Als der Fuß­ball Ende des 19. Jahr­hun­derts nach Deutsch­land kam, wurde das eng­li­sche Spiel von vielen eta­blierten Bür­gern ver­ächt­lich als Fuß­lüm­melei“ und eng­li­sche Krank­heit“ abge­lehnt. Die alten Eliten standen ihm kri­tisch gegen­über, weil der neue Fuß­ball­sport welt­offen, tole­rant und inter­na­tional aus­ge­richtet war. Er bot im Gegen­satz zum bis dahin domi­nie­renden Turnen, das Jugend­liche mit mili­tä­ri­schem Drill und in streng deutsch­na­tio­naler Gesin­nung erzog, indi­vi­du­elle Bewe­gungs- und Ent­fal­tungs­mög­lich­keiten.

Auch Juden hatten im Kai­ser­reich mit Res­sen­ti­ments zu kämpfen, obwohl sie seit der Ver­fas­sung von 1871 erst­mals formal recht­lich gleich­ge­stellt waren. Den­noch stießen sie bei ihren Bemü­hungen um Aner­ken­nung auch im Sport nicht selten auf Ableh­nung und Wider­stände. Einige Turn­ver­eine etwa erließen bereits um die Jahr­hun­dert­wende Ari­er­pa­ra­grafen, mit denen sie sich vor einer angeb­li­chen jüdi­schen Unter­wan­de­rung“ schützen wollten. Dem­ge­gen­über waren Fuß­ball­ver­eine für Juden beson­ders attraktiv, weil sie Min­der­heiten neue gesell­schaft­liche Frei­räume öff­neten. Es ist daher keine Über­ra­schung, dass unge­wöhn­lich viele Juden an der Ver­brei­tung des Fuß­balls in Deutsch­land betei­ligt waren.

Ben­se­mann und der Deut­sche Fuß­ball-Bund

Zahl­reiche Spit­zen­ver­eine von heute, wie der FC Bayern Mün­chen, der 1. FC Nürn­berg oder Ein­tracht Frank­furt, wurden von Juden mit­ge­gründet. Auch an der Ent­ste­hung des DFB im Jahr 1900 waren Juden ent­schei­dend betei­ligt, etwa der aus Eng­land stam­mende John Bloch oder die Brüder Gustav und Fried­rich Mann­heimer. Am wich­tigsten jedoch wurde Walther Ben­se­mann. Der Fuß­ball­vi­sionär war fest von der völ­ker­ver­bin­denden und frie­dens­stif­tenden Kraft des Fuß­ball­spiels über­zeugt und kämpfte beharr­lich für diese Ziele. Nachdem er ab den 1880er-Jahren an der Grün­dung zahl­rei­cher Fuß­ball­ver­eine in Süd­deutsch­land betei­ligt war, orga­ni­sierte er 1893 die ersten inter­na­tio­nalen Begeg­nungen deut­scher Mann­schaften und 1899 die soge­nannten Ur-Län­der­spiele, Spiele deut­scher Aus­wahl­mann­schaften noch vor Grün­dung des DFB gegen Teams aus Eng­land und Frank­reich. Ben­se­mann war es auch, der 1900 auf der Grün­dungs­ver­samm­lung des DFB in Leipzig den Namen Deut­scher Fuß­ball-Bund zur Abstim­mung vor­schlug. 1920 grün­dete er zudem mit dem Kicker“ eine Fuß­ball­zeit­schrift, um seine Ideen auch publi­zis­tisch zu ver­breiten.

Auch in klei­neren Orten und Gemeinden waren Juden an der Grün­dung von Fuß­ball­ver­einen betei­ligt. Gerade auf dem Land war der Sport für Juden weit mehr als nur eine Frei­zeit­be­schäf­ti­gung. Im gemein­samen Spiel, Seite an Seite mit den christ­li­chen Team­ka­me­raden, erlebten Juden eine neue Form der Akzep­tanz und Ein­bin­dung, die ihnen in anderen Lebens­be­rei­chen ver­sagt blieb. Auf diese Weise wurde der Fuß­ball auch zu einem Motor der gesell­schaft­li­chen Inte­gra­tion.

Anfänge des Anti­se­mi­tismus

Juden waren aber nicht nur als Funk­tio­näre wichtig, son­dern auch als Spieler. 1911 wurden die beiden Karls­ruher Stürmer Julius Hirsch und Gott­fried Fuchs als erste und bis heute ein­zige jüdi­sche Spieler in die deut­sche Natio­nal­mann­schaft berufen. Zusammen bestritten sie 13 Län­der­spiele und schossen dabei 17 Treffer. Gott­fried Fuchs stellte sogar einen bis heute uner­reichten Rekord im Natio­nal­trikot auf: Beim 16:0‑Sieg gegen Russ­land wäh­rend der Olym­pi­schen Spiele 1912 gelangen ihm zehn Tore. Zwar kein Natio­nal­spieler, aber Anfang der 1920er-Jahre ein großer Star des Ber­liner Fuß­balls war Rechts­außen Simon Lei­se­ro­witsch von Tennis Borussia.

Vor 1933 kickten die meisten jüdi­schen Fuß­baller in den Ver­einen des DFB. Rein jüdi­sche Fuß­ball­klubs, in denen Juden unter sich spielten, gab es zunächst nur in wenigen großen Städten. In den Kri­sen­jahren der Wei­marer Repu­blik wurden Juden jedoch auch auf dem Fuß­ball­platz zuneh­mend mit Anti­se­mi­tismus kon­fron­tiert. Das zeigte sich etwa 1924, als sich der West­deut­sche Spiel­ver­band wei­gerte, den Verein Hakoah Essen in seine Reihen auf­zu­nehmen. Als Reak­tion darauf grün­deten sich in meh­reren west­deut­schen Städten jüdi­sche Ver­eine, die sich im VINTUS (Ver­band jüdisch-neu­traler Turn- und Sport­ver­eine) zusam­men­schlossen. Dieser star­tete im November 1925 die erste selbst­or­ga­ni­sierte jüdi­sche Fuß­ball­liga in Deutsch­land. Gene­rell waren in diesen Jahren aber zumin­dest Freund­schafts­spiele zwi­schen jüdi­schen Mann­schaften und Ver­einen des DFB an der Tages­ord­nung.

All das änderte sich im Früh­jahr 1933 schlag­artig. Nur wenige Wochen nach dem Macht­an­tritt von Adolf Hitler als Reichs­kanzler am 30. Januar begann die sys­te­ma­ti­sche Ver­fol­gung der jüdi­schen Bevöl­ke­rung in Deutsch­land. Erste Vor­boten einer immer radi­kaler wer­denden Aus­gren­zungs­po­litik waren der Anfang April von den Natio­nal­so­zia­listen ver­ord­nete Boy­kott jüdi­scher Geschäfte sowie die Ent­las­sung jüdi­scher Beamter aus dem Staats­dienst. Auch deut­sche Turn- und Sport­or­ga­ni­sa­tionen begannen schon in diesen Tagen in eigener Initia­tive mit dem Aus­schluss ihrer jüdi­schen Mit­glieder. Quasi über Nacht machten sie aus den bis­he­rigen Ver­eins­ka­me­raden Ver­femte und Ver­folgte.

Die Stutt­garter Erklä­rung

Bereits am 9. April 1933 betonten 14 Ver­eine aus dem Süden und Süd­westen der Repu­blik in einer gemein­samen Reso­lu­tion, sich der natio­nalen Regie­rung […] freudig und ent­schieden“ zur Ver­fü­gung zu stellen und ins­be­son­dere in der Frage der Ent­fer­nung der Juden aus den Sport­ver­einen“ mit den neuen Macht­ha­bern zusam­men­zu­ar­beiten. Der Kreis der unter­zeich­nenden Ver­eine dieser soge­nannten Stutt­garter Erklä­rung“ liest sich wie das dama­lige Who is who“ des süd­west­deut­schen Fuß­balls: Stutt­garter Kickers, Karls­ruher FV, Phönix Karls­ruhe, Union Böckingen, FSV Frank­furt, Ein­tracht Frank­furt, 1. FC Nürn­berg, SpVgg Fürth, SV Waldhof, Phönix Lud­wigs­hafen, FC Bayern Mün­chen, TSV 1860 Mün­chen, 1. FC Kai­sers­lau­tern und FK Pir­ma­sens.

In vielen dieser Ver­eine hatten jüdi­sche Spieler und Funk­tio­näre bis dahin her­aus­ra­gende Rollen gespielt: der Karls­ruher FV mit seinen jüdi­schen Natio­nal­spie­lern Fuchs und Hirsch, Bayern Mün­chen mit dem jüdi­schen Prä­si­denten Kurt Land­auer, Ein­tracht Frank­furt mit einer Viel­zahl jüdi­scher För­derer oder der FK Pir­ma­sens und der 1. FC Nürn­berg, an deren Grün­dung und Ent­wick­lung Juden ent­schei­dend betei­ligt waren.

Lako­nisch oder subtil

Der Aus­schluss jüdi­scher Mit­glieder ver­lief sehr unter­schied­lich. Nur in wenigen Fällen sind Vor­stands­be­schlüsse über­lie­fert, eine dieser Aus­nahmen ist der 1. FC Nürn­berg. Er setzte nur wenige Tage nach Unter­zeich­nung der Stutt­garter Erklä­rung„ den Aus­schluss seiner jüdi­schen Mit­glieder um und teilte den betrof­fenen Ver­eins­mit­glie­dern in einem Schreiben am 28. April lako­nisch mit:

Wertes Mit­glied, Wir beehren uns, Sie davon in Kenntnis zu setzen, daß der Ver­wal­tungs-Aus­schuß in seiner Sit­zung vom 27. April d. J. gemäß § 32 Ziff. II fol­genden Beschluß gefaßt hat: Der 1. FC Nürn­berg streicht die ihm ange­hö­renden jüdi­schen Mit­glieder mit Wir­kung vom 1. Mai 1933 aus seiner Mit­glie­der­liste.“

Die meisten Klubs ent­wi­ckelten beim Aus­schluss sub­ti­lere Stra­te­gien. Sie for­derten ihre jüdi­schen Mit­glieder bei­spiels­weise auf, durch einen frei­wil­ligen“ Aus­tritt ihrem Aus­schluss zuvor­zu­kommen. Oder sie ließen ihren jüdi­schen Spie­lern durch die Trainer münd­lich mit­teilen, dass sie in Zukunft uner­wünscht seien. Fest­zu­halten ist, dass in dieser Phase kein Fuß­ball­klub durch die NS-Macht­haber zum Aus­schluss seiner jüdi­schen Mit­glieder gezwungen wurde. Das belegt etwa das Bei­spiel von Ein­tracht Frank­furt: Obwohl der Klub im April 1933 zu den Unter­zeich­nern der Stutt­garter Erklä­rung“ gehört hatte, ver­zich­tete er zunächst auf die Ein­füh­rung radi­kaler juden­feind­li­cher Bestim­mungen.

Wider­sprüch­li­cher Umgang mit Ver­ein­si­konen

Recher­chen des Ver­eins­ar­chi­vars Mat­thias Thoma zeigen, dass der Verein noch bis min­des­tens 1935 jüdi­sche Mit­glieder deckte und sogar Nich­tarier“ neu auf­nahm, die in anderen Klubs aus­ge­stoßen worden waren. Die letzten Sportler jüdi­scher Her­kunft mussten die Ein­tracht erst im Jahr 1937 ver­lassen. Auch beim FC Bayern trat der jüdi­sche Ver­eins­prä­si­dent Kurt Land­auer zwar im März 1933 zurück, behielt aber hinter den Kulissen noch einige Zeit gewissen Ein­fluss. Auch der Karls­ruher FV ver­hielt sich wider­sprüch­lich. Als ihr pro­mi­nen­testes jüdi­sches Mit­glied, Julius Hirsch, aus dem Klub aus­trat, nachdem dieser die Stutt­garter Erklä­rung“ unter­schrieben hatte, bat der Vor­stand sein altes und bewährtes Mit­glied“ doch die offi­zi­ellen Richt­li­nien der Reichs­re­gie­rung abzu­warten.

Wäh­rend es im Umgang mit jüdi­schen Mit­glie­dern ohne Ämter in den ersten Jahren noch Spiel­räume gab, wurden sie aus Füh­rungs­po­si­tionen sehr schnell ver­drängt. Am 19. April 1933 ver­öf­fent­lichten der DFB und die Deut­sche Sport­be­hörde (der heu­tige Deut­sche Leicht­ath­le­tik­ver­band) eine Mit­tei­lung, dass Ange­hö­rige der jüdi­schen Rasse […] in füh­renden Stel­lungen der Lan­des­ver­bände und Ver­eine“ nicht mehr tragbar seien. Sie wurden dazu auf­ge­for­dert, ent­spre­chende Maß­nahmen zu ver­an­lassen. Mit dieser Anord­nung kam auch im DFB und seinen Ver­einen ein reichs­weiter Ari­sie­rungs­pro­zess in Gang, der viele bis­he­rige För­derer, Initia­toren und Stützen des deut­schen Fuß­balls von einem auf den anderen Tag ent­fernte.

Staats­be­ja­hende Volks­ge­nossen“

Eine gene­relle Anord­nung der DFB-Füh­rung, alle jüdi­schen Mit­glieder aus den Ver­einen aus­zu­schließen, ist nicht bekannt. Aller­dings gab es regio­nale Initia­tiven. Im West­deut­schen Spiel­ver­band wurden jüdi­sche Fuß­ball­spieler im Mai 1933 aus­ge­schlossen. Dort ver­kün­dete der neue Ver­bands­führer, der SS-Mann Josef Klein, dass ab sofort nur Deutsch­stäm­mige“ an den Meis­ter­schafts­spielen des Ver­bandes teil­nehmen dürften. DFB-Prä­si­dent Felix Lin­ne­mann machte im Februar 1934 deut­lich, was er in dieser Frage von seinen Ver­einen erwar­tete. In einem Bei­trag für das Reichs­sport­blatt“ bezeich­nete er es als eine der wich­tigsten Auf­gaben des Ver­bandes, seine Mit­glieder zu staats­be­ja­henden, ein­satz­be­reiten Volks­ge­nossen des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Staates her­an­zu­bilden“.

Wer im NS-Staat Volks­ge­nosse“ sein konnte, wurde von den Nazis ras­sis­tisch und poli­tisch defi­niert: Ras­sis­tisch hieß, dass nur gesunde“ Ange­hö­rige der ari­schen Rasse“ Mit­glieder der zukünf­tigen Volks­ge­mein­schaft sein konnten, also keine Juden, Sinti und Roma, keine Homo­se­xu­ellen und Behin­derten. Eben­falls keine Volks­ge­nossen“ waren poli­ti­sche Gegner des Regimes, vor allem Sozi­al­de­mo­kraten und Kom­mu­nisten. Bereits einige Monate zuvor hatte Lin­ne­mann den Ent­wurf einer neuen Mus­ter­sat­zung für die DFB-Ver­eine vor­ge­stellt, in die eine Abfrage zur Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit der Mit­glieder ein­ge­fügt und durch fol­genden Kom­mentar ergänzt worden war: Die Frage nach der Reli­gion ist so aus­zu­bauen, daß die Abstam­mung ras­sen­mäßig über­prüft werden kann.“

Der letzte Zufluchtsort

Wie viele jüdi­sche Fuß­baller in diesen Monaten aus den Ver­einen aus­ge­schlossen wurden, lässt sich heute nicht mehr rekon­stru­ieren. Es müssen jedoch Tau­sende gewesen sein, da die jüdi­schen Sport­ver­eine seit dem Früh­jahr 1933 einen wahren Mit­glie­der­an­sturm erlebten. Die wenigen zu diesem Zeit­punkt exis­tie­renden jüdi­schen Klubs ver­viel­fachten inner­halb weniger Monate ihre Mit­glie­der­zahlen, in vielen Städten und Gemeinden ent­standen neue Gruppen. Jüdi­sche Sport­ver­eine wurden zum letzten Zufluchtsort für fuß­ball­be­geis­terte Juden.

Aller­dings stießen sie dabei auf mas­sive Behin­de­rungen. Im Früh­jahr 1933 hatten fast alle Kom­mu­nal­ver­wal­tungen jüdi­schen Klubs die Nut­zung städ­ti­scher Sport­plätze zunächst ent­zogen. Aus tak­ti­schen Erwä­gungen wurde dies Ende des Jahres rück­gängig gemacht, um die als Pro­pa­gan­da­show geplanten Olym­pi­schen Spiele 1936 in Berlin nicht zu gefährden. Wegen der anti­se­mi­ti­schen Politik der Nazis war in den USA näm­lich ein Boy­kott der Spiele dis­ku­tiert worden.

Sport­li­ches Ghetto

Aller­dings bekamen viele jüdi­sche Klubs nun ledig­lich abge­le­gene und her­un­ter­ge­kom­mene Sport­plätze an der Peri­pherie der Städte zuge­wiesen, auf denen sie für die Öffent­lich­keit weit­ge­hend unsichtbar waren. Ein Verein in Leipzig musste seinen Sport­platz sogar mit einer blick­dichten Mauer umbauen, damit die ari­schen“ Nach­barn nicht durch den Anblick jüdi­scher Sportler gestört wurden. Auch Freund­schafts­spiele jüdi­scher Klubs gegen DFB-Teams, die mit Rück­sicht auf Olympia wieder offi­ziell erlaubt waren, wurden durch gezielte Hetz­kam­pa­gnen in NS-Zei­tungen bereits im Laufe des Jahres 1935 fak­tisch unmög­lich gemacht. So wurden jüdi­sche Fuß­baller schon in den ersten Jahren der NS-Herr­schaft in eine Art sport­li­ches Ghetto abge­drängt: in getrennte Ligen, auf getrennte Plätzen und fast ohne Berüh­rungs­punkte mehr mit dem übrigen deut­schen Sport. Zwei kon­kur­rie­rende Ver­bände warben im jüdi­schen Leben um die Sportler. Der Deut­sche Mak­ka­bik­reis sprach jene Juden an, die sich für eine bal­dige Aus­wan­de­rung aus Deutsch­land ein­setzten und den Aufbau eines jüdi­schen Staates auf dem Gebiet des heu­tigen Israel vor­an­treiben wollten. Im Sport­bund Schild sam­melten sich jene, die trotz der NS-Herr­schaft wei­terhin an eine Zukunft in Deutsch­land glaubten. Den größten Zulauf ver­zeich­neten beide Ver­bände 1935 und 1936. In diesen Jahren waren rund 40 000 Sportler, dar­unter rund 10 000 Fuß­baller, in 213 Ver­einen orga­ni­siert.

Der Sport­platz als Schutz­raum

Es mag aus heu­tiger Sicht ver­wun­der­lich sein, warum gerade der Sport im Leben der jüdi­schen Bevöl­ke­rung in einer Zeit extremer Ver­fol­gung eine so große Bedeu­tung gewann. Erin­ne­rungen von Zeit­zeugen lassen vor allem zwei Schlüsse zu: Zum einen wurde der Sport­platz zu einer Art Schutz­raum, wo Aktive und Zuschauer die Sorgen ihres All­tags für ein paar Stunden ver­gessen konnten. Zum anderen bot der Sport für Juden in der NS-Zeit eine fast ein­zig­ar­tige Mög­lich­keit, ihr Selbst­be­wusst­sein zu stärken und ent­gegen der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Pro­pa­ganda sich selbst und ihrer Umwelt zu demons­trieren, zu wel­chen Leis­tungen sie fähig waren. Nach den Olym­pi­schen Spielen 1936 hatten die Nazis keinen Grund mehr, den Sport von ihren anti­se­mi­ti­schen Repres­sa­lien aus­zu­nehmen. So wurden ab Ende des Jahres immer mehr jüdi­sche Sport­ver­an­stal­tungen von der Gestapo ver­boten oder den Ver­einen ihre Sport­plätze weg­ge­nommen. Zugleich ver­loren viele Klubs ihre Mit­glieder, weil immer mehr Juden ins Aus­land flüch­teten.

Die Pogrome des 9. November 1938, in denen Nazi-Schergen überall in Deutsch­land Syn­agogen zer­störten und mehr als zehn­tau­send Juden ver­haftet wurden, besie­gelten auch das Schicksal der jüdi­schen Sport­be­we­gung end­gültig. Die wenigen ver­blie­benen Sport­plätze, die jüdi­sche Ver­eine unter Auf­brin­gung ihrer letzten finan­zi­ellen Mittel gekauft hatten, wurden von den Nazis geplün­dert und beschlag­nahmt. Im Laufe des Jahres 1939 erhielten alle jüdi­schen Sport­ver­eine schließ­lich ein voll­stän­diges Betä­ti­gungs­verbot und mussten sich auf­lösen.

Depor­ta­tionen und Til­gungen

Ab Oktober 1941 begannen die Depor­ta­tionen der deut­schen Juden in die Ghettos und Ver­nich­tungs­lager des Ostens, aus der Unter­drü­ckung und Ver­trei­bung der Juden wurde ihre sys­te­ma­ti­sche Ermor­dung. Unter den Opfern der NS-Ver­nich­tungs­ma­schi­nerie befanden sich auch viele Gründer, Spieler und För­derer des Fuß­balls in Deutsch­land. Einer von ihnen war der deut­sche Natio­nal­spieler Julius Hirsch, der 1943 im KZ Ausch­witz ermordet wurde. In den zwölf Jahren NS-Herr­schaft sorgten die Ver­eine auch dafür, dass die Erin­ne­rung an die Juden aus dem Gedächtnis des deut­schen Fuß­balls getilgt wurde.

Selbst vor­mals ver­diente und hoch deko­rierte Mit­glieder wurden nach ihrem Aus­schluss nur selten von ihren Ver­eins­zei­tungen nament­lich ver­ab­schiedet oder ihnen gar für ihre bis­he­rigen Ver­dienste gedankt. Auf ähn­liche Weise wurde auch mit jüdi­schen Ver­einen ver­fahren: Bis zum Früh­jahr 1933 berich­tete die Ber­liner Fuß­ball­woche“ regel­mäßig über die Spiele von Bar Kochba Hakoah Berlin, die damals in der Kreis­liga spielten. Nach dem Aus­schluss des Ver­eins aus dem Ber­liner Fuß­ball­ver­band wurde der Klub in der Juni-Aus­gabe der Fuß­ball­woche“ ein­fach ohne jeden wei­teren Kom­mentar aus der lau­fenden Kreis­li­ga­ta­belle her­aus­ge­rechnet – als ob es ihn nie gegeben hätte.

Wie der kicker“ zwei Natio­nal­spieler vergaß

Beson­ders per­fide war die Fäl­schung der eigenen Klub­ge­schichte. Auf diese Weise wurden sogar Juden, die lange vor 1933 ver­storben waren, nach­träg­lich aus den Ver­eins­chro­niken getilgt und damit posthum zu Opfern der Ari­sie­rungs­po­litik, weil die Klubs den neuen Macht­ha­bern ihre Geschichte als juden­frei“ prä­sen­tieren wollten.

Sogar der vom Juden Walther Ben­se­mann gegrün­dete Kicker“ machte dabei mit. Er ver­öf­fent­lichte 1939 eines der schon damals beliebten Sam­mel­alben. Darin gab es Bilder aller Spieler, die min­des­tens einmal für die deut­sche Natio­nal­mann­schaft gespielt hatten. Ledig­lich die Por­träts der beiden jüdi­schen Natio­nal­spieler Julius Hirsch und Gott­fried Fuchs fehlten. Auch nach dem Ende des Zweiten Welt­kriegs blieb die Erin­ne­rung an die ehe­ma­ligen jüdi­schen Kicker lange fast völlig ver­gessen. In den Fest­schriften und Chro­niken der Ver­eine sowie des DFB blieb die Zeit des Natio­nal­so­zia­lismus nun meist völlig aus­ge­klam­mert oder wurde ledig­lich so dar­ge­stellt, als sei der Fuß­ball ein Opfer der Natio­nal­so­zia­listen gewesen. Bei dieser Ein­stel­lung war es nur bezeich­nend, dass der Kicker“ auch bei der Neu­auf­lage seines Sam­mel­al­bums im Jahr 1988 wie­derum vergaß, sich der jüdi­schen Natio­nal­spieler zu erin­nern.

Erst ab Mitte der 1990er-Jahre setzte im deut­schen Fuß­ball ein schritt­weiser Bewusst­seins­wandel ein. Ange­stoßen durch die Initia­tive ein­zelner Ver­eins­mit­glieder und Fans sowie durch die For­schungen von Autoren und Jour­na­listen haben immer mehr Ver­eine und auch der DFB ihre gesell­schaft­lich-his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung erkannt und begonnen, sich kri­tisch mit ihren Rollen zwi­schen 1933 und 1945 aus­ein­an­der­zu­setzen.

Nachdem der DFB 2001 eine unab­hän­gige Studie zu seiner Ver­bands­ge­schichte in Auf­trag gegeben hatte, legte Borussia Dort­mund 2002 als erster Lizenz­verein eine Auf­ar­bei­tung seiner Geschichte im Natio­nal­so­zia­lismus vor. Wei­tere Stu­dien über Schalke 04, den 1. FC Kai­sers­lau­tern, Ein­tracht Frank­furt und den Ham­burger SV folgten bis 2007. Inzwi­schen sind auch zur His­torie des TSV 1860 Mün­chen, von Hertha BSC, des FC St. Pauli und des FC Bayern in dieser Zeit Bücher ver­öf­fent­licht worden. Ins­be­son­dere der Göt­tinger Verlag Die Werk­statt“ betei­ligte sich mit einer ganzen Reihe von Büchern an der his­to­risch-publi­zis­ti­schen Erschlie­ßung dieses Kapi­tels der deut­schen Fuß­ball­ge­schichte, das in der aka­de­mi­schen Geschichts­for­schung lange nahezu keine Rolle spielte.

Zei­chen des Geden­kens

Statt­dessen hat vor allem das Enga­ge­ment zahl­rei­cher Fan­gruppen, also klas­si­sches bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment von unten“, dazu bei­getragen, der lange Zeit ver­drängten oder ver­schüt­teten Erin­ne­rung an die ehe­ma­ligen jüdi­schen Mit­glieder wieder einen Platz im his­to­ri­schen Bewusst­sein der Ver­eine zu geben. 2010 nahm der Ham­burger SV durch einen Beschluss seiner Mit­glie­der­ver­samm­lung den Aus­schluss seiner jüdi­schen Mit­glieder offi­ziell zurück. Der 1. FC Nürn­berg ernannte Anfang 2013 seinen ehe­ma­ligen Trainer Jenö Konrad posthum zum Ehren­mit­glied, nachdem seine Fans mit einer ein­drucks­vollen Sta­di­oncho­reo­grafie an ihn erin­nert hatten. Die Initia­tive des Mainzer Fan­klub-Dach­ver­bandes Sup­por­ters Mainz“ führte dazu, dass die Straße zum neuen Sta­dion des Bun­des­li­gisten nach Eugen Salomon benannt wurde, dem jüdi­schen Vor­sit­zenden des Ver­eins bis 1933, der im KZ Ausch­witz-Bir­kenau ermordet wurde.

Zei­chen des Geden­kens setzt auch der DFB, der in Erin­ne­rung an den jüdi­sche Natio­nal­spieler seit 2005 jähr­lich den Julius Hirsch Preis an Initia­tiven für Tole­ranz und Mensch­lich­keit im Fuß­ball ver­leiht und mit seiner Kul­tur­stif­tung seit 2007 gezielt ent­spre­chende Maß­nahmen durch­führt und för­dert. Dazu gehört zum Bei­spiel seit 2008 die jähr­liche Reise der U18-Natio­nal­mann­schaft des DFB in die Holo­caust-Gedenk­stätte Yad Vashem in Israel.

Nie wieder“

Es gibt aber noch andere ermu­ti­gende Signale einer neuen Erin­ne­rungs­kultur im deut­schen und euro­päi­schen Fuß­ball. So besuchte eine Abord­nung von Man­chester United um Trainer Alex Fer­guson im Sommer 2009 die KZ-Gedenk­stätte Dachau. Vor und wäh­rend der EM 2012 gedachten die Natio­nal­teams von Ita­lien, Deutsch­land, Eng­land und der Nie­der­lande den Opfern des Natio­nal­so­zia­lismus in der Gedenk­stätte Ausch­witz-Bir­kenau. Bereits seit 2005 begehen viele Fans und Ver­eine in Deutsch­land den Erin­ne­rungstag im deut­schen Fuß­ball“ auf Initia­tive des ehren­amt­li­chen Bünd­nisses Nie wieder“ jedes Jahr rund um den inter­na­tio­nalen Holo­caust-Gedenktag am 27. Januar.

Das alles sind, fast siebzig Jahre nach dem Ende der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft in Deutsch­land, ermu­ti­gende Bei­spiele eines Bewusst­seins­wan­dels im Fuß­ball. Trotz dieser posi­tiven Ent­wick­lungen bleibt auf dem Weg der Wie­der­ent­de­ckung der jüdi­schen Wur­zeln des deut­schen Fuß­balls aber noch viel zu tun.