QUADRAT 1 1 für Hochformate 10

Dieser Text erschien erst­mals im 11FREUNDE-Spe­zial Liebe & Hass“. Erhält­lich hier bei uns im Shop.

Es fällt mir schwer, im Zusam­men­hang mit Thomas Müller von Liebe zu spre­chen. Ich liege nachts nicht mit pochendem Herzen wach wegen ihm. Es steht kein Bild von ihm auf meinem Schreib­tisch. Ja, ich kann die meiste Zeit ganz gut ohne ihn leben, und an zwei Spiel­tagen im Jahr wünschte ich sogar, es gäbe ihn gar nicht. Ich liebe meine Familie, meine Freunde und Claudio Pizarro. Aber Thomas Müller?

Und den­noch: Wie ich einmal einem Mecha­niker, der in höchster Not mein Auto wieder zum Laufen bekam, im Über­schwang der Erleich­te­rung Ich liebe Sie!“ zurufen wollte (und es dann doch nicht tat, um Irri­ta­tionen zu ver­meiden), so wallten auch schon Gefühle der, naja, min­des­tens tiefen Dank­bar­keit für Thomas Müller in mir auf. Für diesen genia­li­schen Schrauber des Fuß­balls, den schlak­sigen Gesellen, der aus der Tiefe der Garage geschlurft kommt, auf einem got­tes­läs­ter­li­chen ober­bay­ri­schen Fluch her­um­kaut, die Motor­haube auf­klappt, einmal mit seinem dünnen Bein­chen gegen die Zünd­spulen tritt – und plötz­lich springt es wieder an, das Spiel. Wie er das macht, weiß, wenn über­haupt, nur er. Jeden­falls steht es in keinem Lehr­buch.

Der gro­teske Zauber eines Schna­bel­tiers

Fuß­ball­fans sind, wem sage ich das, pri­mi­tive Leute: Sie denken in Stam­mes­zu­ge­hö­rig­keiten. So ist es mir als Anhänger des SV Werder unmög­lich, Thomas Müller zu lieben, wenn er die Farben des Erz­ri­valen aus Mün­chen trägt. Streifte er sich aller­dings das Trikot der Natio­nal­mann­schaft über und wurde zum Reprä­sen­tanten dieses Gemein­schafts­sinn stif­tenden Phan­ta­sie­ge­bildes namens Schland, waren solche Regungen plötz­lich legitim.

Und meine Herren, was war ich diesem Müller schon dankbar. Habe ich ihn viel­leicht sogar geliebt, als er etwa im ersten Grup­pen­spiel der WM 2014 gegen Por­tugal drei Tore schoss und nicht nur das Spiel, son­dern das ganze Tur­nier zum Laufen brachte? Wenn ja, ver­stecke ich dieses Gefühl heute vor meinen Bremer Freunden wie einen geerbten Stoß­zahn, wie etwas Beschä­mendes und Ille­gales. Am liebsten möchte ich ver­gessen, es jemals gehabt zu haben.

Was ich aber nie­mals ver­gessen werde, wie wohl jeder, der jemals Tore von Thomas Müller sah: Wie er sie geschossen hat und – leider nicht mehr für Schland und leider immer noch für den FC Bayern – nach wie vor schießt. Dafür lohnt es sich sogar, die Ver­eins­meierei einmal bei­sei­te­zu­schieben und das, was Müller da macht, unter objek­tiven Kri­te­rien der Ästhetik zu betrachten. Es ist näm­lich so eigen­tüm­lich und ein­zig­artig, dass es einen gro­tesken Zauber ent­faltet, den man auch beim Betrachten einer sel­tenen, absurden Kreatur wahr­nehmen kann, eines Schna­bel­tiers etwa: nicht schön, aber auf seine ganz eigene Weise lie­bens­wert.

Wenn Thomas Müller zum Schuss ansetzt, ähnelt er zuweilen einem Sechs­jäh­rigen, der auf der Matratze seines Kin­der­betts Fall­rück­zieher übt, dann wieder einer Giraffe, die auf einen zuge­fro­renen See geraten ist, oder jemandem, der vor dem Fern­seher ange­trunken eine Aerobic-DVD nachtanzt, kurzum: einer Illus­tra­tion zum Lexi­kon­ein­trag des Adjek­tivs lin­kisch“.

Ein You­tube-Zusam­men­schnitt sähe, wenn man das Ende weg­ließe, aus wie eine Anein­an­der­rei­hung von Pannen. Wenn sich doch mal eine Anmu­tung von Ele­ganz hin­ein­mischt, wirkt sie seltsam unab­sicht­lich. Doch es ist eben irre effektiv, und hin­terher ist allen Umste­henden, sogar ihm selbst, die Ver­blüf­fung ins Gesicht geschrieben: Wie hat er das nun wieder geschafft?

Er macht sein eigenes Ding, irgendwo zwi­schen Boden­turnen, Rodeln ohne Schlitten und Vol­ley­ball mit den Füßen.“

Sein Tor ist, wenn er’s trotzdem macht. Jedes ein­zelne ist eine Sen­sa­tion, weil es eigent­lich nicht hätte fallen können. Er schießt sich selbst an, stol­pert slap­stick­haft in abge­fälschte Flanken, lauert dort, wo sich nichts ereignet, außer eben für ihn, und dann stand er wieder mal richtig, wo alle anderen falsch gestanden hätten. Wäre das nur einmal geschehen, könnte man von Zufall, bei einer über­schau­baren Serie immerhin von Dusel spre­chen, was, wie Kenner wissen, nicht nur Zufall ist, son­dern dessen aggres­sive Her­bei­füh­rung durch den FC Bayern.

Da es aber seit Jahren regel­mäßig geschieht, sobald dieser Müller einen Platz betritt, muss man es wohl so aus­drü­cken: Er hat eine voll­kommen neue Sportart erfunden. Wäh­rend die anderen um ihn herum Fuß­ball spielen, ihn zuweilen sogar zur Kunst erheben, macht er sein eigenes Ding, irgendwo zwi­schen Boden­turnen, Rodeln ohne Schlitten und Vol­ley­ball mit den Füßen. Er ist, natur­gemäß, der beste Thomas Müller der Welt, die Nummer eins in seiner Dis­zi­plin: dem begna­deten Dilet­tan­tismus.

Vor dem Hin­ter­grund seiner abso­luten Son­der­stel­lung in der Ästhetik des Sports möchte ich Thomas Müller also zum legi­timen Nach­folger Michael Edwards’ aus­rufen, jenes als Eddie the Eagle“ berühmt gewor­denen Ski­sprin­gers, der stets abge­schlagen Letzter wurde. Beide können nicht fliegen und haben es den­noch in heroi­scher Selbst­ver­ach­tung ver­sucht. Und nur weil Müller auf eine Weise, die für immer rät­sel­haft bleiben muss, dabei ungleich erfolg­rei­cher ist, als Edwards es jemals war, gebührt ihm nicht weniger Zunei­gung.