Acht Stunden und 57 Minuten bevor Cris­tiano Ronaldo per Hacke Karim Ben­zema das erste Tor auf­legt, steigt Enrique Viturro am Gel­sen­kir­chener Haupt­bahnhof aus der S‑Bahn und denkt: Wo ist das Cham­pions-League-Gefühl? Es ist Punkt 12 Uhr, und Enrique Viturro, 36 Jahre alt, weißes Trikot über grauem Kapu­zen­pull­over, ist schlecht über­rascht“. Viturro ist Vor­stands­mit­glied des Fan­klubs I Pena Madri­dista de Munich“.

Für das Cham­pions-League-Ach­tel­fi­nal­hin­spiel ist er mit Münchner Madrid-Fans nach Schalke gekommen. Sie sind über sechs Stunden unter­wegs mit der Bahn, mit Umstiegen in Kassel-Wil­helms­höhe und Dort­mund, und jetzt legt sich ihnen die Gel­sen­kir­chener Fuß­gän­ger­zone zur Mit­tags­zeit in ihrer ganzen Pracht dar: keine Fans, keine Gesänge, alles grau. Sie sind etwas ernüch­tert und spa­zieren erst einmal die Haupt­straße ent­lang.
 
Auf der Home­page von Real Madrid sind für Ale­mania“ drei offi­zi­elle Real-Madrid-Fan­klubs regis­triert: einer in Stutt­gart, einer in Stol­berg bei Aachen und jener in Mün­chen. Der Münchner Pena“ (spa­nisch für: Fan­klub) wurde 2009 gegründet. Eigent­lich erstaun­lich, wie lange Fuß­ballfan Viturro brauchte, um ihn über­haupt zu ent­de­cken. Viturro ist gebür­tiger Gali­zier, aber auf­ge­wachsen ist er in Spa­niens Haupt­stadt. Damals, so sagt es Viturro, musste man sich ent­scheiden: ent­weder FC Bar­ce­lona oder Real Madrid. In seiner Jugend, Ende der acht­ziger Jahre, fei­erte Real Madrid eine sehr erfolg­reiche Zeit, wurde fünfmal in Folge spa­ni­scher Meister. Viturro wurde ein Madri­dista.

Zwei Erz­feinde: Bayern und Bar­ce­lona

Er stu­dierte Bio­chemie, machte seinen Doktor. 2005 kam er nach Deutsch­land und fand einen Job an der TU Mün­chen als For­scher für Milch­wis­sen­schaft. Aber als Madri­dista aus­ge­rechnet in der Stadt des deut­schen Rekord­meis­ters? Wir haben zwei Erz­feinde“, sagt Viturro: in Spa­nien ist es Barca, in Europa ist es Bayern Mün­chen, la bestia negra.“ Viturro, so viel stand fest, brauchte hier Unter­stüt­zung.
 
Hilfe kam in Form der spa­ni­schen Aus­gabe der TV-Sen­dung Die Aus­wan­derer“: Ein Fern­seh­sender beglei­tete einen Spa­nier, der nach Mün­chen aus­ge­wan­dert war. Wäh­rend der Sen­dung sah man ihn auch Fuß­ball gucken, mit anderen Madri­di­stas, mitten in Mün­chen. Viturro zögerte nicht, fand den Klub und wurde sofort Mit­glied. Ich bin eigent­lich ein Quer­ein­steiger in unserem Verein“, sagt er, aber als ich dann erst mal drin war, war ich auch sofort im Vor­stand“.

Sie fanden uns wohl exo­tisch“
 
Sechs Stunden bevor Cris­tiano Ronaldo per Hacke Karim Ben­zema das erste Tor auf­legt, singen und tanzen die Real-Fans auf dem Gel­sen­kir­chener Neu­markt. Die Münchner haben einen Real-Fan­klub aus Weiß­russ­land gefunden. Zusammen hängen sie ihre weißen Fahnen über das Grau, trinken Bier und skan­dieren: Madrid! Madrid!“ Inzwi­schen sind auch andere Mit­glieder der Münchner Pena“ ein­ge­troffen. Manche sind mit dem Auto gekommen, andere sogar mit dem Flug­zeug. Ihr Rück­flug geht um 6 Uhr mor­gens. Über 30 Klub-Mit­glieder sind aus Bayern ange­reist. Viele Gel­sen­kir­chener, so erzählt es Viturro, bleiben nun stehen und foto­gra­fieren die Fans. Sie fanden uns wohl exo­tisch“, sagt er. Langsam kommt das Cham­pions-League-Gefühl.

Sein Fan­klub sei erst seit drei, vier Jahren richtig erfolg­reich, erzählt Viturro. Seit dieser Zeit wächst der Verein jähr­lich min­des­tens um 30 Mit­glieder. Jedes Mal, wenn die Mann­schaft in ihre Nähe kam, fuhren sie hin: 2012 in Mün­chen, ver­gan­genes Jahr im April in Dort­mund, und im November in Turin. Die Mit­glieder seien über­wie­gend young pro­fes­sio­nals“, wie er sagt, junge Fach­ar­beiter aus Spa­nien, die in den ver­gan­genen Jahren wegen der Krise in Spa­nien nach Deutsch­land kamen. Viele von uns sind Inge­nieure, sie finden in Bayern schnell Arbeit, bei BMW oder Audi.“

Guar­diolas Doping-Ver­gan­gen­heit

Ebenso haben sie die zweite und dritte Genera­tion von spa­ni­schen Ein­wan­de­rer­fa­mi­lien im Klub. Aber auch Russen, Grie­chen, US-Ame­ri­kaner und auch Deut­sche sind Mit­glieder in der Pena“. Selbst Bayern- und Bar­ce­lona-Fans gucken mit, wenn ihre Klubs gegen Real Madrid spielen. Mitt­ler­weile zählt der Vor­stand 170 Mit­glieder. Und welche Mei­nung hat er eigent­lich zu Pep Guar­diola? Ach…“ Viturro grinst. Wir haben uns auf der Zug­fahrt schon dar­über unter­halten. Das werden wir oft gefragt. Bei uns herrscht die Mei­nung, Pep wählt immer die Mann­schaft aus, mit der er leicht gewinnen kann.“ Man habe natür­lich auch spe­zi­elle Fan-Gesänge gegen ihn. Ob man die mal hören könne? Mmh… besser nicht. Es geht um seine Doping-Ver­gan­gen­heit.“
 
Zwei Stunden und 57 Minuten vor dem ersten Tor steigt Viturro in die Stra­ßen­bahn 302 Rich­tung Vel­tins-Arena“. Es ist 18 Uhr. Die Fahrt dauert 15 Minuten. Die Bahn ist voll mit Schalke-Fans. Viturro hat in sol­chen Situa­tionen schon schlechte Erfah­rungen gemacht: In Dort­mund, erzählt er, im Halb­fi­nal­hin­spiel 2013, hätten BVB-Fans ihn und seine Klub-Mit­glieder pro­vo­ziert und mit Gegen­ständen beworfen. Auch in Mün­chen, beim Halb­fi­nale 2012, war der Emp­fang für die Spa­nier nicht freund­lich. Aber in der 302 ist die Atmo­sphäre gelöst.

Gemein­same Feinde schaffen Freund­schaften

Die Fans into­nieren gemeinsam Lieder: Senor“ – Raul!“. Oder dieses Lied gegen BVB…“, sagt Viturro. Oder, noch besser, das gegen die Bayern. Gemein­same Feinde schaffen Freund­schaften. Man merkt schon, dass sie uns als Brüder emp­finden, wegen der vielen Spieler, die in beiden Ver­einen gespielt haben“, sagt er: Raul, Met­zelder, Jurado, Hun­telaar, Özil“. Später, in der Halb­zeit­pause, ergänzt er noch einen: Adam Szalai hat mal in unserer zweiten Mann­schaft gespielt.“
 
In Mün­chen haben sie ihre Stamm­kneipe in der Ang­ler­straße 6, Schwan­thal­er­höhe. Nor­ma­ler­weise ist das ein Tanz­studio zum Mieten, für Fla­menco etwa, aber der Fan­klub hat dort einen Raum für 150 Per­sonen, mit Lein­wand und Beamer. Wir über­tragen dort alle Real-Madrid-Spiele“, sagt Viturro. Er hat eine Bayerin gehei­ratet, er hat einen kleinen Sohn: Ich bin schon halber Bayer“, sagt er. Dem­nächst gehen sie sogar zum Bas­ket­ball: Am 13. März spielt der FC Bayern gegen Real Madrid in der Bas­ket­ball-Europa-League. Zuerst hatte der Klub 60 Karten bestellt. Nun haben sie 90. Das Inter­esse war so groß.
 
In der 13. Spiel­mi­nute legt Cris­tiano Ronaldo per Hacke den Ball in den Schalker Straf­raum, mit etwas Glück erreicht er Karim Ben­zema, der aus elf Metern zum 1:0 ein­schießt. Im Block S1, links hinter dem Schalker Tor, fliegen Papp­be­cher durch die Luft. Enrique Viturro springt über die Sitz­reihen bis an den vor­deren Rand und schreit seinen Jubel hinaus.