Seite 2: „Lourdes könnte nicht begehrter sein“

Gerd van Zoest hat an jenem Abend im Januar großes Glück, denn er wählt auch die Nummer des UEFA-Spie­ler­ver­mitt­lers Gün­ther Bach­mann. Herr Van Zoest, erst vor fünf Minuten rief mich der FC Bar­ce­lona an“, sagt der. Haben Sie Lust?“ Tat­säch­lich sucht der von Udo Lattek trai­nierte amtie­rende Euro­pa­po­kal­sieger aus Spa­nien einen Test­spiel­gegner für das Som­mer­trai­nings­lager in den Nie­der­landen. Lattek, der noch als Aktiver des VfL Osna­brück gegen Meppen gespielt hatte, fürchtet aber die robuste Spiel­weise der Hol­länder und ist daher bereit, die zwei­stün­dige Fahrt ins Ems­land ein­zu­gehen. Also setzt Van Zoest einen kleinen Ver­trag auf. Das war ein ganz ein­fa­ches Doku­ment. Bar­ce­lona kommt in stärkster Beset­zung, drei, vier Sätze, UEFA-Stempel und fertig.“ Als hätte der Mep­pener einmal in seine Hand gespuckt und sie dem Klub aus Spa­nien gereicht. Kommt Jungs, Hand drauf. 70 000 Mark kostet das Gast­spiel, etwa 225 000 Mark werden die Ver­eins­bosse ein­nehmen. Mensch, Wolf­gang, haben wir einen Dusel.

Doch nur wenige Tage, nachdem der SV Meppen den Gast ankün­digt, wird der Ober­li­gist von den Ereig­nissen des zag­haft glo­ba­li­sierten Fuß­balls über­rum­pelt. Bar­ce­lona hat Mara­dona ver­pflichtet! In diesem Moment bre­chen nahe der Ems alle Dämme. Der Verein muss den Vor­ver­kauf stoppen. Lourdes könnte nicht begehrter sein“, schreibt die Frank­furter All­ge­meine Zei­tung“. Was ist schon ein Wall­fahrtsort gegen die Mög­lich­keit, dem Hei­land per­sön­lich zu begegnen? Die inves­tierten 70 000 Mark des SV Meppen werden zum Spott­preis, hat doch Bar­ce­lonas Prä­si­dent José Luis Nunez eben erst ange­droht, dass sogar die schwä­cheren Ver­eine der spa­ni­schen Liga 25 000 Mark zahlen müssen, wenn Mara­dona gegen sie spielen sollen.

Mit Mara­dona ist Kasse zu machen

Wenn er diesen Ver­einen die Sta­dien füllen soll, müssen sie uns dafür auch bezahlen.“ Nunez hat sich ein Prinzip zunutze gemacht, das Mara­donas Transfer nach Spa­nien lange behin­derte. Mit 15 Jahren galt der Spieler in Argen­ti­nien als ein Junge mit gol­denen Füßen und gol­dener Zukunft.“ Mit 17 wird er Profi, mit 18 zieht er mit seiner Familie aus den Slums in eine Mil­lionen-Dollar-Villa, mit 19 bietet Bar­ce­lona erst­mals um Mara­dona. Doch der argen­ti­ni­sche Ver­band ver­wehrt den Wechsel. Für Argen­tinos Juniors’ erste Mann­schaft hat er noch als Teen­ager sagen­hafte 136 Tore in 168 Spielen erzielt. Auf einem Platz, der schon zu dieser Zeit mit keiner euro­päi­schen Bezirks­sport­an­lage mit­halten kann. Doch statt nach Bar­ce­lona zu gehen, insis­tiert die AFA. Ver­band, Ver­eine und Berater ahnen, wie viel Geld mit Mara­dona zu machen ist. Und das Land will mit ihm den WM-Titel von 1978 ver­tei­digen. Mit­hilfe von Toto-Lotto-Gel­dern und einer argen­ti­ni­schen Invest­ment­gruppe wird Mara­dona zu Boca Juniors gelockt, und auch hier spielt er groß auf, er trifft 28 Mal in 40 Par­tien. Wo Mara­dona auf­läuft, sind die argen­ti­ni­schen Sta­dien gefüllt.

Wenn er diesen Ver­einen die Sta­dien füllen soll, müssen sie uns dafür auch bezahlen.“

José Luis Nunez

Am Vor­abend des Spiels reisen Gerd van Zoest und Wolf­gang Gers­mann zur Sicher­heit ins nie­der­län­di­sche Papendal, dem Trai­ningsort Bar­ce­lonas. Dort ver­spricht Lattek in der Hotel­lobby aus seinem gepols­terten Sessel heraus: Ja, Mara­dona spielt sein erstes Spiel auf euro­päi­schem Boden in Meppen.“ Lattek hatte Ange­bote aus den Nie­der­landen, aus Deutsch­land, aber er will wei­terhin nur Meppen. Weil ich weiß, dass der SV Meppen gegen Pro­fi­mann­schaften immer gut aus­ge­sehen hat.“ Allan Simonsen, Europas Fuß­baller des Jahres, Spa­niens Tor­schüt­zen­könig Quini, sogar der ver­letzte Bernd Schuster werden des­halb nach Meppen kommen. Aber sie werden am Rande des Lichts, das Diego Mara­dona wirft, kaum noch wahr­ge­nommen.

Der Mann­schaftsbus der Kata­lanen trifft am Nach­mittag hinter der ein­zigen Sitz­platz­tri­büne des Ems­land­sta­dions ein, dort, wo es hin­ein­geht in den Kabi­nen­trakt. Schon auf der Haupt­straße haben die Men­schen gestanden, um einen ersten Blick auf Mara­dona zu erha­schen. Jetzt erst streckt sich der dunkle Locken­kopf durch die Tür des Rei­se­busses, dann, nachdem ein Poli­zei­be­amter mit seinem Schä­fer­hund eine Gasse gebildet hat, ist Mara­dona für einen kurzen Moment zu sehen. Im fein­ge­streiften Polo­shirt mit zwei Paaren schwarzer Puma-Schuhe in den Händen. Die Schnür­bänder seiner offenen weißen Sneaker flat­tern umher. Mep­pens Macher Gerd van Zoest schirmt den jungen Mara­dona vor­sichtig ab, doch der Star nimmt den Trubel um seine Person gar nicht ernst. Zwölf Jahre später wird der gleiche Mann zu zwei Jahren Haft auf Bewäh­rung ver­ur­teilt, weil er mit einem Luft­ge­wehr auf Jour­na­listen geschossen hat.