­lich“, sagt Ende­acott, und das sorgt nicht nur bei ihm für das Gefühl, dass sein Verein end­lich in guten Händen ist.

Leeds‘ Spieler sam­melten Müll auf

Es ist erstaun­lich, dass gerade diesem intel­lek­tu­ellen Trainer aus Argen­ti­niens Bil­dungs­bür­gertum die Herzen der Fans zufliegen. Bielsas Vater war Rechts­an­walt, seine Mutter Uni­ver­si­täts­do­zentin und sein älterer Bruder Rafael sogar mal argen­ti­ni­scher Außen­mi­nister. Den­noch hat das Publikum ihn auf all seinen Sta­tionen geliebt, viel­leicht, weil er so fana­tisch ist wie sie selbst. Als die von Bielsa trai­nierten Newell’s Old Boys 1992 im eigenen Sta­dion in der Copa Libertadores mit 0:6 gegen San Lorenzo unter­gingen, wünschte er sich eine Nacht lang zutiefst, ein­fach zu sterben, wie er hin­terher zugab. In Bilbao fal­tete er seine Spieler zusammen, weil er nach einer Nie­der­lage im Pokal­fi­nale Lachen gehört hatte. 2014 twit­terten Fans von Olym­pique Mar­seille gerührt ein Foto von Bielsa, wie er im Trai­nings­anzug des Klubs bei McDonald‘s saß und völlig ver­sunken ein Spiel am Com­puter ana­ly­sierte. Und in Leeds konnten sie kaum glauben, dass er in seinen ersten Tagen die Spieler mal drei Stunden lang um das Trai­nings­ge­lände herum Müll auf­sam­meln ließ. Bielsa hatte sich erkun­digt, dass ein ein­fa­cher Fan so lange arbeiten muss, um sich die Ein­tritts­karte zum Spiel leisten zu können.

Aber warum ist er gerade in Leeds? Um den zu treffen, der Trainer und Klub zusam­men­ge­bracht hat, muss man hinauf in die zweite Etage der Haupt­tri­büne des Sta­dions. Hinter der schmuck­losen Holztür, neben der nüch­tern Offices“ steht, sind die Büros von Leeds United. Das von Victor Orta ist fens­terlos und mit dem Schreib­tisch, einem kleinen Sofa sowie Sessel fast schon voll. Zum Gefühl der Fülle trägt auch der Couch­tisch bei, der über­laden ist mit Büchern über den Verein und Fuß­ball­zeit­schriften aus aller Welt. Orta schlägt ein Son­der­heft zur J‑League auf und sagt: Das ist Japa­nisch, und ich kann nichts davon lesen, aber ich bin ein Freak: Ich liebe Maga­zine!“ Der Director of Foot­ball hat tau­sende Fuß­ball­zeit­schriften gesam­melt, das legen­däre argen­ti­ni­sche Magazin El Gra­fico“ sogar kom­plett von der ersten Aus­gabe 1920 bis zur letzten, die 2018 erschien.

Auch im Bezug auf Fuß­ball ist er ein Freak mit ver­rückter Bio­grafie, die der bär­tige 40-Jäh­rige über­spru­delnd erzählt. Ursprüng­lich hatte er Chemie stu­diert, doch das gab Orta auf, als er die Chance bekam, als Jour­na­list zu arbeiten. Mit 24 Jahren hörte ihn der Prä­si­dent von Real Val­la­dolid im Radio über Fuß­ball spre­chen und war so begeis­tert, dass er ihm das irr­wit­zige Angebot machte, Sport­di­rektor des Klubs zu werden. Plötz­lich habe ich mit Spie­lern in der Kabine gestanden, die ich einige Jahre zuvor noch nach Auto­grammen gefragt habe.“ Weil der Quer­ein­steiger in Val­la­dolid einen guten Job machte, holte ihn Monchi, der legen­däre Manager des FC Sevilla, als seine rechte Hand nach Anda­lu­sien. Bei Zenit St. Peters­burg arbei­tete Orta anschlie­ßend als Head of Recruit­ment unter Dietmar Bei­ers­dorfer, und zurück in Spa­nien schaffte er mit dem FC Elche den Klas­sen­er­halt in der Pri­mera Divi­sion – trotz des kleinsten Per­so­nal­etats aller Klubs der letzten zehn Jahre. Seit andert­halb Spiel­zeiten ist er in Leeds.

Bielsa war immer mein Lieb­lings­trainer“, sagt Orta. Bereits in Sevilla schlug er ihn vor. Manager Monchi bat ihn dar­aufhin, für den Vor­stand eine 15-sei­tige Prä­sen­ta­tion über Bielsa zu erstellen, Orta kam mit 50 Seiten. Aus der Ver­pflich­tung wurde den­noch nichts, wie auch später bei Zenit, wohin Orta ihn eben­falls gerne geholt hätte. Im ver­gan­genen Früh­jahr fragte ihn schließ­lich Andrea Rad­riz­zani, der Besitzer von Leeds United, auf einer Auto­fahrt von London zurück nach York­shire, wer sein Lieb­lings­trainer sei. Orta sagte natür­lich: Bielsa! Aber ich halte es für unmög­lich, dass er kommt.“ Rad­riz­zani ant­wor­tete: Warum fragst du ihn nicht?“ Orta rief Bielsa an und hin­ter­ließ eine Nach­richt auf der Mailbox. Als der Trainer am nächsten Morgen zurück­rief, hatte er schon sieben Spiele von Leeds United ange­schaut.

Fol­ter­strafe auf häss­li­chen Fuß­ball

Bielsas Fuß­ball ist zutiefst sys­te­ma­tisch, mit vielen typi­schen Eigen­heiten wie einer Drei­er­ab­wehr, fle­xi­bler Mann­de­ckung und wech­selndem Libero in der Abwehr. Das kunst­volle Angriffs­spiel wirkt nicht nur durch­cho­reo­gra­fiert, das ist es auch, weil er Spiel­züge einübt. Das ist tak­tisch rigide, aber es gibt auch Frei­räume und ist ein Fuß­ball nicht nur für Spit­zen­spieler. Es gibt Bücher dar­über, in Blogs wird die Spiel­weise ana­ly­siert, und in Argen­ti­nien stehen die Biel­sistas der­zeit sams­tags mor­gens um sieben Uhr auf, um die Über­tra­gung der Leeds-Spiele anzu­schauen. Jede Woche wird im Fern­sehen in der wich­tigsten Fuß­ball­dis­kus­si­ons­runde des Landes dar­über debat­tiert, erzählt Orta. Über einen eng­li­schen Zweit­li­gisten! Die kul­ti­sche Begeis­te­rung um den, der schon seit Jahren El Loco“ genannt wird, hat auch mit dem Überbau von Bielsas Fuß­ball zu tun. Eines seiner berühm­testen Zitate ist: Wer schönen Fuß­ball dem Ergebnis opfert, den sollte man meiner Mei­nung nach fol­tern. Die Ärmsten unter uns haben nur den Fuß­ball zur Ent­span­nung. Ich würde es schreck­lich finden, wenn wir ihnen nur Ergeb­nisse böten.“

Ganz klar ist auch Orta nicht, wes­halb Bielsa letzt­lich nach Leeds gekommen ist: Ich glaube, ihm hat die Her­aus­for­de­rung gefallen, einen Klub mit viel Geschichte wieder in die Pre­mier League zu führen.“ Auch früher schon hat Bielsa eher für emo­tio­nale Klubs gear­beitet, für Ath­letic Bilbao etwa, den Verein der Basken, wo er das End­spiel um den UEFA-Cup erreichte. Oder für Frank­reichs Gefühls­ma­schine Olym­pique Mar­seille.

Wenn man seinen Helden näher kommt, besteht oft die Gefahr der Ent­täu­schung. Bei Orta ist das mit Bielsa nicht so: Ich war ein Fan, bevor ich mit ihm gear­beitet habe, inzwi­schen hat sich das ver­viel­facht.“ Die Inten­sität des Mannes, der sich einst als Natio­nal­coach im Trai­nings­zen­trum des argen­ti­ni­schen Ver­bandes ein Zimmer ein­rich­tete, um keine Zeit mit der Fahrt zur Arbeit zu ver­geuden, schreckt Orta nicht. Ich finde es phan­tas­tisch, abends um elf Uhr noch eine Stunde mit ihm über Fuß­ball spre­chen zu können.“ Und das passt zu dem Ort, an dem diese beiden Ver­rückten zusam­men­ge­funden haben.

Große Fuß­stapfen

Gegen­über der Haupt­tri­büne des Sta­dions steht eine manns­hohe Bron­ze­statue, vor der ein Blu­men­ge­binde das Wort GRANDDAD“ bildet. Es ist das Denkmal für Don Revie, der Leeds United von einem Neben­dar­steller des eng­li­schen Fuß­balls zum domi­nanten Klub der späten sech­ziger und frühen sieb­ziger Jahre machte. Zwei Meis­ter­schaften gewann er, zweimal den Vor­läufer des UEFA-Cups und einmal den eng­li­schen Pokal. 1975 verlor Leeds das Euro­pa­po­kal­fi­nale der Lan­des­meister unglück­lich gegen den FC Bayern, wes­halb die Münchner hier bis heute der best­ge­hasste deut­sche Klub sind.

Die große His­torie bedeutet auch, dass es in Leeds eine unge­stillte Sehn­sucht nach Größe gibt. Eddie Gray, der 19 Jahre für den Klub spielte, alle Titel mit­ge­wann und heute, mit 71 Jahren, Kom­men­tator des klub­ei­genen TV-Kanals ist, steht dafür. Der Schotte ist ein Mann mit festem Hän­de­druck und klaren Ansichten: Don Revie war ein Per­fek­tio­nist. Und Bielsa hat in diesen Klub eine Inten­sität ein­ge­bracht, die in den letzten zwanzig Jahren gefehlt hat.“ Revie war ein harter Mann, der hart spielen ließ, und zugleich ein schlauer Tak­tiker, der seine Spieler schon in den Sech­zi­gern mit aus­führ­li­chen schrift­li­chen Dos­siers auf ihre Gegen­spieler vor­be­rei­tete. Doch Bielsa als eine Art von Wie­der­gänger des großen Mannes von einst zu sehen, das ist noch ver­früht“, findet Gray. Aber aus­ge­schlossen ist es nicht.

In ihrer Klasse, Beses­sen­heit und der beson­deren Ver­bin­dung zum Publikum ähneln sich die beiden Trainer. Auch darin, alle im Klub gleich zu behan­deln, vom Besitzer bis zur Wäschefrau. Aber wo Revie ver­schlagen war, ist Bielsa, der prak­ti­zie­rende Katholik, fast schon patho­lo­gisch ehr­lich. Das wurde spä­tes­tens bei dem klar, was die eng­li­schen Medien Spy­gate“ nannten. Nach einer Nie­der­lage von Derby County in Leeds Anfang Januar beschwerte sich deren Trainer Frank Lam­pard, dass sie einige Tage vor dem Spiel jemanden erwischt hatten, der im Auf­trag von Bielsa ihr Trai­ning aus­spio­niert hatte. Zwar stellte sich heraus, dass der ver­meint­liche Spion schlicht von einem öffent­li­chen Weg aus zuge­schaut hatte, aber da war die Auf­re­gung schon riesig.

Eine denk­wür­dige Pres­se­kon­fe­renz

Als Leeds United dar­aufhin kurz­fristig zu einer Pres­se­kon­fe­renz einlud, brach bei den Fans helles Ent­setzen aus. Schließ­lich konnte das nur bedeuten, dass El Loco“ die Bro­cken hin­werfen würde. Doch statt­dessen über­nahm Bielsa zunächst die volle Ver­ant­wor­tung für die Affäre, um dann in einer 70-minü­tigen Prä­sen­ta­tion offen­zu­legen, wie er seine Gegner ana­ly­siert. In der Vor­be­rei­tung auf ein Spiel würden ins­ge­samt 300 Arbeits­stunden seines Trai­ner­teams ste­cken, inklu­sive der Trai­nings­be­ob­ach­tung. Wir fühlen uns schuldig, wenn wir nicht genug gear­beitet haben“, erklärte Bielsa bei dem schon jetzt his­to­ri­schen Auf­tritt. Jetzt wisst ihr auch, warum wir unser Sta­dion nach ihm benannt haben“, twit­terten die Newell’s Old Boys amü­siert. Seit 2009 spielt der Klub aus Rosario im Estadio Mar­celo Bielsa.

Doch Bielsa ist nicht nur über­ehr­lich und von stän­digen Selbst­zwei­feln geplagt. Es gibt auch Zweifel an ihm. Ver­langt er von seinen Spie­lern durch stets über­lange Trai­nings­ein­heiten und ein unge­heuer lauf­in­ten­sives Spiel schlichtweg zu viel? Er bestreitet das und würde davon auch nie Abstriche machen. Es ist so schwer, den Stil einer Mann­schaft zu erschaffen, es dauert so lange und ist gleich­zeitig so instabil. Wenn man ihn ändert, war er nicht stark genug. Und wenn man etwas leicht ver­än­dern kann, bedeutet das: Es war nicht schwer, das zu bauen.“ Auch Orta, sein größter Fan, bestärkt ihn in dieser Hal­tung. Es ist doch groß­artig, wenn ein Trainer alles aus den Spie­lern her­aus­holt“, ruft er, springt thea­tra­lisch auf und macht eine Hand­be­we­gung, als würde er Wäsche aus­wringen. Über­haupt, jeder im Verein müsse dankbar dafür sein, von diesem Per­fek­tio­nisten lernen zu dürfen. Er will doch nur, dass wir ein bes­serer Klub sind, wenn er eines Tages geht.“

Bester Trainer der Welt?

Wie bemisst man eigent­lich Erfolg und Größe im Fuß­ball? Darin, Klubs besser zu machen oder Spieler? An visio­nären fuß­bal­le­ri­schen Ideen und Kon­zepten? Oder schlichtweg an Titeln? Bielsa wurde im Laufe seiner fast 30-jäh­rigen Kar­riere zweimal argen­ti­ni­scher Meister mit den Newell’s Old Boys und einmal mit Velez Sars­field. Außerdem gewann er 2004 mit dem argen­ti­ni­schen Team die Gold­me­daille bei Olympia. Ich bin kein erfolg­rei­cher Trainer. Eine der Sachen, die sie am meisten hören, wenn über mich gespro­chen wird, sind die feh­lenden Titel“, sagt er über sich. Doch Pep Guar­diola wider­spricht dem Mann, den er so bewun­dert: Wir werden zwar danach beur­teilt, wie viele Titel wir gewonnen haben. Aber das spielt eine gerin­gere Rolle, als wie Bielsa den Fuß­ball und seine Spieler beein­flusst hat.“ Genau aus diesem Grund sei er für ihn eben der beste Trainer der Welt.

In Mar­seille wurde Bielsa im Stade Vélo­drome mit einem Banner begrüßt, auf dem stand: El Loco, haznos soñar“. Ver­rückter, lass uns träumen! Siege und Titel waren damit gemeint, aber nicht nur. Bielsas wahre Größe, geboren aus Obses­sion und Gelehrt­heit, Selbst­zweifel und Zer­knir­schung, liegt jen­seits zähl­barer Erfolge. Denn der Ver­rückte ist Hüter des Traums von der Magie und der Kraft des Fuß­balls.