Seite 4: Wir kennen Bruns! Wer ist Maradona?

Unter Druck lässt sich Mara­dona nicht setzen, er trip­pelt über den Platz, deutet nur an, was mög­lich ist. Und für immer bleibt ein Foto: Mara­dona, Zunge zwi­schen den Zähnen, spit­zelt den Ball mit dem linken Außen­rist aus der Luft, wäh­rend er nur auf der Zehen­spitze steht und mit dem rechten Arm das Gleich­ge­wicht hält. Neben ihm steht Josef Menke, den sie in Meppen als Ems­land-Netzer“ ver­ehren, stau­nend mit offenem Mund. Das argen­ti­ni­sche Ver­spre­chen deutet an, dass es bereit ist, in Europa ein­ge­löst zu werden. Eiting wirkt genervt, wenn er daran erin­nert wird. Er zählt zu der stolzen Mep­pener Genera­tion, die fünf Jahre später in die zweite Bun­des­liga auf­steigen wird. Er macht dort noch 19 Spiele. Aber gefragt wird er immer nur nach diesem einen Spiel, als er Spar­rings­partner für einen Welt­star war. Eins ist klar“, sagt Eiting. Ich kann noch so dement werden, dieses Spiel werde ich nie ver­gessen.“ Kommt eh immer einer und ruft es in Erin­ne­rung.

Immerhin am ein­zigen Tor Mara­donas trägt Eiting keine Schuld. In der 15. Minute wird Hand­elf­meter gepfiffen, Mara­dona, der sich bis dahin im Hin­ter­grund gehalten hat, läuft wie selbst­ver­ständ­lich zum Ball. Vorbei an Simonsen, an Quini und an Kapitän Victor Munoz. Mit 21 Jahren und einer natür­li­chen Auto­rität, die Mep­pens Tor­hüter Bernd Kugler beein­druckt. Der hoch­ge­wach­sene Mann mit dem roten Bart spielt sein letztes Spiel für den Verein. Jetzt, wenn er diesen einen Elf­meter halten würde, könnte er sich doch in die Geschichts­bü­cher ein­tragen. In dem Moment war es nur Sport“, sagt Kugler.

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Wer ist Mara­dona? Für die Beant­wor­tung dieser Frage steigt man­cher in Meppen auf den Baum.

Wit­ters

Er kon­zen­triert sich auf Mara­dona und den Ball, der zwi­schen ihnen am Elf­me­ter­punkt liegt. Mara­dona läuft an, mit geschmei­digem Schritt, trotz seiner leichten O‑Beine, die den mus­ku­lösen Ober­schen­keln geschuldet sind. Ein letztes Mal zuckt Kugler mit seinen Fin­gern, als wolle er Mara­dona her­aus­for­dern: Komm her, lass uns sehen, ob du dein Geld wert bist. Dann muss er sich ent­scheiden. Links! Im Moment des Absprungs ist alles schon vorbei. Mara­dona hat sich den Ama­teur­tor­wart aus­ge­guckt und im letzten Augen­blick die Schuss­rich­tung geän­dert. Kugler springt nicht einmal mehr ab, son­dern stützt sich im Fallen mit dem Unterarm ab, wäh­rend der Ball auf der anderen Seite ein­schlägt. Hat er schon clever gemacht, der Mara­dona.“ Eine Minute später ist Kug­lers Kar­riere zu Ende. Er wird aus­ge­wech­selt. Nach dem Spiel spricht ihn ein Lokal­re­porter an, ob er nicht ein Foto mit Mara­dona machen wolle. Ne, lass mal“, sagt Kugler. Es ist ihm zu blöd. Hätte ich wohl besser mal machen sollen“, sagt Kugler heute. Auch Mara­dona wird nach einer Halb­zeit aus­ge­wech­selt.

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Mara­dona lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Er deutet nur an, was mög­lich ist.

Wit­ters

Die Presse spart am nächsten Tag nicht mit Super­la­tiven. Super­star Mara­dona zau­bert 45 Minuten“, Super­spiel“, Bei­fall für Diego“. Und die Lokal­zei­tung fasst zusammen: Als Chef im Mit­tel­feld des CFB sofort aner­kannt, wurde er von den Mann­schafts­ka­me­raden ständig gesucht und zog her­vor­ra­gend die Fäden im offen­siven Mit­tel­feld.“ Tat­säch­lich zeigen die raren Video­auf­nahmen, wie Mara­dona vor dem Straf­raum mühelos den Ball mit der Sohle mit­zieht, um ihn im letzten Moment, bevor Mann­de­cker Eiting am Ball gewesen wäre, mit der Hacke seit­wärts wei­ter­zu­leiten. Kleine, wir­kungs­volle Bewe­gungen. Es reicht in Meppen aus.

Bodo legte die alten Sachen raus

Pah, Mara­dona“, ruft Peter Höfer in seinem Keller. Eine tolle Erfah­rung war das, klar, aber ange­strengt habe sich El Dios“ ja nun wirk­lich nicht. Am Ende der Treppe, das Licht fällt genau in diese Ecke, hat Höfer trotzdem seine Erin­ne­rungen gesam­melt. Ein Zei­tungs­aus­schnitt, der davon erzählt, ein gerahmtes Trikot des FC Bar­ce­lona. Klebt hinter dieser Scheibe etwa der Schweiß des Mara­dona? Nein“, sagt Höfer. Das Leib­chen des Super­stars habe nie­mand ergat­tern können. Dabei hatte Mep­pens kluger Zeug­wart Bodo Venske vor­ge­sorgt: Um den Spa­niern beim Tausch nicht den neuen Tri­kot­satz zu über­lassen, hatte er die Hemden aus dem letzten Spiel­jahr her­aus­ge­legt. Bodo, was ist denn das?“, hatten seine Spieler gestam­melt und die rot­ver­wa­schenen Tri­kots hoch­ge­halten. Sollten sie damit etwa an Mep­pens größtem Tag auf­laufen? Sie sollten. Dabei hatten die Spa­nier sowieso kein Inter­esse am ems­län­di­schen Stoff. Nach dem Abpfiff wurde uns die Kabi­nentür geöffnet“, sagt Höfer, und in der Mitte unserer eigenen Umkleide lagen die rot-blauen Tri­kots. Jeder durfte sich eins greifen.“

Mara­donas Trikot war ohne Spur ver­schwunden, genauso wie der talen­tierte Junge, der es zuvor getragen hatte. Ein Geist, der für 45 Minuten in der Stadt war. Dort erzählen sie sich von der Begeg­nung. Ver­gessen können sie es eh nicht mehr. Kommt immer einer und ruft es in Erin­ne­rung.