Seite 4: Der jüdische Fußball während der Olympischen Spiele

Aller­dings stießen sie dabei auf mas­sive Behin­de­rungen. Im Früh­jahr 1933 hatten fast alle Kom­mu­nal­ver­wal­tungen jüdi­schen Klubs die Nut­zung städ­ti­scher Sport­plätze zunächst ent­zogen. Aus tak­ti­schen Erwä­gungen wurde dies Ende des Jahres rück­gängig gemacht, um die als Pro­pa­gan­da­show geplanten Olym­pi­schen Spiele 1936 in Berlin nicht zu gefährden. Wegen der anti­se­mi­ti­schen Politik der Nazis war in den USA näm­lich ein Boy­kott der Spiele dis­ku­tiert worden.

Sport­li­ches Ghetto

Aller­dings bekamen viele jüdi­sche Klubs nun ledig­lich abge­le­gene und her­un­ter­ge­kom­mene Sport­plätze an der Peri­pherie der Städte zuge­wiesen, auf denen sie für die Öffent­lich­keit weit­ge­hend unsichtbar waren. Ein Verein in Leipzig musste seinen Sport­platz sogar mit einer blick­dichten Mauer umbauen, damit die ari­schen“ Nach­barn nicht durch den Anblick jüdi­scher Sportler gestört wurden. Auch Freund­schafts­spiele jüdi­scher Klubs gegen DFB-Teams, die mit Rück­sicht auf Olympia wieder offi­ziell erlaubt waren, wurden durch gezielte Hetz­kam­pa­gnen in NS-Zei­tungen bereits im Laufe des Jahres 1935 fak­tisch unmög­lich gemacht. So wurden jüdi­sche Fuß­baller schon in den ersten Jahren der NS-Herr­schaft in eine Art sport­li­ches Ghetto abge­drängt: in getrennte Ligen, auf getrennte Plätzen und fast ohne Berüh­rungs­punkte mehr mit dem übrigen deut­schen Sport. Zwei kon­kur­rie­rende Ver­bände warben im jüdi­schen Leben um die Sportler. Der Deut­sche Mak­ka­bik­reis sprach jene Juden an, die sich für eine bal­dige Aus­wan­de­rung aus Deutsch­land ein­setzten und den Aufbau eines jüdi­schen Staates auf dem Gebiet des heu­tigen Israel vor­an­treiben wollten. Im Sport­bund Schild sam­melten sich jene, die trotz der NS-Herr­schaft wei­terhin an eine Zukunft in Deutsch­land glaubten. Den größten Zulauf ver­zeich­neten beide Ver­bände 1935 und 1936. In diesen Jahren waren rund 40 000 Sportler, dar­unter rund 10 000 Fuß­baller, in 213 Ver­einen orga­ni­siert.

Der Sport­platz als Schutz­raum

Es mag aus heu­tiger Sicht ver­wun­der­lich sein, warum gerade der Sport im Leben der jüdi­schen Bevöl­ke­rung in einer Zeit extremer Ver­fol­gung eine so große Bedeu­tung gewann. Erin­ne­rungen von Zeit­zeugen lassen vor allem zwei Schlüsse zu: Zum einen wurde der Sport­platz zu einer Art Schutz­raum, wo Aktive und Zuschauer die Sorgen ihres All­tags für ein paar Stunden ver­gessen konnten. Zum anderen bot der Sport für Juden in der NS-Zeit eine fast ein­zig­ar­tige Mög­lich­keit, ihr Selbst­be­wusst­sein zu stärken und ent­gegen der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Pro­pa­ganda sich selbst und ihrer Umwelt zu demons­trieren, zu wel­chen Leis­tungen sie fähig waren. Nach den Olym­pi­schen Spielen 1936 hatten die Nazis keinen Grund mehr, den Sport von ihren anti­se­mi­ti­schen Repres­sa­lien aus­zu­nehmen. So wurden ab Ende des Jahres immer mehr jüdi­sche Sport­ver­an­stal­tungen von der Gestapo ver­boten oder den Ver­einen ihre Sport­plätze weg­ge­nommen. Zugleich ver­loren viele Klubs ihre Mit­glieder, weil immer mehr Juden ins Aus­land flüch­teten.