Der vierte Sonntag im Mai war in Zürich kein schöner Tag. Es reg­nete mit so großer Ent­schlos­sen­heit vom Himmel, dass jeder nass wurde, der vor die Tür ging. Und zwei­fellos passte das Wetter zur Stim­mung der Anhänger des FC Zürich, als sie auf das Sta­dion Let­zi­grund zuströmten. Ihre Mann­schaft hatte sich fürs Schweizer Pokal­fi­nale qua­li­fi­ziert, das sogar ein Final dihei“ war, weil es zum ersten Mal seit 80 Jahren wieder in Zürich aus­ge­tragen wurde. Aber genau diese Mann­schaft war in genau diesem Sta­dion vier Tage zuvor in die zweite Liga abge­stiegen – zum ersten Mal nach fast drei Jahr­zehnten. 

Nachdem der Abstieg fest­stand, hatten die Ultras aus der Süd­kurve ver­sucht, die Kata­komben des Sta­dions zu stürmen. Letzt­lich war außer viel Geschrei aber nicht viel pas­siert. Doch nun standen sie am Tag des Finales wieder an ihrem Platz im Sta­dion und waren ein paar hun­dert Men­schen starkes Mahnmal des Zorns. Ent­lang ihrer Kurve teilte ein manns­hohes Banner der Mann­schaft auf Schwy­zer­dütsch mit: Gewinnt das Finale, geht nach Hause und schämt Euch weiter.“ Ansonsten schwiegen sie.

Wie ein schlechter Geruch, der sich nicht ver­ziehen will

Sie schwiegen, als zunächst der Gast aus Lugano gut spielte und schwiegen weiter, als ihre Mann­schaft besser in die Partie kam. Sie jubelten nach einer halben Stunde nicht, als der Tor­hüter des FC Zürich eines Elf­meter hielt, den er selbst ver­ur­sacht hatte. Und sie fei­erten auch nicht, als ihre Mann­schaft kurz vor der Pause in Füh­rung ging. Ich war froh, dass ich ein paar Blöcke weiter meinen Platz hatte, wo jene Zür­cher standen, die ange­sichts der gru­se­ligen Saison zumin­dest ein wenig Happy End haben wollten. Aber schwer war´s mit der Hap­pi­ness, denn das aggres­sive Schweigen der jungen Männer in den schwarzen Kla­motten lag über dem Sta­dion wie ein schlechter Geruch, der sich nicht ver­ziehen wollte.

Sie wollten sich in ihrem Groll auch nicht davon besänf­tigen lassen, dass der FCZ den Cup wirk­lich gewann. Was doch immerhin bedeu­tete, dass sie als Zweit­li­gist im Euro­pa­pokal spielen dürften. Um alle Zweifel an ihrem Miss­fallen zu besei­tigen, zogen sie kurz vor Abpfiff ihre Imker­hauben über, damit sie nie­mand mehr iden­ti­fi­zieren konnte. Das sah bedroh­lich aus, weil sie nun nicht nur junge Männer in Schwarz waren, son­dern auch Men­schen ohne Gesichter. Dann warfen sie Kano­nen­schläge auf die Lauf­bahn und hörten ewig nicht damit auf, damit bloß keiner eine Annä­he­rung ver­suchte. Mit den Fans in der Nach­bar­schaft, die ihr Team beju­beln wollten, gab es sogar eine kurze Schlä­gerei. Die Mann­schaft fei­erte also mit dem Rest­sta­dion und machte dabei einen großen Bogen um jene, die man gerne die treu­esten der Treuen nennt, die an jenem Tag aber die unver­söhn­lichsten der Unver­söhn­li­chen sein wollten.

Doch dann, bestimmt schon eine halbe Stunde nach Abpfiff, kamen fast schon vom Ein­gang zu den Kabinen noch einmal zwei Spieler her­über. Einer­seits war das Gilles Yapi, der ver­letzt aus­ge­wech­selte Mit­tel­feld­mann von der Elfen­bein­küste, der hum­pelnd und mit tam­po­nierter Nase etwas von einem Kriegs­ver­sehrten hatte. Er trug den Pokal an einem Henkel und der alt­ge­diente Ver­tei­diger Alain Nef am anderen. Gemeinsam strebten sie der Süd­kurve zu und wuch­teten sich über den Wer­be­reiter hinter dem Tor. Wenige Schritte dahinter, unge­fähr dort, wo bei Leicht­ath­le­tik­wett­kämpfen die Matte der Stab­hoch­springer liegt, stellten sie den Pokal auf dem Boden ab. 

Ver­liebt in ihren Zorn

Dann drehten sie sich um, klet­terten wieder über die Bande zurück und schleppten sich dem Aus­gang ent­gegen. Die bizarrste Feier eines Pokal­siegs, die ich je erlebt hatte, hatte eine letzte absurde Wen­dung bekommen. Der Pokal, geschmückt mit blau-weißen Bän­dern, den Farben des FC Zürich, blieb zurück wie eine Opfer­gabe. Doch die in Schwarz waren noch zu ver­liebt in ihren Zorn, weil er sie so groß und so gerecht machte, dass sie das Opfer nicht annehmen wollten. Sie wollten lieber noch böse sein, riefen den Spie­lern Flüche hin­terher und ver­ließen das Sta­dion. 

PS: Irgendwer musste den Pokal dann doch wieder mit­ge­nommen haben. Als ich am nächsten Tag zu Gast bei einer Ver­an­stal­tung im Museum des FC Zürich war, stand er dort. Ich durfte ihn sogar in die Hand nehmen. Etwas später am Abend kam der Trainer des FCZ und nahm den Cup mit. Er wollte ihn noch seiner Mutter zeigen.