Joti Sta­ma­to­poulos (41) hat einst als Haus­meister Joti“ in der DSF-Serie Fujuma“ jungen Spie­lern Fuß­ball­tricks erklärt. 2006 hat er als Ewald Lie­nens Assis­tent bei Pan­io­nios Athen ange­fangen, dort wurde er später auch Chef­trainer. In der zurück­lie­genden Saison war er Co-Trainer bei PAOK Salo­niki – vor Kurzem hat er als Assis­tent von Oliver Reck bei For­tuna Düs­sel­dorf unter­schrieben.

Joti Sta­ma­to­poulos, Sie sind erst seit zwei Wochen Co-Trainer von Oliver Reck bei For­tuna Düs­sel­dorf – mussten Sie sich am Mitt­woch trotzdem erst­mals frei­nehmen?
Wegen des Grie­chen­land-Spiels am Diens­tag­abend, meinen Sie? (lacht)

Genau. In Athen und Salo­niki haben Zehn­tau­sende den Sieg gegen die Elfen­bein­küste und den Ach­tel­final-Einzug bis in die Nacht gefeiert.
Gear­beitet habe ich natür­lich, aber keine Frage: Ich habe mich unglaub­lich über den Sieg gefreut. Es war ein toller und ver­dienter Erfolg. Die grie­chi­sche Mann­schaft hat sich nach dem 0:3 gegen Kolum­bien sehr gestei­gert. Im zweiten Spiel hat man beim 0:0 gegen Japan trotz ein­stün­diger Unter­zahl gesehen, dass die Sta­bi­lität im Defen­siv­be­reich zurück ist und das dann, wenn es darauf ankommt, diese Mann­schaft zusam­men­hält und jeder für jeden kämpft. Ich habe tele­fo­nisch mit einigen Spie­lern Kon­takt, die in Bra­si­lien dabei sind – sie alle haben gesagt: Dieses Unent­schieden war wichtig für die Moral.

Nach den Spielen gegen Kolum­bien und Japan wurde das Team in Deutsch­land noch als die Null-Tore-Grie­chen“ ver­spottet – tut das weh?
So sind die Men­schen im Fuß­ball eben. Sie sind schnell ent­täuscht, spöt­tisch und hämisch, da unter­scheiden sich die Völker kaum. Man sieht doch, dass hier mit der eigenen Natio­nalelf auch sehr kri­tisch umge­gangen wird. Die Men­schen ver­gessen schnell, was die Spieler geleistet haben – man muss doch nur darauf achten, wie zuletzt öffent­lich mit Lahm und Khe­dira umge­gangen wurde. Wenn das Volk schon bei der eigenen Mann­schaft so kri­tisch und teil­weise hämisch ist, dann bei anderen Teams noch viel mehr, zumal bei Außen­sei­tern wie Grie­chen­land.

Gegen die Elfen­bein­küste hat es auf einmal funk­tio­niert mit dem Spiel nach vorn. Ist der grie­chi­sche Fuß­ball gar nicht so unzeit­gemäß, wie wir alle immer dachten?
Wenn das so wäre, wären die grie­chi­schen Spieler nicht bei aus­län­di­schen Clubs so beliebt. Viele aus dem aktu­ellen Kader wie Kara­gounis, Kar­nezis, Kone, Fet­fatz­idis, Toro­sidis und Mitro­glou spielen in Spa­nien, Ita­lien oder Eng­land. Dazu Dort­munds Sokratis, Schalkes Papado­poulos und Samaras, der bei Celtic Glasgow ein Füh­rungs­spieler ist – um nur einige zu nennen. Bis auf Kara­gounis sind das Spieler, die noch viele Jahre vor sich haben. Es klingt wegen Kara­gounis und Katsou­ranis immer nach einer alten Mann­schaft – aber das sind eben auch die ein­zigen Euro­pa­meister von 2004, die noch dabei sind. Es besteht kein Grund zur Sorge um den Nach­wuchs, da müssen sich die Grie­chen nicht ver­ste­cken.

In der grie­chi­schen Liga gibt es aber kaum noch Geld. Leidet dar­unter nicht auch die Nach­wuchs­för­de­rung?
Nicht unbe­dingt. Unab­hängig von der wirt­schaft­li­chen Lage ist es für viele junge Grie­chen ein Ansporn, den aktu­ellen Natio­nal­spie­lern nach­zu­ei­fern und es schnell ins Aus­land zu schaffen. Was die Aus­bil­dung angeht, ist der grie­chi­sche Fuß­ball auf einem guten Weg. Große Ver­einen wie PAOK, Pan­athi­naikos und Olym­piakos bilden auf einem Top-Niveau aus. Was natür­lich auch daran liegt, dass viele der 2004er-Euro­pa­meister im Aus­land gespielt haben und jetzt als Funk­tio­näre bei den Ver­einen aktiv sind. Die haben viel Erfah­rung mit­ge­bracht. Ich kenne viele Spieler Anfang 20, die eine große Zukunft vor sich haben.

Sie haben einige der aktu­ellen WM-Teil­nehmer wie Sal­ping­idis, Maniatis und Katsou­ranis trai­niert, kennen die Natio­nal­mann­schaft bes­tens. Auf wen kommt es gegen die lauf‑, konter- und vor allem form­starken Costa Ricaner an?
Es kommt nicht auf ein­zelne Spieler an. Die Stärke liegt nach wie vor in der Kom­pakt­heit und im Zusam­men­halt. Darin, dass die Mann­schaft kaum Tor­chancen zulässt und ihre in der Regel wenigen, eigenen Gele­gen­heiten nutzt. Es klingt wie eine Floskel, aber: Das klappt nur als Ein­heit.

Her­aus­ge­ragt hat gegen die Elfen­bein­küste aber Giorgos Kara­gounis. Der schleppt sich mit seinen 37 Jahren zwar über den Rasen, aber es scheint, als gäbe es nur dann Ruhe und Ord­nung, wenn er auf dem Platz steht.
Keine Frage: Kara­gounis ist ein wahrer Kapitän. Der Mann war vor zehn Jahren Euro­pa­meister und schon damals ein wich­tiger Spieler. Er hat für Inter Mai­land und Ben­fica gespielt und wird von allen aner­kannt – das sieht man bei Stan­dard­si­tua­tionen: Er kann einen Frei­stoß nach dem anderen in die Mauer schießen – es wird nicht dar­über dis­ku­tiert, wer den nächsten schießt. Das macht Kara­gounis. Er ist Rekord-Natio­nal­spieler und Chef. Sein Kampf­geist, sein Pass­spiel, seine Ruhe – er spielt jetzt im Alter zwar weniger spek­ta­kulär, aber er ist sehr wichtig für diese Mann­schaft, weil er vor­an­mar­schiert. Auch außer­halb des Platzes. Viele der jungen Spieler ziehen sich an ihm hoch. Kara­gounis ist ein Phä­nomen.

Gegen die Elfen­bein­küste hat er erst­mals von Anfang an gespielt und es wirkte, als seien mit ihm die Krieger-Men­ta­lität und der abso­lute Wille der Euro­pa­meister von 2004 zurück­ge­kehrt.
So ist es. Die anderen nehmen ihm alles ab, was er sagt und was er macht. Es gab vor dem Tur­nier kri­ti­sche Stimmen in der Presse, ob er nicht zu alt sei für dieses Tur­nier. Aber man sieht: Es war ein groß­ar­tiger Schachzug von Fer­nando Santos, Kara­gounis zu nomi­nieren.

Samaras, der Sieg­tor­schütze, hat nach dem Spiel gegen die Ivorer gesagt, das Team sei eine Ein­heit wie zuletzt 2004. Ein paar Tage vorher aber hatten sich Tzavellas von PAOK und Maniatis von Olym­piakos nach einer Trai­nings­ein­heit bei­nahe noch geprü­gelt.
Natür­lich wird da auch Rauch zum Feuer gemacht. Bei den letzten Tur­nieren gab es in jedem Quar­tier mal Rei­be­reien, das gehört dazu. Das kann auch ein gutes Zei­chen sein, denn gerade durch die Riva­lität der großen Ver­eine sind aus den Spielen gegen­ein­ander noch Dinge abge­spei­chert, die ein­fach mal aus­ge­spro­chen werden müssen. PAOK und Olym­piakos haben sich vor wenigen Wochen erst ein Pokal-Halb­fi­nale für die Ewig­keit gelie­fert, ich war als PAOKs Co-Trainer dabei, das war ein sehr emo­tio­nales Spiel mit zwei Platz­ver­weisen. Natür­lich prägt diese Atmo­sphäre die Spieler auch und im End­ef­fekt ist es gut, dass die beiden sich aus­ge­spro­chen haben – jetzt ist es vom Tisch.

Solche Vor­fälle hat es wäh­rend des ver­gan­genen Jahr­zehnts aber immer weniger gegeben. Ist das ein Ver­dienst von Otto Reh­hagel, der den grie­chi­schen Spie­lern Dis­zi­plin bei­gebracht hat?
Natür­lich! Neben dem EM-Titel 2004 ist das sein größter Ver­dienst. Er hat die Spieler dazu gebracht, die Natio­nal­mann­schaft wieder als Ehre zu sehen und gern dorthin zu reisen. Ich kann mich an Jahre davor erin­nern, da sind Spieler von PAOK, Pan­athi­naikos, Olym­piakos oder AEK Athen gar nicht erst hin­ge­fahren, weil die Spieler der anderen Ver­eine da waren. Es war Reh­ha­gels größtes Kunst­stück, das zu ändern, die Spieler zu ver­einen und dafür zu sorgen, dass jeder für jeden alles gibt. Das kann man Reh­hagel gar nicht hoch genug anrechnen.

Spürt man in Grie­chen­land noch viel vom 2004er-Tri­umph?
Absolut, vor jedem Tur­nier werden die alten Bilder und Doku­men­ta­tionen über die EM gezeigt. Die dama­ligen Helden tin­geln durch Talk­shows und geben ein Inter­view nach dem anderen. Vor jedem Tur­nier ver­sucht die Presse, der Mann­schaft und der Öffent­lich­keit den Spirit von damals mit­zu­geben. Vor ein paar Tagen erst hat sich Theo­doros Zagorakis geäu­ßert, der Kapitän und Spieler des Tur­niers“ von 2004. Die Mann­schaft sei noch lange nicht am Ende, hat er nach dem Sieg gegen die Elfen­bein­küste gesagt. Das hören die Men­schen gern und es wird immer so sein, dass dieses Tur­nier und seine Helden als Moti­va­tion dienen.

Ist es tat­säch­lich auch so, wie es einige Spieler nach dem Sieg gesagt haben: Gibt ein Erlebnis wie das Errei­chen des Ach­tel­fi­nales dem noch immer sehr unter der wirt­schaft­li­chen Krise lei­denden Land Hoff­nung?
Defi­nitiv. Der Groß­teil der Men­schen hat schlimme finan­zi­elle Pro­bleme und wegen Steuern und Spar­maß­nahmen große Ein­bußen, was Gehälter und Renten angeht. Es gibt sehr viele Men­schen, die sich leider des­halb das Leben nehmen – das kommt nicht so sehr an die Öffent­lich­keit. Immerhin habe ich im letzten halben Jahr gemerkt, dass es sich eini­ger­maßen sta­bi­li­siert. Die Men­schen lernen, damit irgendwie zu leben und den Kampf­geist zurück­zu­ge­winnen. Aber die ver­gan­genen Jahre waren sehr schwierig – da sind die Grie­chen schon dankbar für Fuß­ball­spieler und andere große Sportler. Daran ziehen sie sich hoch – und die Natio­nal­mann­schaft ist natür­lich des Grie­chen liebstes Kind.

Jetzt sind Sie nach acht Jahren zurück in Deutsch­land – waren die Arbeits­be­din­gungen auch aus­schlag­ge­bend für die Rück­kehr?
Im Pro­fi­fuß­ball sind die Arbeits­be­din­gungen gut, gerade bei einem Top-Club wie PAOK. Das ist nahezu iden­tisch mit deut­schen Ver­einen. Es war ein­fach nur eine glück­liche Fügung: Der Ver­trag bei PAOK lief aus und zeit­gleich kam der Anruf aus Düs­sel­dorf von Oliver Reck, den ich schon lange kenne. Ich fühle mich bei der For­tuna schon jetzt sehr wohl und bin mir sicher, wir können dort eine Menge errei­chen. Inso­fern bin ich dankbar und glück­lich, natür­lich auch, weil ich wieder nah bei meiner Frau und meinem 15 Monate alten Sohn sein kann, die immer in Köln gelebt haben. Den­noch: Es war keine Frage der Arbeits­be­din­gungen. Die waren in Salo­niki auch gran­dios.