Am meisten bewun­dere ich Wirt­schafts­mi­nister Sigmar Gabriel“, platzt es aus der Par­la­ment­kor­re­spon­dentin des ZDF heraus, hinter ihr der Reichstag bei Nacht. Und ich frage mich: Wie cool ist dieser Mann eigent­lich?“ Aber natür­lich: Im Poli­tik­res­sort ist ein sol­cher Bei­trag undenkbar, er würde sofort als Pro­pa­gan­da­jour­na­lismus gebrand­markt. Wir sind hier doch nicht in Nord­korea!

Müller-Hohen­stein und der coole Herr Löw

In der Hof­be­richt­erstat­tung, die die öffent­lich-recht­li­chen Sender aus dem Lager der deut­schen Natio­nal­mann­schaft in Bra­si­lien ablie­fern, gehören Äuße­rungen wie diese jedoch zum Modus Ope­randi: Am meisten bewun­dere ich Bun­des­trainer Joa­chim Löw“, schwärmte Katrin Müller-Hohen­stein, hinter ihr das Mann­schafts­hotel bei Nacht. Und ich frage mich: Wie cool ist dieser Mann eigent­lich?“ Die Ant­wort gab sie nicht, aber wir kennen sie ja bereits: Unfassbar cool muss dieser Löw sein, den das ZDF nur Minuten zuvor als einsam-fokus­sierten Strand­jogger gezeigt hatte, mit Gischt im Haar und im sorgsam aus­ge­wählten Kapu­zen­jäck­chen, telegen auf die Kameras zusprin­tend. Eine Szene wie aus der Deodo­rant-Reklame.

Und ein Beleg des Schland-trun­kenen Insze­nie­rungs- wil­lens der Anstalten, unter­füt­tert von distanz­losem Ran­schmeiß­jour­na­lismus. ARD-Kom­men­tator Gerd Gottlob etwa spricht von Wir“, wenn er die deut­sche Natio­nal­mann­schaft meint, der Fernseh-Azubi Hasan Sali­ha­midzic darf sich mit ehe­ma­ligen Mit­spie­lern am Swim­ming­pool in den Fei­er­abend gig­geln. An einem anderen Becken­rand saß wie­derum Katrin Müller- Hohen­stein mit ihrem Lieb­lings­stümer Lukas Podolski, sie malten mit den Zehen Kringel ins kühle Nass. Wesent­lich inter­es­santer als das so genannte Inter­view war die Frage: Wann schubst er sie end­lich rein? Das war ja damals, im Freibad Berg­heim, wo Poldi die Som­mer­freien ver­brachte, die höchste Form der Lie­bes­be­kun­dung.

Wir brau­chen kri­ti­sche Ana­lysen und harte Fragen

Frei­lich gibt es der­zeit nichts zu skan­da­li­sieren im Lager des DFB, mal abge­sehen vom Alt­her­ren­ge­zänk zwi­schen Prä­si­dent Wolf­gang Niers­bach und seinem Vor­gänger Dr. Theo Zwan­ziger. Sport­lich läuft es gut, und das ist auch durchaus wün­schens­wert. Aber es ist kein Grund für die Sender, derart affir­mativ zu Werke zugehen, dass man glauben könnte, sie seien der ver­län­gerte Arm der DFB-Pres­se­stelle.

Es ist so ähn­lich wie beim Kar­neval: Alle zwei Jahre, bei den großen Tur­nieren, wird Deutsch­land zu Schland, einer Nation der Narren. Den Fans sei dieser Aus­nah­me­zu­stand ver­gönnt und ver­ziehen. Die Sender und ihre Jour­na­listen aller­dings dürfen sich davon nicht mit­reißen lassen. Denn was geschieht etwa, wenn die Natio­nal­mann­schaft doch noch früh­zeitig aus­scheidet – ein Sze­nario, das nach nur einem Spiel und der beglei­tenden Schwär­merei noch unwahr­schein­li­cher erscheint, als dass Joa­chim Löw mal schlecht ange­zogen ist? Für diesen Fall braucht es kri­ti­sche Ana­lysen und harte Fragen. Und keine wei­nenden Jour­na­listen am Pool.