Kurzes Asso­zia­ti­ons­spiel: Welche Dinge und Attri­bute werden wohl am ehesten mit dem ewig­schönen gelben Trikot der bra­si­lia­ni­schen Natio­nal­mann­schaft in Ver­bin­dung gebracht? Ein paar Vor­schläge: Ele­ganz. Drib­bel­künstler. Pele. Ronald­inho. Große Erfolge. Jogo Bonito. Für viele Men­schen in Bra­si­lien steht das Trikot dieser Tage aber kaum vor­stellbar für etwas ganz anderes. Für viele von ihnen sym­bo­li­siert es eine unsi­chere Zukunft unter einer ultra-rechten Regie­rung.

Es war ein Symbol des Sieges. Aber ich habe auf­ge­hört, es zu tragen. Der Prä­si­dent und seine Anhänger haben das gelbe Trikot in eine poli­ti­sche Kam­pagne umge­wan­delt“, sagt der 33-jäh­rige Bra­si­lianer und Fuß­ballfan Higor Ramalho bei Al Jazeera. Was er damit meint, wird deut­lich, wenn man auf den 7. Sep­tember, den Natio­nal­fei­ertag Bra­si­liens, blickt: Da ver­sam­melten sich im ganzen Land große Men­schen­mengen, um der Kam­pagne von Bol­so­naro einen Schub zu geben. So auch an der Copa­ca­bana. Etliche Anhänger kamen im Trikot der Selecao, um ihre Ver­bun­den­heit zu ihrem Prä­si­denten zum Aus­druck zu bringen. Nun tritt Bol­so­naro am Sonntag zur Wie­der­wahl in Bra­si­lien an. Und der 67-Jäh­rige darf dabei auf die breite Unter­stüt­zung pro­mi­nenter Fuß­baller zählen. Wieder mal.

Lange Liste an Unter­stüt­zern

Marino Moreno, ein Fuß­ballfan aus Bra­si­lien, sagt Al Jazeera: Es ist fast schon unmög­lich, das Trikot nicht mit dem aktu­ellen Prä­si­denten zu asso­zi­ieren. Es ist frus­trie­rend.“ Sie würde das Leib­chen nicht mehr tragen, weil sie ansonsten Gefahr laufen würde, als Bol­so­naro-Unter­stüt­zerin wahr­ge­nommen zu werden.

Bereits 2018, wäh­rend der ersten Wahl­kam­pagne, war das Trikot immer wieder bei Ver­an­stal­tungen vom rechts­ra­di­kalen Bol­so­naro zu sehen. Schon damals fanden sich unter dessen pro­mi­nen­testen Unter­stüt­zern reich­lich aktive und ehe­ma­lige Fuß­baller. Ronald­inho bei­spiels­weise, der später von Bol­so­naro zum Tou­rismus-Bot­schafter des Landes ernannt wurde. Aber auch Rivaldo, Cafu, Felipe Melo oder Lucas Moura gehören zu seinen Befür­wor­tern. Bis heute. Auch vorne mit dabei: Bra­si­liens größter Star Neymar.

Erst am ver­gan­genen Don­nerstag besuchte Bol­so­naro im Rahmen seines Wahl­kampfes das Insti­tuto Neymar Jr., ein vom Fuß­baller gegrün­detes Kin­der­zen­trum in Sao Paulo. Neymar bedankte sich in einer Video­bot­schaft für den Besuch. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch. Ich wünschte, ich könnte da sein. Ich danke Ihnen für Ihre Unter­stüt­zung und bin sehr stolz auf Sie.“ Zusätz­lich pos­tete Neymar einen Clip auf TikTok, in dem er zu einem Song tanzt, der dazu auf­ruft, für den Faschisten Bol­so­naro zu stimmen. Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten.

Für Familie, Frei­heit und unser Land“

Sowohl aus Bra­si­lien als auch von Fans auf der ganzen Welt gab es Gegen­wind. Die Reak­tionen reichten von Unver­ständnis zu emo­tio­nalen Hass­ti­raden. Neymar selbst reagierte darauf am Freitag mit einem schnip­pi­schen Tweet und schrieb: Sie reden über Demo­kratie, aber wenn jemand eine andere Mei­nung hat, wird er von genau den Leuten atta­ckiert, die von Demo­kratie reden.“

Auch Bra­si­liens Ikone Rivaldo ist als Unter­stützer wie schon 2018 ganz vorn dabei. Jüngst teilte er auf Insta­gram ein Video, das Bol­so­naro umringt von etli­chen Anhän­gern zeigt. Rivaldo schreibt dazu: Ich stehe für Familie, für Frei­heit und für unser Land.“ Auch Kaka, Dani Alves, Alisson, Robinho und Lucio gelten als Unter­stützer.

Warum all diese Spieler Bol­so­naro und seine faschis­toide Politik unter­stützen, wird nicht wirk­lich klar. Um Inhalte geht es in den Unter­stüt­zer­bot­schaften so gut wie nie. Kri­tiker und Beob­achter ver­muten, dass ihr Glaube sie einen würde. So würden die meisten dieser Fuß­baller den rund 70 Mil­lionen Evan­ge­li­kalen in Bra­si­lien ange­hören. 2018 zeigte sich Bol­so­naro der Glau­bens­gruppe stark zuge­wandt, viele evan­ge­li­kale Kir­chen und ihre Ober­häupter spra­chen sich für Bol­so­naro aus. Ronald­inho fasste seine Über­zeu­gung pro Bol­so­naro 2018 in einem Insta­gram-Post so zusammen: Für ein bes­seres Bra­si­lien wün­sche ich mir Frieden, Sicher­heit und jemanden, der uns unsere Freude zurück­geben kann. Ich möchte ein bes­seres Bra­si­lien für alle.“

Im Falle von Neymar ver­muten andere Kri­tiker auch eine Art Deal: In diesem Jahr ließ die bra­si­lia­ni­sche Justiz eine Ermitt­lung gegen Neymar wegen ver­meint­li­cher Steu­er­hin­ter­zie­hung fallen. Nun würde eine Hand die andere waschen.

Das Volk wird dich nach Hause schi­cken“

Und doch sieht es in diesem Jahr gar nicht mal gut aus für Bol­so­naro. Dessen Kon­kur­rent Luis Inacio Lula, ein Linker und ehe­ma­liger Prä­si­dent des Landes, liegt in aktu­ellen Umfragen klar vorne. In einem letzten TV-Duell gif­teten sich die beiden Kan­di­daten in scharfem Ton an. Bol­so­naro beschimpfte Lula als Lügner“ und Vater­lands­ver­räter“. Lula pro­gnos­ti­zierte dagegen, dass das Volk dich am 2. Oktober nach Hause schi­cken wird“. Bürger wie Higor Ramalho und Marino Moreno würde das freuen. Ein kleines biss­chen viel­leicht auch des­wegen, weil sie wieder guten Gewis­sens ihr Natio­nal­mann­schaft­s­trikot tragen könnten.