Herr Kind, Sie sind ein erfolg­rei­cher Unter­nehmer, als Boss des Bun­des­li­gisten Han­nover 96 der­zeit unver­zichtbar. Da hätten Sie es eigent­lich nicht nötig, sich wegen Ihres Enga­ge­ments für die Abschaf­fung der soge­nannten 50+1‑Regelung anfeinden zu lassen.
 
Es gibt ja keine echten Anfein­dungen… Alle Seiten ver­su­chen, – mehr oder weniger – sach­lich zu dis­ku­tieren. Es geht ja schließ­lich um neue erfolg­reiche Struk­turen für alle Bun­des­li­ga­ver­eine. Ich habe die Dis­kus­sion um die 50+1‑Regelung ledig­lich eröffnet, nicht mehr und nicht weniger.



Wann haben Sie diese Not­wen­dig­keit erkannt?
 
Da muss ich etwas zurück­bli­cken: Das war vor zwölf Jahren, 96 spielte in der dritten Liga und war prak­tisch insol­vent. Ich habe mich damals bereit erklärt, Ver­ant­wor­tung für den Verein zu über­nehmen. Am Beginn stand eine grund­le­gende Ana­lyse. Warum war Han­nover in diese Situa­tion gekommen? Und die ent­schei­dende Frage: Wie kann man die Zukunft gestalten? Der erste und wich­tigste Punkt ist dabei aus meiner Erfah­rung immer das öffent­liche Pro­dukt, also die Profi-Mann­schaft. Das bedeu­tete für uns: Schnell raus aus der dritten Liga, rein in die Zweite und wenn es geht schnell in die Bun­des­liga. Das ist ins­ge­samt gut gelaufen, besser als ich es erhofft hatte. Wir spielen in diesem Jahr – zwar unter schwie­rigen Bedin­gungen – aber immerhin schon im siebten Jahr in der ersten Liga. Der zweite Punkt damals war die wirt­schaft­liche Sanie­rung, und da wurde schnell deut­lich, dass diese unter den nor­malen Bedin­gungen in der Regio­nal­liga oder auch in der zweiten Liga nicht mög­lich ist. Das hat dann dazu geführt, dass ich ein Sanie­rungs­kon­zept ent­wi­ckelt habe, um 96 fri­sches Kapital zuzu­führen. Sonst wäre der Pro­zess in Rich­tung Zukunft nicht mög­lich gewesen. Mir ist damals gelungen, vier Pri­vat­per­sonen und ein Unter­nehmen aus der Region davon zu über­zeugen, Geld als Risi­ko­ka­pital für den Verein zur Ver­fü­gung zu stellen. Damit konnten wir Hand­lungs­fä­hig­keit für die Zukunft gewinnen und die Ver­bind­lich­keiten bedienen. Der dritte Punkt war die Frage, warum Han­nover 96 in diese Situa­tion gekommen ist, was eben auch mit der Ver­eins­struktur zusammen hing. Das hat dann dazu geführt, dass wir die Aus­glie­de­rung in eine Kapi­tal­ge­sell­schaft durch­ge­führt haben. Wir haben damals 80 % der Mit­glie­der­stimmen für die Aus­glie­de­rung in die GmbH & Co KG aA bekommen. Das war not­wendig, um Klar­heiten der Ent­schei­dungs­pro­zesse zu rea­li­sieren, aber auch um der Phi­lo­so­phie zu folgen, dass Pro­fi­fuß­ball­teams Wirt­schafts­un­ter­nehmen sind. Meine Mei­nung ist es, dass alle Ver­eine der ersten und zweiten Liga letzt­end­lich Wirt­schafts­un­ter­nehmen sind. Und das diese Aus­glie­de­rung mög­lich ist, liegt daran, dass es die DFL als Kapi­tal­ge­sell­schaft gibt und dass es DFB und DFL den Ver­einen ermög­li­chen, diesen Aus­glie­de­rungs­pro­zess zu voll­ziehen. Diesen Weg bin ich sehr kon­se­quent gegangen.
 
Es gibt nun bereits zwei Fälle, bei denen die 50+1‑Regel ohnehin nicht greift, weil sie in Unter­nehmen inte­griert sind.

 
Stimmt: Diese zwei Prä­ze­denz­fälle sind der VfL Wolfs­burg und Bayer Lever­kusen. Aktuell ist dif­fe­ren­ziert Hof­fen­heim dazu­zu­ordnen. Für mich sind alle drei – und das ist wichtig – posi­tive Bei­spiele dafür, dass pro­fes­sio­nell mit Kapi­tal­eig­nern gear­beitet werden kann. Bei Han­nover 96 haben wir schon meh­rere Kapi­tal­erhö­hungen durch­ge­führt, die aber letzt­lich nicht aus­rei­chend sind. Es bleibt die Dis­kus­sion: Will man als Partner unter dem Kon­strukt 50+1 mehr Kapital zur Ver­fü­gung stellen? Diese Dis­kus­sion hat deut­lich gezeigt, dass die Bereit­schaft dazu letzt­lich nicht besteht. In unserem Modell würde es sich ohnehin nur um regio­nale Inves­toren han­deln, die ent­schei­denden Ein­fluss etwa auf die Beset­zung der Geschäfts­füh­rung, die Geneh­mi­gung des Haus­haltes und die Geneh­mi­gung der Inves­ti­tionen nehmen wollen – nicht mehr und nicht weniger. Es geht da nicht um den Ver­kauf eines Tra­di­ti­ons­ver­eins an kaum bekannte, mög­li­cher­weise inter­na­tio­nale Inves­toren, die immer wieder auch schnell als Heu­schre­cken bezeichnet werden. Ich denke, es ist ein legi­timer Anspruch von Kapi­tal­ge­bern und Inves­toren, auf die wesent­li­chen Fragen auch einen wesent­li­chen Ein­fluss nehmen zu können. Des­halb ist diese Modi­fi­ka­tion not­wendig. Aktuell haben wir in der Bun­des­liga eine Drei­klas­sen­ge­sell­schaft. Ein Verein wie zum Bei­spiel Han­nover 96 hat keine Chance, mit den aktu­ellen betriebs­wirt­schaft­li­chen Zahlen, eine posi­tive Ent­wick­lung zu errei­chen. Das bedeutet, wir kommen in die Phase der Sta­gna­tion und werden per­ma­nent irgendwo zwi­schen Platz 10 und Platz 15 spielen und irgend­wann auch wieder absteigen. Das ist normal, weil wir aus der eigenen Wirt­schafts­kraft einen wei­teren erfolg­rei­chen Pro­zess nicht mehr finan­zieren können. Also – wir brau­chen eine Kapi­tal­zu­füh­rung.
 
Sie spra­chen im Falle von Hof­fen­heim auch schon mal von Umge­hungs­struk­turen…
 
Ich warne vor Umge­hungs­tat­be­ständen. Ich möchte eine sichere und repro­du­zier­bare Struktur, und vor allem des­halb gibt es diese inten­sive Dis­kus­sion. Ich will den Kon­sens mit dem Liga­ver­band, der DFL und den anderen Ver­einen. Unser Modell ist seriös, es ver­bindet die unter­schied­li­chen Inter­essen von Tra­di­tion und Zukunft der Ver­eine. Es geht mir darum, gemeinsam die Zukunft aktiv zu gestalten und nicht den Weg der Rechts­klä­rung wählen zu müssen.
 
Das Kon­sens­mo­dell sieht Restrik­tionen vor, die Glücks­ritter und Spe­ku­lanten abschre­cken soll. Haben Sie nicht die Befürch­tung, dass Inves­toren dann dan­kend abwinken?
 
Ich habe schon erwähnt, dass es um eine seriöse Zusam­men­ar­beit geht. Wer die nicht will, ist uns als Partner auch nicht will­kommen.
 
Wird Inves­toren Unrecht getan?
 
Häufig schon: Es ist ja auch gerade in der Bun­des­liga nicht so wie das Bild in Medien gezeichnet wird, dass da irgend­welche bösen Inves­toren kommen, die über den deut­schen Fuß­ball her­fallen und deut­sche Fuß­ball­ver­eine über­nehmen. Es ent­scheidet letzt­lich der Verein, wen er als Gesell­schafter auf­nimmt und ob er 10%, 20%, 30% oder 100% Gesell­schaf­ter­an­teile abgibt. Das muss er sich sehr genau über­legen. Das gehört zur Ver­ant­wor­tung. Der Verein bietet Anteile an und über­legt sich genau, wel­chen Gesell­schafter er auf­nimmt. Außerdem wird in der Dis­kus­sion voll­kommen ver­kannt: die Mehr­heit der Erst- und Zweit­li­gisten sind schon jetzt Kapi­tal­ge­sell­schaften, in denen bereits mit einem Anteil von 25,1 Pro­zent wesent­liche Ent­schei­dungen blo­ckiert werden können. Spe­ku­la­tive Inves­toren wird es ohnehin nicht geben: Es gibt im Fuß­ball keine ange­mes­senen Ren­diten, es gibt kein Wert­stei­ge­rungs­po­ten­zial. Wir haben hier in Deutsch­land die Situa­tion mit Dietmar Hopp, der eine sehr regio­nale Bezie­hung hat, es gibt Wolfs­burg, Lever­kusen und in geringem Maße der kleine Kreis an Inves­toren um Han­nover, die ihr Enga­ge­ment letzt­end­lich aus ihrer lokalen und regio­nalen Ver­ant­wor­tung heraus gründen – nicht unter wirt­schaft­li­chen Fra­ge­stel­lungen. Wer das unter wirt­schaft­li­chen Fra­ge­stel­lungen ent­scheidet, der sollte sein Geld in sein Kern­ge­schäft inves­tieren, dort hat er deut­lich mehr Ren­di­te­chancen. Es wird also wohl keinen »bösen« Investor geben. Wer würde einen sol­chen Investor auf­nehmen?
 
Ver­zwei­felte Ver­eine in Geldnot?
 
Es gibt immer ein Rest­ri­siko. Aber das haben sie auch im e.V. oder in einer Kapi­tal­ge­sell­schaft. Dieses Risiko können Sie nicht aus­schließen.
 
Die Erfah­rung lehrt uns natür­lich nicht Gutes, was die Serio­sität man­cher Fuß­ball­ver­eine angeht.
 
Aber heute sind es ja Vor­stände oder Geschäfts­führer, die vom e.V. bestimmt sind…
 
Das Bei­spiel 1860 Mün­chen…
 
Dort liegen ja wieder Umge­hungs­tat­be­stände vor, wenn ich aus der Zei­tung richtig infor­miert bin. Ich kenne die Ver­träge nicht, des­halb ist es auch kri­tisch, sich zu Dingen zu äußern, die man inhalt­lich nicht beur­teilen kann. Aber es deutet sich an, dass die der­zei­tigen Regeln des Ver­bands­rechtes nicht in vollem Umfang beachtet wurden… Genau das will ich ver­hin­dern, indem ich ehr­liche, offene und repro­du­zier­bare Struk­turen emp­fehle.
 
Welche Chancen geben Sie denn dem Kon­sens­mo­dell?
 
Ich kann das zum heu­tigen Zeit­punkt nicht beur­teilen. Die DFL hat das gemein­same Arbeits­pa­pier den Ver­einen der DFL zur Ver­fü­gung gestellt. Hiermit soll eine umfas­sende Infor­ma­tion sicher­ge­stellt werden und Wis­sens­de­fi­zite abge­baut werden. Mit dem Papier können hof­fent­lich viele offene Fragen beant­wortet werden. Ich kann nur immer wieder betonen: Ich bin an einer zukunfts­ori­en­tierten, rich­tungs­wei­senden aber ein­ver­nehm­li­chen Lösung inter­es­siert. 
 
Die Alter­na­tive wäre die Rechts­klä­rung.
 
Das ist nicht mein Ziel: Dann gibt es nur dieses Urteil und das ist kon­se­quent von allen zu beachten. Ich erin­nere an das Bosman-Urteil: Ver­lierer waren letzt­end­lich die Ver­eine. Das könnte bei einer Rechts­klä­rung auch hier ein­treten. Des­halb kämpfe ich jetzt in der Zwi­schen­zeit für dieses Kon­sens-Modell, und ich glaube, dass wir da eine gute Syn­these der Inter­essen ent­wi­ckelt haben.
 
Die deut­sche Wett­be­werbs­fä­hig­keit wird stark daran gemessen, wie wir gegen­über Eng­land, Ita­lien, Spa­nien und mit Abstri­chen Frank­reich da stehen.
 
Diese inter­na­tio­nale Frage stellt sich natür­lich, aber sie ist für Han­nover 96 nicht aktuell. Wir haben wie schon beschrieben eine Mehr­klas­sen­ge­sell­schaft in der Bun­des­liga, und ich will das mal nur sehr breit an betriebs­wirt­schaft­li­chen Zahlen skiz­zieren: Han­nover 96 macht einen Umsatz von gut 50 Mil­lionen €, bei diesen 50 Mil­lionen machen wir keinen Gewinn. Wir haben eine Eigen­ka­pi­tal­aus­stat­tung, die deut­lich zu gering ist um Hand­lungs­fä­hig­keit für die Zukunft zu errei­chen. Des­halb sehe ich auch diese Not­wen­dig­keit der Kapi­tal­erhö­hung, weil wir aus dem ope­ra­tiven Geschäft keine Erträge erwirt­schaften.
 
Andere Klubs, nicht nur der FC Bayern, schweben in anderen Sphären.
 
Das sind immer die glei­chen Ver­eine. Bayern Mün­chen, Umsatz ca. 280 Mil­lionen, und Ver­eine wie der VfB Stutt­gart bis HSV mit Umsätzen zwi­schen 100 – 140 Mil­lionen. Diese Ver­eine erwirt­schaften Gewinne. Trotzdem sind sie im inter­na­tio­nalen Wett­be­werb nur bedingt wett­be­werbs­fähig. Han­nover 96 kann mit den genannten Ver­einen nicht mit­halten. Wie bereits erwähnt, können wir bei der Umsatz­größe von Han­nover 96 keine ange­mes­senen Erträge erwirt­schaftet und werden das auch in der Zukunft nicht können, das zeigen die Plan­rech­nungen. Des­halb ist die Ände­rung der 50+1‑Regel not­wendig. Die der­zei­tige Situa­tion bei Han­nover 96 bedeutet im Ergebnis Sta­gna­tion. Ein aktu­elles Bei­spiel: Wir haben im Januar Trans­fer­ent­schei­dungen dis­ku­tiert, Wett­be­werber war der Ham­burger SV, und wir waren chan­cenlos. Obwohl wir bei unserem Angebot an einen Spieler schon an das Limit unserer wirt­schaft­li­chen Mög­lich­keiten gegangen sind.
 
Das muss Sie ärgern, als Unter­nehmer.
 
Stimmt: Ich bin Unter­nehmer und ich will auch 96 erfolg­reich ent­wi­ckeln: sport­lich und wirt­schaft­lich. Die Rah­men­daten müssen geschaffen werden. Die Fans ver­stehen diesen kom­pli­zierten Pro­zess nicht in allen Stufen. Das ist auch ver­ständ­lich, sie haben andere Erwar­tungen. Sie wollen erfolg­rei­chen Fuß­ball sehen. Ich gehe aber davon aus, dass es sie nicht inter­es­siert, wer den Geschäfts­führer bestellt, wer den Haus­halt und die Inves­ti­tionen geneh­migt. Die Emo­tio­na­lität des Fuß­balls wird von der neuen Struktur nicht beein­flusst. Hier geht es aus­schließ­lich um die reinen unter­neh­me­ri­schen und wirt­schaft­li­chen Fra­ge­stel­lungen.
 
Eine These: Der Gegen­wind aus Fan­rich­tung wäre womög­lich geringer, wenn Sie sich anders aus­drü­cken würden. Ein Satz wie »Ein Verein ist ein Wirt­schafts­un­ter­nehmen«, so sehr er bilanz­tech­nisch stimmen mag, wird jedem Fan auf die Bar­ri­kaden bringen. Er sieht in seinem Klub ja kein Unter­nehmen.
 
Auf die Fans bezogen, stimme ich Ihnen zu und teile Ihre Ein­schät­zung. Aber die 50+1‑Frage ist nun mal eine gesell­schafts­recht­liche Frage und ein wirt­schaft­li­ches Thema, da kann ich diese Begriffe nicht weg­lassen, obwohl es im Sinne der Öffent­lich­keit und im Sinne der Fans kein hilf­rei­cher Begriff ist. Natür­lich ist das ein Spagat.
 
Für Klubs wie den Ham­burger SV kann die Per­spek­tive nur sein, national mit dem FC Bayern auf Augen­höhe zu kommen und in der Cham­pions League nicht derart chan­cenlos zu sein, wie das der­zeit der Fall ist. Aber wer wird sich für die Klubs inter­es­sieren?
 
Ich glaube auch, dass die Inves­toren in Deutsch­land nicht Schlange stehen werden. Und wenn sich Inves­toren finden, dann werden diese eher die »bil­ligen Marken« wählen und nicht die teuren, weil sie sich sagen: »Das ist ein Schnäpp­chen, den Klub bringe ich hoch und kann den mög­li­chen Mehr­wert dann rea­li­sieren«. Es wird schon span­nend zu sehen, ob es über­haupt Unter­nehmen gibt, die sich im deut­schen Fuß­ball enga­gieren wollen… Ich ver­mute, es werden im Wesent­li­chen stra­te­gi­sche Partner sein. Und dagegen spricht nichts.
 
Bei­spiels­weise lang­jäh­rige Spon­soren?
 
Genau. Oder Marken mit großem Inter­esse am Sport­markt, so wie Adidas, die sich bei Bayern Mün­chen enga­gieren. Solche Unter­nehmen beschäf­tigen sich mit dem Sport­markt, das sind dann auch Inves­toren, die den wei­teren Pro­zess positiv unter­stützen. Inves­toren, die nur an Wert­stei­ge­rungs­po­ten­zial und Ren­dite inter­es­siert sind, wird es im Fuß­ball nicht geben. Die wären auch nicht will­kommen, obwohl ich es natür­lich auch nicht aus­schließen kann. Aber noch mal: Ich erwarte diese Ent­wick­lung nicht.
 
Im Gegen­satz zu Mäzenen ist bei Inves­toren natür­lich ein viel grö­ßeres Inter­esse vor­handen, das Geld nicht zu ver­brennen.
 
Das ist sogar steu­er­lich not­wendig, sonst wäre es wieder Mäze­na­tentum. Aber die Partner wären ja Unter­nehmen, und die kennen natür­lich die for­malen Vor­aus­set­zungen für solche Enga­ge­ments. Natür­lich sind sie an einer Ver­zin­sung ihres Kapi­tals inter­es­siert, und das führt ent­spre­chend zu einer wirt­schaft­li­chen Ver­nunft. Das ist not­wendig und gehört zum wirt­schaft­li­chen Han­deln.
 
Wenn Sie auf Ihre beiden Amts­zeiten bei Han­nover 96 sehen: Wie hat sich der Verein ent­wi­ckelt?
 
96 ist in Han­nover gesell­schafts­fähig geworden. Wir errei­chen die Poli­tiker, die Vor­stände der Groß­un­ter­nehmen, die Klein- und mit­tel­stän­di­schen Unter­nehmen, Kom­mu­ni­ka­toren und die Fans. Wir haben kon­ti­nu­ier­lich eine Erhöh­nung des Anteils der Frauen. Dies wird von uns sehr begrüßt. Im Ergebnis sind wir breit auf­ge­stellt. Die Ent­wick­lung hängt ins­be­son­dere mit der Infra­struktur der Ost­tri­büne zusammen und sicher­lich auch mit der ins­ge­samt posi­tiven Ent­wick­lung von Han­nover 96. Han­nover 96 ist in Stadt und Region ange­kommen. Dafür sind wir dankbar. Es gibt jedoch noch viel zu tun. Bei­spiele: Borussia Dort­mund, Schalke 04 oder der Ham­burger SV, das sind Ent­wick­lungen über Jahr­zehnte. Erst wenn auch in Kri­sen­zeiten die AWD-Arena voll besetzt ist, haben wir die Iden­tität erfolg­reich abge­schlossen.
 
Das Fuß­ball­ge­schäft ist manchmal nicht so ganz ein­fach. Gab es bei Ihnen schon Situa­tionen, in denen Sie keine Lust mehr hatten?
 
Nein: Aber es stimmt – Das Geschäft ist hoch emo­tional und hoch kom­pli­ziert.
 
Kürz­lich zum Bei­spiel stand in der »Neuen Presse« eine zwei­spal­tige Hand­lungs­an­lei­tung, was alles Ihre Auf­gaben seien, unter anderem den Trainer raus­zu­schmeißen. Lesen Sie so etwas?
 
Ich habe eine innere Distanz dazu.
 
Hatten Sie die von Anfang an? Das Fuß­ball­ge­schäft ist bis­weilen ziem­lich brutal.
 
Bru­ta­lität ist sicher etwas anderes: Aber am Anfang habe ich schon unter den öffent­li­chen Dis­kus­sionen gelitten, weil ich das in dieser Inten­sität nicht erwartet hatte. In man­chen Fällen war und ist die Form der öffent­li­chen Dis­kus­sion und der Bericht­erstat­tung unan­ge­messen. Ich sage aber auch: Die Press­or­gane sind keine Ver­eins­or­gane, sie begleiten die Pro­zesse kri­tisch. Ich lehne jedoch ab, wenn ins­be­son­dere die Pres­se­or­gane ver­su­chen, Politik machen zu wollen. Wer Politik machen will, muss auch in die Ver­ant­wor­tung gehen. Kritik von außen ohne interne Kennt­nisse und eigene Ver­ant­wor­tung, ist immer leichter for­mu­liert.
 
Hat Ihr Enga­ge­ment bei Han­nover 96 den Effekt gehabt, dass es den Fuß­ball ein biss­chen ent­zau­bert hat?
 
Ja. Ich kam her mit vielen Illu­sionen und Vor­stel­lungen, die Rea­lität ist deut­lich dif­fe­ren­zierter. Und ich sage auch offen: Ich habe schon meine Zweifel, dass sich dieser Fuß­ball­markt ver­nünftig ent­wi­ckelt hat. Die Märkte haben ihre eigene Dynamik, sie kon­struktiv wei­ter­zu­ent­wi­ckeln ist eine große Her­aus­for­de­rung. Fuß­ball ist ein unglaub­lich ergeb­nis­ori­en­tiertes Pro­dukt mit einer Lauf­zeit von jeweils oft nur einem Jahr. In dem Jahr fallen alle Ent­schei­dungen. Die Bereit­schaft, mit­tel­fristig und län­ger­fristig Ver­än­de­rungen zu gestalten, ist leider nicht sehr aus­ge­prägt.
 
Noch mal ein Blick zurück: Wann hat es denn mit dem Fuß­ball und mit Ihnen ange­fangen?
 
Natür­lich bin ich ab und zu mal zum Fuß­ball gegangen, aber nicht als Han­nover 96 noch in der dritten Liga spielte. Bis zum Abitur habe ich auch selbst gespielt.
 
Als was? Vor­stopper? Mit­tel­stürmer?
 
Alles. Das war ein Dorf­verein, ich war noch ein Stra­ßen­fuß­baller. Aber dann habe ich mein Unter­nehmen auf­ge­baut, für Fuß­ball blieb keine Zeit. Wenn es mal ein gutes und wich­tiges Spiel gab, bin ich hin­ge­gangen – aber das war pro Jahr nur ein- bis zweimal der Fall. Und dann bin erst wieder so richtig zum Fuß­ball gekommen, als bei 96 die geschil­derte Situa­tion vorlag. Ich habe natür­lich viel lernen müssen, weil ich auf einmal in eine Welt kam, die mir fremd war. Die eine Option ist dann dabei: Sie gehen in einer sol­chen Welt unter. Die andere: Sie sind bereit zu lernen. Ich war bereit zu lernen, so dass ich heute den Mut habe zu sagen, dass ich im Wesent­li­chen den Fuß­ball und den Fuß­ball­markt ver­stehe. Ich habe zwar ja schon ein paar Trainer und Sport­di­rek­toren ent­lassen, allen aber immer zuge­hört und mich mit ihren Argu­menten beschäf­tigt. So bekommt man schon ein biss­chen das Auge für die wich­tigsten Mecha­nismen in der Branche…
 
Ihr emo­tio­nalster Moment?
 
Das war ganz klar der Auf­stieg in die zweite Bun­des­liga mit Han­nover 96. Im Rele­ga­ti­ons­spiel haben wir zunächst in Berlin bei Tennis Borussia Berlin gespielt und dort ver­loren. Dann haben wir zuhause in der letzten oder vor­letzten Minute den Aus­gleich geschossen, sind in die Ver­län­ge­rung und haben dann gewonnen. Damals waren über 50.000 Fans dabei, das war eine unglaub­liche Stim­mung, dem konnte ich mich nicht ent­ziehen.
 
Gibt es für Sie eine Art Mas­ter­plan: Wie lange geht es bei 96 weiter?
 
Mein Leben ist Arbeit, und so wird es wohl auch bleiben. Ich bin es gewohnt, Ver­ant­wor­tung zu über­nehmen. In der Öffent­lich­keit wird oft das Bild vom Patri­ar­chen gezeichnet. So sehe ich mich nicht: Ich bin aber ent­schei­dungs- und kon­flikt­fähig und nehme Ver­ant­wor­tung an. Das sind viele nicht gewohnt. Ent­schei­dungen zu treffen, die Ver­ant­wor­tung anzu­nehmen ist aber eben nie das Wunsch­kon­zert des Lebens. Es ist immer schöner, andere kri­ti­sieren zu können, als selber Ent­schei­dungen zu treffen und Ver­ant­wor­tung für diese Ent­schei­dungen zu über­nehmen. Ich habe beim Aufbau des Unter­neh­mens gelernt, dass ich mich nicht auf Dritte zurück­ziehen kann, son­dern mir selber über alles Gedanken machen muss.
 
Warum sind Sie bei 96 zurück­ge­kommen? Doch Sehn­sucht nach dem Fuß­ball­ge­schäft gehabt?
 
Ich bin eigent­lich gegen meinen Willen noch mal zurück­ge­kommen, sage aber prag­ma­tisch: Gemacht habe ich das für Han­nover 96. Und ich hatte auch Inves­toren davon über­zeugt, mir für das Unter­nehmen Han­nover 96 ihr Geld zur Ver­fü­gung zu stellen. Das haben sie in Treue und Glauben gemacht. Auch dazu gehört Ver­ant­wor­tung. Eigent­lich wollte ich nicht zurück­kehren, denn wenn man sich einmal für eine Rich­tung ent­scheidet, sollte man auch dabei bleiben. Aber es gab eben diese Ver­ant­wor­tung, der ich mich stellen musste, und so bin ich wieder zurück­ge­kehrt. Jetzt gilt es mehr denn je, die rich­tige Struktur zu schaffen, damit 96 sich auch in Zukunft erfolg­reich wei­ter­ent­wi­ckeln kann.
 
Das bedeutet auch: Bevor 50+1 nicht durch ist, treten Sie nicht ab.
 
Da gibt es keinen direkten engen Zusam­men­hang. Im Moment kämpfe ich aber mit vollem Enga­ge­ment für das Kon­sens­mo­dell. Ich bin opti­mis­tisch, dass es die gefor­derte Mehr­heit am Schluss geben kann und dann »Schaun wa mal…«