Mazola Kath­lego wohnt nur 100 Meter vom Sta­dion ent­fernt, mit seinen Freunden spielt er oft im Schatten der Tri­bünen Fuß­ball. Auf einem kleinen san­digen Feld, zwei Stöcke als Tor­pfosten. Vor vier Jahren, wäh­rend der Vor­be­rei­tungen für die WM in Süd­afrika, ist er oft heim­lich auf der Bau­stelle her­um­ge­klet­tert, von innen hat er die Arena von Nel­spruit aber noch nie gesehen. Heute ist Mazola zwölf Jahre alt und großer Fuß­ballfan, beim aktu­ellen Afrika-Cup würde er gerne mal ein Spiel im Mbom­bela Sta­dium vor seiner Haustür besu­chen. Geht leider nicht“, sagt der Junge. Der Ein­tritt kostet umge­rechnet gut vier Euro, so viel haben die Men­schen hier nicht übrig, die Spiele in Nel­spruit finden vor fast leeren Rängen statt.

Und auch mit der Welt­meis­ter­schaft ver­bindet Mazola keine guten Erin­ne­rungen. Ver­dammte WM“, sagt Mazola. Das Sta­dion wurde damals sieben Kilo­meter außer­halb der Innen­stadt von Nel­spruit gebaut, mitten im Town­ship Mataffin. Die Hütten der Men­schen wurden abge­rissen, auch Mazolas dama­liger Kin­der­garten, der einer Grund­schule ange­schlossen war, musste weg. Die wei­ter­füh­rende Schule seiner drei Jahre älteren Schwester Amanda wurde eben­falls geräumt, dort zog das Büro der Bau­firma ein. Die Leute erhielten ein paar Euro Ent­schä­di­gung, bauten sich neue Hütten weiter den Berg hinauf. Mazola und seine Freunde wurden mona­te­lang in eilig auf­ge­stellten Con­tai­nern unter­richtet.

Leere Ver­spre­chen

Die Men­schen von Mataffin schluckten das damals, schließ­lich erhielten viele von ihnen tat­säch­lich einen Job auf der Sta­di­on­bau­stelle. Außerdem hieß es, es werde nicht nur Süd­afrikas Wirt­schaft ange­kur­belt, son­dern es ent­stünden für fuß­ball­be­geis­terte Kinder wie Mazola bald auch Fuß­ball­ver­eine, mit rich­tigen Jugend­mann­schaften, die auf Rasen­plätzen spielen würden. Nichts von all dem ist pas­siert. Seit das Sta­dion fertig ist, liegt die Arbeits­lo­sen­quote von Mataffin mit seinen rund 10.000 Ein­woh­nern wieder bei 40 Pro­zent, wie zuvor. Einen Fuß­ball­verein gibt es nicht. Einen schönen Rasen­platz zum Trai­nieren schon gar nicht.

Nel­spruit liegt ganz im Osten Süd­afrikas, etwa 370 Kilo­meter von Johan­nes­burg ent­fernt. In der Umge­bung werden Gold und Mangan abge­baut, die Stadt fun­giert für Tou­risten als wich­tiges Ein­gangstor zum Krüger-Natio­nal­park. Das milde Klima ermög­licht gute Land­wirt­schafts­er­träge, die Stadt wächst pau­senlos, allein in den letzten sechs Jahren ver­dop­pelte sich die Ein­woh­ner­zahl auf der­zeit geschätzte 250.000. Wie ein Ring ziehen sich die Blech­hütten der stetig wach­senden Town­ships rund um die Stadt. Und die WM-Arena liegt wie ein rie­siges gelan­detes Ufo im grünen Tal­kessel.

Der Sta­di­onbau hier sym­bo­li­siert wie viel­leicht kein zweites Bau­werk all den Unsinn, den Süd­afrika im Zusam­men­spiel mit dem Fuß­ball­welt­ver­band Fifa zur WM 2010 ange­richtet hat. 100 Mil­lionen Euro ver­schlang der Bau der 41.000-Zuschauer-Arena. In einer Region, in der es bis heute nicht geschafft wurde, die Bevöl­ke­rung kom­plett mit flie­ßendem Wasser und Elek­tri­zität zu ver­sorgen. Wo Fuß­ball tra­di­tio­nell nie eine Rolle gespielt hat. Wo sich der weiße Teil der Bevöl­ke­rung nur für Rugby und Cri­cket inter­es­siert. Wo es im Fuß­ball noch nicht einmal einen Zweit- oder Dritt­li­ga­verein gibt.

Ins­ge­samt rund sechs Mil­li­arden Euro hat die WM Süd­afrika gekostet. Ver­spro­chen wurde dem Land ein rie­siger Wirt­schafts­schub, der aus­ge­blieben ist. Der Tou­rismus ent­wi­ckelt sich seit 2010 sogar rück­läufig, in Nel­spruit regis­trierte die Hotel- und Safa­ri­branche seither einen Umsatz­rück­gang von rund 30 Pro­zent. Das Welt­tur­nier sollte zudem Süd­afrikas Fuß­ball vor­an­bringen. Von Grund auf sollten neue Struk­turen nach euro­päi­schem Vor­bild geschaffen werden. Mit Fuß­ball­ver­einen, in denen schon die Kleinsten das Spiel lernen, und mit einem flä­chen­de­ckenden System von Jungen- und Mäd­chen­ligen, die das Land am Kap zum fuß­bal­le­ri­schen Vor­reiter des ganzen Kon­ti­nents pushen sollten.

Der weiße Ele­fant“

Mazola und seine Kumpel spielen heute noch genauso auf ihrem kleinen stau­bigen Platz vor dem Sta­dion. Im Town­ship gibt es viele sol­cher Jun­gen­gruppen, sie alle spielen ohne Anlei­tung, ohne Trainer. Wie vor sechs Jahren auch. Das teure Sta­dion ist zu einem klas­si­schen weißen Ele­fanten“ geworden, wie nach Groß­ereig­nissen unge­nutzte Arenen genannt werden: Das Mbom­bela-Sta­dion steht an min­des­tens 350 von 365 Tagen im Jahr leer.

Zuletzt waren die Betreiber stolz, dass die Arena für ein Kon­zert der vor 20 Jahren popu­lären bri­ti­schen Reggae-Gruppe UB40 und als Ziel­be­reich für einen Halb­ma­ra­thon genutzt wurde. Der­zeit laufen Ver­hand­lungen mit dem Rug­byteam aus dem 150 Kilo­meter ent­fernten Wit­bank. Die Pumas“ sollen ihre Heim­spiele ins Sta­dion von Nel­spruit ver­legen. Viel­leicht klappt es. Wenn nicht, bleibt die Stadt auch wei­terhin allein auf den Unter­halts­kosten von rund 450 000 Euro jähr­lich sitzen.

Und was ist mit der ver­spro­chenen Fuß­ball­ent­wick­lung Süd­afrikas? Wir sind auf dem Weg“, sagt Danny Jor­daan, 2010 Chef des süd­afri­ka­ni­schen WM-Orga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tees. Zu Beginn des Afrika-Cups stellten Jor­daan und Fifa-Gene­ral­se­kretär Jerome Valcke stolz den Legacy Trust“ vor, eine Ende 2010 ins Leben geru­fene Stif­tung zur nach­hal­tigen Fuß­ball­ent­wick­lung Süd­afrikas. Rund 70 Mil­lionen Euro vom Fifa-WM-Ertrag flossen damals in diesen Fonds, davon sind heute immer noch 45 Mil­lionen übrig.

Für 25 Mil­lionen Euro kaufte Süd­afrikas Fuß­ball­ver­band gleich nach der WM Klein­busse, Trans­porter und PKW, die an die regio­nalen Fuß­ball­ver­bände gingen. Das Trans­port­pro­blem war in einem so rie­sigen Land wie Süd­afrika ent­schei­dend für die Hem­mung der Ent­wick­lung“, sagt Jor­daan. Ins Schlin­gern kommt der Funk­tionär, als er erklären soll, warum von dem Geld auch ins­ge­samt 26 brand­neue Edel­li­mou­sinen an Funk­tio­näre des süd­afri­ka­ni­schen Fuß­ball­ver­bandes gingen. Rund die Hälfte aller Mit­glieder unseres Exe­ku­tiv­ko­mi­tees sind arbeitslos. Sagen Sie mir mal, wie die ver­nünftig für den Fuß­ball arbeiten sollen, wenn sie kein Fahr­zeug haben?“, ant­wortet Jor­daan.

5,5 Mil­lionen Euro sollen jetzt aber tat­säch­lich in die Ent­wick­lung der natio­nalen Fuß­ball­basis fließen. Nachdem die drän­gendsten Auf­gaben iden­ti­fi­ziert wurden, soll in Trainer- und Schieds­rich­ter­aus­bil­dung, den Aufbau einer U‑13- und U‑15-Liga, in den Mäd­chen- und Hal­len­fuß­ball inves­tiert werden. Das ist auch drin­gend not­wendig“, sagt Michael Nees, ein deut­scher Fuß­ball­ex­perte, der wäh­rend der letzten vier Jahre als Ent­wick­lungs­helfer in Süd­afrika tätig war und bei der Aus­bil­dung von Trai­nern und Schieds­rich­tern geholfen hat. Aber im Jugend­fuß­ball liegt noch einiges im Argen“, fügt Nees hinzu.
Seiner Mei­nung nach wäre es die beste Vor­aus­set­zung für eine posi­tive Ent­wick­lung, wenn die süd­afri­ka­ni­sche Natio­nal­mann­schaft Bafana Bafana end­lich mal wieder posi­tive Schlag­zeilen pro­du­zieren würde. Der Anfang mit dem Einzug ins Vier­tel­fi­nale des Afrika-Cups ist schon mal geschafft.

Am Sonntag wird im Sta­dion von Nel­spruit das Vier­tel­fi­nale Bur­kina Faso gegen Togo aus­ge­tragen, auch ein Halb­fi­nale findet noch vor Mazolas Haustür statt. Danach werden er und seine Freunde wohl wieder für lange Zeit die ein­zigen sein, die in der Town­ship Mataffin dem Ball nach­jagen.