Seite 2: Auf der Suche nach der Ursache

In fran­zö­si­schen Medien halten sich der­zeit ver­schie­dene Theo­rien, die eine Erklä­rung der Gewalt­aus­brüche lie­fern sollen. Häufig wird dabei ein Zusam­men­hang mit der Corona-Krise her­ge­stellt. Es sei doch mög­lich, dass sich über andert­halb Jahre des Zuschau­er­aus­schlusses und wie­der­keh­render Lock­downs Frust bei den Fans ange­staut habe, der sich nun ent­lade. So ein­fach ist die Erklä­rung also? Das werde sich zeigen, sagt Hour­cade. Sollten die Aus­schrei­tungen auf ange­stautem Frust basieren, müssten sie nach einer Weile auch wieder abebben. Näm­lich dann, wenn der Frust abge­baut ist.

Nur will sich natür­lich nie­mand darauf ver­lassen, dass sich die Pro­bleme dem­nächst von alleine lösen. Auch schützt die Iden­ti­fi­zie­rung mög­li­cher Ursa­chen nicht vor Bestra­fungen. An genau diesem Punkt ent­brennen gerade wei­tere Dis­kus­sionen. Es stellt sich die Frage, welche Maß­nahmen wirk­lich auf die Wurzel eines nicht voll­ends durch­leuch­teten Pro­blems abzielen können.

Seit den schlimmen Vor­fällen beim Spiel zwi­schen Nizza und Mar­seille und den dar­auf­fol­genden Halb­maß­nahmen war jedem klar, dass die Bot­schaft, die aus­ge­sendet wurde, kurz- oder mit­tel­fristig kata­stro­phal und gefähr­lich sein würde“, schreibt Vin­cent Duluc vom Fach­blatt L’Équipe“. Die unzu­rei­chende Auf­ar­bei­tung des Nizza-Eklats habe die dar­auf­fol­genden Gewalt­aus­brüche sogar begüns­tigt. Für den Jour­na­listen ist klar, dass es eine Mischung aus indi­vi­du­ellen und kol­lek­tiven Strafen braucht, um ähn­liche Ereig­nisse künftig zu ver­hin­dern. Aller­dings müssten diese auch auf Basis klarer Kri­te­rien ange­wendet werden. Gerade dazu sei es nach dem Spiel­ab­bruch in Nizza nicht gekommen, was Duluc dras­tisch als Ursünde des fran­zö­si­schen Fuß­balls“ bezeichnet.

Indi­vi­dual- vor Kol­lek­tiv­strafen?

Hour­cade ver­tritt eine ähn­liche Linie. Der Fan­for­scher bekräf­tigte, dass es im Bereich der Fan­ge­walt keine Wun­der­lö­sung“ gebe – egal, ob es sich nun um struk­tu­relle Pro­bleme oder eine Reihe von Ein­zel­fällen handle. Er for­dert ein hartes Durch­greifen bei schwer­wie­genden Ver­hal­tens­weisen.“ Daneben komme es aber beson­ders auf den Dialog zwi­schen allen Akteuren und die Benen­nung der Art der Gewalt an. Für Hour­cade gibt es einen ele­men­taren Unter­schied zwi­schen Kämpfen unter Fans und etwa Fla­schen­würfen in Rich­tung der Spieler.

Ein Umstand, der auch bei der Auf­ar­bei­tung und dem Aus­spre­chen von Strafen berück­sich­tigt werden müsse. Ganz grund­sätz­lich gelte jedoch: Indi­vi­du­al­strafe vor Kol­lek­tiv­strafe. Hour­cades Argu­mente klingen ver­nünftig, können jedoch nur unter Vor­be­halt gelten, solange die Ursprünge der aktu­ellen Situa­tion nicht voll­ends geklärt sind – mit dieser Auf­gabe wird sich der fran­zö­si­sche Fuß­ball wohl noch eine Weile aus­ein­an­der­setzen. Dimitri Payet dürfte das höchs­tens am Rande inter­es­sieren. Solange die Maß­nahmen am Ende dazu führen, dass er wieder in Ruhe zum Eck­ball schreiten kann.