Seite 3: Wie Meppen Maradona stoppen will

Dann schreitet er in den Kabi­nen­trakt. Vor dem Spie­ler­tunnel geht es nach links, dorthin, wo die Kabine des SV Meppen liegt. Der Gast­geber hat seine große Umkleide bereit­willig geräumt, zieht sich in der Gäs­te­ka­bine um. Alle Augen sind auf Bar­ce­lona und ihren Gold­jungen gerichtet. Und Mara­dona ist nicht schüch­tern, nicht arro­gant, Mara­dona steht nur unter Zeit­druck. Der Bus hatte den fal­schen Grenz­über­gang gewählt. Erst eine halbe Stunde vor Anpfiff ist der Tross ein­ge­troffen. Schon wenige Augen­blicke später steht er auf dem Platz. Her­mann Eiting ist an diesem Abend der Mann­de­cker von Diego Mara­dona. Aber was er beim Warm­ma­chen sieht, lässt ihn grinsen und schau­dern zugleich. Der Argen­ti­nier läuft über den gesamten Platz, hinter ihm hun­derte Kinder, die ihn nur einmal anfassen wollen. Für Mara­dona ist das kein Pro­blem. Nur seinen Ball darf nie­mand berühren. Also schießt er ihn im Lauf hoch in den Himmel, nimmt ihn mit der Schulter wieder an, lässt den Ball von dort auf seinen Kopf springen und läuft dabei weiter über den Platz. Die Leute“, sagt Eiting heute, haben Mara­dona damals mit Rum­me­nigge ver­gli­chen. Aber zwi­schen denen lagen Welten.“ Und wenn schon Hun­derte diesen Mann nicht auf­halten würden, wie soll er, der Berufs­po­li­zist aus dem Ems­land, Diego Mara­dona stoppen?

Bei der WM 1994 wird er mit Ephe­drin im Blut erwischt. Am Ende seiner Kar­riere darf Mara­dona nur noch spielen, weil er nach jedem Spiel einen Doping­test abgibt. Sein Dro­gen­miss­brauch führt mit 40 Jahren zum ersten Herz­in­farkt. Er wird sehr dick, er wird sich mit Fidel Castro anfreunden, wieder abspe­cken, die Natio­nal­mann­schaft trai­nieren. Und wieder Pro­bleme bereiten. Doch an diesem Tag in Meppen sieht ihn die Welt als drei­fa­chen argen­ti­ni­schen Tor­schüt­zen­könig, als Meister, als drei­fa­chen Fuß­baller des Jahres in Süd­ame­rika.

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Eiting ist min­des­tens einen Kopf größer als Mara­dona mit seinen 1,69 Metern. An Eitings Hals hängt ein Sil­ber­kett­chen, Mara­dona trägt sein Talent vor sich her. Die Frisur Was ab ist, ist ab“ gegen den Locken­kopf. Doch wie jemanden ver­tei­digen, der durch das bloße Antäu­schen einer Bewe­gung zwei Meter über­brückt? Und dir damit drei Meter abnimmt.“ Eiting ist chan­cenlos, erdrückt von der Wirk­lich­keit seines Gegen­spie­lers, seiner Klasse und der schwir­renden Luft. 13 000 Zuschauer fasst eigent­lich das Sta­dion, das eher ein Sport­ge­lände ist. 18 500 sind gekommen, jede Ecke wird genutzt. Bänke stehen auf der Lauf­bahn, ver­ein­zelte Zuschauer sitzen in Bir­ken­wip­feln. Auf Sicher­heits­per­sonal hat man im Ems­land ver­zichtet, man ist ja unter sich. Gegen Olden­burg, da kamen 8000. Da haben wir auch gewonnen“, will sich Eiting Mut machen. Aber das hier, das ist was anderes. Das ist Welt­bühne. Die heute-Nach­richten werden am Abend berichten.

Mara­dona wuselt über den Platz mit leicht her­aus­ge­streckter Zunge, die er zwi­schen die Zähne klemmt, wann immer der Ball in seiner Nähe ist. Seit vier Jahren kennt ihn die Welt, obwohl Argen­ti­niens Natio­nal­trainer Cesar Luis Menotti 1978 auf das Wun­der­kind ver­zich­tete. Dass Mara­dona bei der WM im eigenen Land nicht nomi­niert wurde, ver­zeiht er seinem Trainer nie. Und bei der WM in Spa­nien, seinem ersten Tur­nier, ist Mara­dona im Team des Titel­ver­tei­di­gers nicht gerade positiv auf­ge­fallen. Er schießt zwar zwei Tore, fliegt aber gegen Bra­si­lien vom Platz und in der Zwi­schen­runde aus dem Tur­nier. Nachdem das Pro­jekt Titel­ver­tei­di­gung nicht gelingt, gibt ihn der Ver­band frei.

Doch der Mythos, so scheint es, ist durch den schwa­chen Auf­tritt bei der WM nur noch größer geworden. Die Bild“-Zeitung hatte schon vor zwei Jahren von dem Slum-Jungen, um den sich die Welt reißt“ berichtet. Von Fall­rück­zie­hern, dem Feuer eines Tango-Tän­zers und Ober­schen­keln, dicker als die von Gerd Müller, wurde geschrieben. Von Bällen, Denk­mä­lern und Sex. Bar­ce­lona legt die Welt­re­kord­summe“ („Süd­deut­sche Zei­tung“) von 19,2 Mil­lionen Mark hin. Sie müssen, denn auch Juventus Turin bietet um Mara­dona mit. Bar­ce­lona zahlt aber nur ein Viertel selbst, ein wei­teres Viertel wird über Freund­schafts­spiele in Süd­ame­rika abge­golten. Den Rest bringen fünf Firmen auf, die mit der Marke Mara­dona werben dürfen. Sogar der Playboy“ fragt beim Anblick des begin­nenden Kapi­ta­lismus im Fuß­ball empört: Leder, wohin rollst du?“ Mara­dona ist 21 Jahre jung, ein Ver­spre­chen an die Zukunft, sagen die einen. Aber für die meisten ist er schon ein Fuß­ball­gott, ein D10S. Zeigt er in Meppen, wovon bisher nur zu lesen war?