Sommer 2019: Der FC Bayern Mün­chen ver­pflichtet Hans-Dieter Flick. Joa­chim Löws ehe­ma­liger Assis­tent soll als Co-Trainer seine Erfah­rung als zweiter Mann ein­bringen. Chef­trainer einer Profi-Mann­schaft war er bis dahin noch nie gewesen. Als er Anfang der Nuller Jahre zuletzt den Chef­posten auf einer Trai­ner­bank inne­hatte, spielten die von ihm trai­nierten Hof­fen­heimer im semi­pro­fes­sio­nellen Bereich.

Sommer 2020: Mit dem 1:0‑Sieg über Paris Saint-Ger­main krönt sich Chef­trainer Hansi Flick zum Triple-Sieger. Er steht nun in einer Reihe mit Sir Alex Fer­guson, José Mour­inho, Pep Guar­diola, Luis Enrique und Jupp Heynckes. Flicks Auf­stieg ist bei­spiellos im modernen Fuß­ball – und doch kommt er nicht von unge­fähr. Wir lie­fern fünf Gründe, warum die Bayern sich den Hen­kel­pott ver­dient haben.

1. Die Bayern sind ihrer Phi­lo­so­phie stets treu geblieben

Kurz bevor Niko Kovac als Trainer des FC Bayern ent­lassen wurde, sagte er über die Fähig­keiten seiner Spieler: Man kann nicht ver­su­chen, 200 km/​h auf der Auto­bahn zu fahren, wenn sie nur 100 schaffen.“ Dieser Satz dürfte als einer der größten Fehl­ein­schät­zungen in die Fuß­ball­ge­schichte ein­gehen.

Flick hat es geschafft, dass seine Mann­schaft jeden Gegner mit ihrem aggres­siven Pres­sing nie­der­walzt. Selbst im Finale blieben die Bayern ihrem hohen Pres­sing treu. Die vier Angreifer im 4−2−3−1 störten die Pariser Ver­tei­diger, die Akteure dahinter rückten immer wieder nach, um den Rhythmus des Geg­ners zu bre­chen.

Den spiel­starken Pari­sern gelang es zwar besser als den bis­he­rigen Bayern-Geg­nern, das Pres­sing zu umspielen. Gerade im Mit­tel­feld agierten die Bayern jedoch eng am Gegner. 22 Fouls begingen die Bayern, PSG foulte immerhin 16mal. Die Bayern zwangen den Künst­lern aus Paris ein inten­sives, hart umkämpftes Duell auf.

2. Comans Auf­stel­lung war die rich­tige Maß­nahme

Flick ver­än­derte seine Auf­stel­lung im Ver­gleich zum Halb­fi­nale nur auf einer Posi­tion: King­sley Coman begann auf Links­außen anstelle von Ivan Perisic. Das ver­wun­derte auf den ersten Blick: Perisic hatte sowohl gegen Chelsea als auch gegen Barca getroffen. Coman hin­gegen lief wochen­lang seiner Form hin­terher.

Spä­tes­tens in der zweiten Halb­zeit ent­puppte sich der Wechsel als Glücks­griff. Coman sollte die Schwach­stelle der Pariser atta­ckieren. Diese hatte Flick auf deren rechter Seite aus­ge­macht. Coman sollte Thilo Kehrer defensiv beschäf­tigen und mit seinen Tricks und Finten aus­spielen. Gesagt, getan: Coman dürfte Kehrer noch in dessen Alb­träumen ver­folgen. Mit dem ein­zigen Tor des Abends ent­schied der gebür­tige Pariser die Partie.

3. Thiago und das Spiel seines Lebens

Kaum ein Spieler ist bei den Bayern derart umstritten wie der Spa­nier Thiago. Zu ver­schnör­kelt sei sein Spiel, zu selten über­zeuge er in großen Spielen. Im Cham­pions-League-Finale bewies Thiago seinen Kri­ti­kern, was er kann. Als Sechser half er mit, das spiel­starke Mit­tel­feld der Pariser nicht zur Ent­fal­tung kommen zu lassen. Zusammen mit Leon Goretzka engte er beson­ders den Radius von PSG-Spiel­ge­stalter Leandro Paredes ein.

Die Zahlen spre­chen für Thiago: Kein Spieler spielte mehr Pässe, nie­mand bestritt mehr Zwei­kämpfe. Zwei Chancen legte er auf, fünf Bälle gewann er in der Defen­sive. In seinem wohl letzten Spiel für die Bayern – Thiago dürfte nach Liver­pool wech­seln – kon­trol­lierte der Spa­nier das Mit­tel­feld.

4. Neuer neu­tra­li­siert die Pariser Offen­siv­stärke

Paris gelang es zwar nur selten, die zweite Pres­sing­linie der Bayern zu über­spielen. Doch immer wenn sie an Thiago und Goretzka vor­bei­kamen, wurde es gefähr­lich. Hierbei spielte Kylian Mbappe eine ent­schei­dende Rolle: Als Links­außen pos­tierte er sich an der Grenze zum Abseits und lau­erte auf Zuspiele seiner Kol­legen.

Thomas Tuchels tak­ti­sche Maß­nahme fruch­tete: Joshua Kim­mich konnte Mbappes Tempo nicht immer folgen, der Fran­zose brach mehr­fach durch. Er konnte ent­weder selbst aufs Tor schießen oder Mit­tel­stürmer Neymar bedienen. Keiner der Beiden über­wand jedoch den stärksten Bayern-Spieler an diesem Abend: Manuel Neuer parierte jeden Schuss, der auf sein Tor kam. Er war der Haupt­grund, dass Paris trotz Tem­po­vor­teilen kein Tor erzielen konnte.

5. Die Bayern haben diese Cham­pions-League-Saison domi­niert

Es mag ein umkämpftes und enges Finale gewesen sein. Weitet man den Blick auf die gesamte Saison aus, erscheint der Cham­pions-League-Sieg der Bayern nur fol­ge­richtig. In der Grup­pen­phase gewannen sie alle sechs Par­tien, dar­unter war eine 7:2‑Gala bei Tot­tenham Hot­spur. Im Ach­tel­fi­nale schossen die Bayern sieben Tore gegen Chelsea. Im Vier­tel­fi­nale demon­tierten sie Barca mit 8:2, im Halb­fi­nale schlugen sie Lyon mit 3:0.

43 Treffer erzielten die Bayern auf dem Weg zum Titel. Nur Barca gelangen in der Saison 1999/2000 mehr Tore. Die Bayern stellten jedoch den Rekord für die beste Tor­aus­beute pro Spiel auf; wegen Corona haben sie auf dem Weg zum Titel 13 statt der übli­chen 15 Spiele bestritten. Mit Robert Lewan­dowski haben die Bayern sowohl den treff­si­chersten Tor­jäger (15 Tore) als auch den besten Vor­la­gen­geber (sechs Assists) in ihren Reihen.

Die Bayern haben sich diesen Titel ver­dient. Ihre his­to­ri­sche Saison geht in die Geschichte ein – und damit auch ihr Trainer Hans-Dieter Flick. Wer hätte das vor dieser Saison gedacht.