Seite 5: Wie die Erinnerung an jüdische Spieler gelöscht wurde

Die Pogrome des 9. November 1938, in denen Nazi-Schergen überall in Deutsch­land Syn­agogen zer­störten und mehr als zehn­tau­send Juden ver­haftet wurden, besie­gelten auch das Schicksal der jüdi­schen Sport­be­we­gung end­gültig. Die wenigen ver­blie­benen Sport­plätze, die jüdi­sche Ver­eine unter Auf­brin­gung ihrer letzten finan­zi­ellen Mittel gekauft hatten, wurden von den Nazis geplün­dert und beschlag­nahmt. Im Laufe des Jahres 1939 erhielten alle jüdi­schen Sport­ver­eine schließ­lich ein voll­stän­diges Betä­ti­gungs­verbot und mussten sich auf­lösen.

Depor­ta­tionen und Til­gungen

Ab Oktober 1941 begannen die Depor­ta­tionen der deut­schen Juden in die Ghettos und Ver­nich­tungs­lager des Ostens, aus der Unter­drü­ckung und Ver­trei­bung der Juden wurde ihre sys­te­ma­ti­sche Ermor­dung. Unter den Opfern der NS-Ver­nich­tungs­ma­schi­nerie befanden sich auch viele Gründer, Spieler und För­derer des Fuß­balls in Deutsch­land. Einer von ihnen war der deut­sche Natio­nal­spieler Julius Hirsch, der 1943 im KZ Ausch­witz ermordet wurde. In den zwölf Jahren NS-Herr­schaft sorgten die Ver­eine auch dafür, dass die Erin­ne­rung an die Juden aus dem Gedächtnis des deut­schen Fuß­balls getilgt wurde.

Selbst vor­mals ver­diente und hoch deko­rierte Mit­glieder wurden nach ihrem Aus­schluss nur selten von ihren Ver­eins­zei­tungen nament­lich ver­ab­schiedet oder ihnen gar für ihre bis­he­rigen Ver­dienste gedankt. Auf ähn­liche Weise wurde auch mit jüdi­schen Ver­einen ver­fahren: Bis zum Früh­jahr 1933 berich­tete die Ber­liner Fuß­ball­woche“ regel­mäßig über die Spiele von Bar Kochba Hakoah Berlin, die damals in der Kreis­liga spielten. Nach dem Aus­schluss des Ver­eins aus dem Ber­liner Fuß­ball­ver­band wurde der Klub in der Juni-Aus­gabe der Fuß­ball­woche“ ein­fach ohne jeden wei­teren Kom­mentar aus der lau­fenden Kreis­li­ga­ta­belle her­aus­ge­rechnet – als ob es ihn nie gegeben hätte.

Wie der kicker“ zwei Natio­nal­spieler vergaß

Beson­ders per­fide war die Fäl­schung der eigenen Klub­ge­schichte. Auf diese Weise wurden sogar Juden, die lange vor 1933 ver­storben waren, nach­träg­lich aus den Ver­eins­chro­niken getilgt und damit posthum zu Opfern der Ari­sie­rungs­po­litik, weil die Klubs den neuen Macht­ha­bern ihre Geschichte als juden­frei“ prä­sen­tieren wollten.

Sogar der vom Juden Walther Ben­se­mann gegrün­dete Kicker“ machte dabei mit. Er ver­öf­fent­lichte 1939 eines der schon damals beliebten Sam­mel­alben. Darin gab es Bilder aller Spieler, die min­des­tens einmal für die deut­sche Natio­nal­mann­schaft gespielt hatten. Ledig­lich die Por­träts der beiden jüdi­schen Natio­nal­spieler Julius Hirsch und Gott­fried Fuchs fehlten. Auch nach dem Ende des Zweiten Welt­kriegs blieb die Erin­ne­rung an die ehe­ma­ligen jüdi­schen Kicker lange fast völlig ver­gessen. In den Fest­schriften und Chro­niken der Ver­eine sowie des DFB blieb die Zeit des Natio­nal­so­zia­lismus nun meist völlig aus­ge­klam­mert oder wurde ledig­lich so dar­ge­stellt, als sei der Fuß­ball ein Opfer der Natio­nal­so­zia­listen gewesen. Bei dieser Ein­stel­lung war es nur bezeich­nend, dass der Kicker“ auch bei der Neu­auf­lage seines Sam­mel­al­bums im Jahr 1988 wie­derum vergaß, sich der jüdi­schen Natio­nal­spieler zu erin­nern.