Als der Fuß­ball Ende des 19. Jahr­hun­derts nach Deutsch­land kam, wurde das eng­li­sche Spiel von vielen eta­blierten Bür­gern ver­ächt­lich als Fuß­lüm­melei“ und eng­li­sche Krank­heit“ abge­lehnt. Die alten Eliten standen ihm kri­tisch gegen­über, weil der neue Fuß­ball­sport welt­offen, tole­rant und inter­na­tional aus­ge­richtet war. Er bot im Gegen­satz zum bis dahin domi­nie­renden Turnen, das Jugend­liche mit mili­tä­ri­schem Drill und in streng deutsch­na­tio­naler Gesin­nung erzog, indi­vi­du­elle Bewe­gungs- und Ent­fal­tungs­mög­lich­keiten.

Auch Juden hatten im Kai­ser­reich mit Res­sen­ti­ments zu kämpfen, obwohl sie seit der Ver­fas­sung von 1871 erst­mals formal recht­lich gleich­ge­stellt waren. Den­noch stießen sie bei ihren Bemü­hungen um Aner­ken­nung auch im Sport nicht selten auf Ableh­nung und Wider­stände. Einige Turn­ver­eine etwa erließen bereits um die Jahr­hun­dert­wende Ari­er­pa­ra­grafen, mit denen sie sich vor einer angeb­li­chen jüdi­schen Unter­wan­de­rung“ schützen wollten. Dem­ge­gen­über waren Fuß­ball­ver­eine für Juden beson­ders attraktiv, weil sie Min­der­heiten neue gesell­schaft­liche Frei­räume öff­neten. Es ist daher keine Über­ra­schung, dass unge­wöhn­lich viele Juden an der Ver­brei­tung des Fuß­balls in Deutsch­land betei­ligt waren.

Ben­se­mann und der Deut­sche Fuß­ball-Bund

Zahl­reiche Spit­zen­ver­eine von heute, wie der FC Bayern Mün­chen, der 1. FC Nürn­berg oder Ein­tracht Frank­furt, wurden von Juden mit­ge­gründet. Auch an der Ent­ste­hung des DFB im Jahr 1900 waren Juden ent­schei­dend betei­ligt, etwa der aus Eng­land stam­mende John Bloch oder die Brüder Gustav und Fried­rich Mann­heimer. Am wich­tigsten jedoch wurde Walther Ben­se­mann. Der Fuß­ball­vi­sionär war fest von der völ­ker­ver­bin­denden und frie­dens­stif­tenden Kraft des Fuß­ball­spiels über­zeugt und kämpfte beharr­lich für diese Ziele. Nachdem er ab den 1880er-Jahren an der Grün­dung zahl­rei­cher Fuß­ball­ver­eine in Süd­deutsch­land betei­ligt war, orga­ni­sierte er 1893 die ersten inter­na­tio­nalen Begeg­nungen deut­scher Mann­schaften und 1899 die soge­nannten Ur-Län­der­spiele, Spiele deut­scher Aus­wahl­mann­schaften noch vor Grün­dung des DFB gegen Teams aus Eng­land und Frank­reich. Ben­se­mann war es auch, der 1900 auf der Grün­dungs­ver­samm­lung des DFB in Leipzig den Namen Deut­scher Fuß­ball-Bund zur Abstim­mung vor­schlug. 1920 grün­dete er zudem mit dem Kicker“ eine Fuß­ball­zeit­schrift, um seine Ideen auch publi­zis­tisch zu ver­breiten.

Auch in klei­neren Orten und Gemeinden waren Juden an der Grün­dung von Fuß­ball­ver­einen betei­ligt. Gerade auf dem Land war der Sport für Juden weit mehr als nur eine Frei­zeit­be­schäf­ti­gung. Im gemein­samen Spiel, Seite an Seite mit den christ­li­chen Team­ka­me­raden, erlebten Juden eine neue Form der Akzep­tanz und Ein­bin­dung, die ihnen in anderen Lebens­be­rei­chen ver­sagt blieb. Auf diese Weise wurde der Fuß­ball auch zu einem Motor der gesell­schaft­li­chen Inte­gra­tion.

Anfänge des Anti­se­mi­tismus

Juden waren aber nicht nur als Funk­tio­näre wichtig, son­dern auch als Spieler. 1911 wurden die beiden Karls­ruher Stürmer Julius Hirsch und Gott­fried Fuchs als erste und bis heute ein­zige jüdi­sche Spieler in die deut­sche Natio­nal­mann­schaft berufen. Zusammen bestritten sie 13 Län­der­spiele und schossen dabei 17 Treffer. Gott­fried Fuchs stellte sogar einen bis heute uner­reichten Rekord im Natio­nal­trikot auf: Beim 16:0‑Sieg gegen Russ­land wäh­rend der Olym­pi­schen Spiele 1912 gelangen ihm zehn Tore. Zwar kein Natio­nal­spieler, aber Anfang der 1920er-Jahre ein großer Star des Ber­liner Fuß­balls war Rechts­außen Simon Lei­se­ro­witsch von Tennis Borussia.

Vor 1933 kickten die meisten jüdi­schen Fuß­baller in den Ver­einen des DFB. Rein jüdi­sche Fuß­ball­klubs, in denen Juden unter sich spielten, gab es zunächst nur in wenigen großen Städten. In den Kri­sen­jahren der Wei­marer Repu­blik wurden Juden jedoch auch auf dem Fuß­ball­platz zuneh­mend mit Anti­se­mi­tismus kon­fron­tiert. Das zeigte sich etwa 1924, als sich der West­deut­sche Spiel­ver­band wei­gerte, den Verein Hakoah Essen in seine Reihen auf­zu­nehmen. Als Reak­tion darauf grün­deten sich in meh­reren west­deut­schen Städten jüdi­sche Ver­eine, die sich im VINTUS (Ver­band jüdisch-neu­traler Turn- und Sport­ver­eine) zusam­men­schlossen. Dieser star­tete im November 1925 die erste selbst­or­ga­ni­sierte jüdi­sche Fuß­ball­liga in Deutsch­land. Gene­rell waren in diesen Jahren aber zumin­dest Freund­schafts­spiele zwi­schen jüdi­schen Mann­schaften und Ver­einen des DFB an der Tages­ord­nung.