Man kann mit Fug und Recht sagen, dass der Schwede Glenn Schiller nicht zu den bekann­testen Profis seines Hei­mat­landes gehört, immerhin umfasst sein schwe­di­scher Wiki­pedia-Ein­trag nur magere 263 Zei­chen. Dabei gibt es so einige Sachen an ihm, die der Erwäh­nung wert wären. Etwa sein schöner Spitz­name. Schiller hieß bei seinen Kol­legen und in der Presse nur Disco“, weil er in eben­sol­chen Eta­blis­se­ments einen Groß­teil seiner Frei­zeit ver­brachte und ein echter Hal­lodri war. Und natür­lich die Tat­sache, dass er seinen größten Erfolg als Profi fast ver­passt hätte, weil man den coolen Disco-Glenn auf dem Klo ein­ge­sperrt hatte, wäh­rend das Finale um den UEFA-Pokal lief …

Das pas­sierte am 19. Mai 1982 im Ham­burger Volks­park­sta­dion. Göte­borg hatte zwei Wochen zuvor das erste End­spiel daheim gegen den HSV mit 1:0 gewonnen – auf einem kom­plett ver­schlammten Rasen und durch ein Tor in der 88. Minute. In dieser ersten Partie war Schiller zur Pause in die Partie gekommen, und das war recht typisch. Disco zählte nicht auto­ma­tisch zur ersten Elf, obwohl er beim ent­schei­denden Halb­fi­nal­sieg gegen Kai­sers­lau­tern durch­spielen durfte. Nor­ma­ler­weise war er der erste Mann, den Trainer Sven-Göran Eriksson für eine Ein­wechs­lung vorsah: Im Vier­tel­fi­nale gegen Valencia kam Schiller sogar schon nach 25 Minuten auf den Rasen.

Schiller saß an jenem 19. Mai etwas länger auf dem Klo

Auch in Ham­burg sollte Disco nun zunächst auf der Ersatz­bank sitzen. Und das hieß, dass er einer der letzten Göte­borger sein würde, die kurz vor Spiel­be­ginn noch einmal die Kera­mik­ab­tei­lung des Sta­dions auf­suchten. Dieser kol­lek­tive Gang zur Toi­lette war unter Eriksson näm­lich zu einer Rou­tine der Mann­schaft geworden: Die Startelf ging zuerst und steu­erte danach das Spiel­feld an; die Ersatz­spieler war­teten, bis ihre Kol­legen sich erleich­tert hatten, ver­rich­teten dann ihr eigenes Geschäft und ver­ließen anschlie­ßend den Kabi­nen­trakt.

Nun hatte dieses gemein­schaft­liche Uri­nieren den Nach­teil, dass auch Spieler zur Toi­lette gingen, die gar nicht mussten. Schiller zum Bei­spiel saß an jenem 19. Mai etwas länger auf dem Klo. Und zwar so lange, dass er nicht mit­bekam, wie alle seine Kol­legen schon längst in den Schein des Flut­lichts getreten waren. Oder dass der zustän­dige Platz­wart inzwi­schen seiner Pflicht und Schul­dig­keit nach­ge­kommen war. Wäh­rend eines Spiels sollte der Kabi­nen­trakt näm­lich ver­schlossen sein – und das war er jetzt.

Wäh­rend draußen das bis dahin wich­tigste Spiel der Göte­borger Klub­ge­schichte (und des gesamten schwe­di­schen Ver­eins­fuß­balls) ange­pfiffen wurde, stand Schiller einsam in den Kata­komben und schlug mit den Fäusten gegen eine ver­schlos­sene Tür. Wir wollen es der abso­luten Kon­zen­tra­tion der Schweden auf die Partie zuschreiben, dass es nie­mandem vom IFK auf­fiel, dass einer der Spieler fehlte. (Eriksson sagte später: Wenn das Spiel beginnt, dann denkt man über so etwas nicht nach. Man steht nicht vor der Bank und zählt seine Spieler!“) Vor allem, da Göte­borg die Begeg­nung gegen den großen Favo­riten ful­mi­nant begann: Die Schweden ver­tei­digten nicht etwa ihren knappen Vor­sprung, son­dern griffen an! Schon nach zwei Minuten schei­terte Tommy Holm­gren mit einem Kopf­ball nur ganz knapp.

Ich war nicht auf­ge­wärmt, nicht vor­be­reitet, gar nichts“

Dann kam, was kommen musste. Nach etwa einer Vier­tel­stunde, wäh­rend Schiller sich die Seele aus dem Leib geschrien hatte, um aus der Kabine befreit zu werden, ver­letzte sich Göte­borgs Abwehr­spieler Glenn Hysén. Bange Momente folgten. Momente, in denen Eriksson und sein Co-Trainer Gunder Beng­tsson darauf war­teten, ob Hysén aus dem Spiel genommen werden müsste. Momente, in denen ein Ham­burger Platz­wart den Kabi­nen­trakt auf­schloss, weil er ein merk­wür­diges Wum­mern und Schreien hörte.

Schließ­lich signa­li­sierte Hysén, dass er nicht wei­ter­spielen konnte. Beng­tsson ging zum Lini­en­richter, um eine Aus­wechs­lung anzu­melden. Eriksson wandte sich zur Bank, um Schiller Anwei­sungen zu geben. In genau diesem Augen­blick trat Disco aus dem Kabi­nen­gang auf den Rasen und rannte zu seinen Kol­legen. Mög­li­cher­weise glaubte Eriksson, dass sich Schiller in weiser Vor­aus­sicht bereits auf­ge­wärmt hatte; jeden­falls schickte er ihn augen­blick­lich in die Partie. Ich hatte die Bank noch nicht erreicht, als man mir sagte, ich würde ein­ge­wech­selt. Ich war nicht auf­ge­wärmt, nicht vor­be­reitet, gar nichts“, erin­nerte sich Schiller Jahr­zehnte später in einem Inter­view mit dem schwe­di­schen Fuß­ball-Magazin Off­side“. Sieben Minuten nach Schil­lers Ein­wechs­lung flankte Holm­gren und Dan Cor­ne­li­usson schoss das 0:1. Zwei wei­tere Tore der Gäste folgten, der IFK holte als erster Klub aus Schweden eine euro­päi­sche Tro­phäe.