Seite 2: Die zerbrochene Schere

Die Mur­mel­tier-Schleife ist durch den Auf­stiegs­modus zwangs­läu­figes Ver­hängnis ambi­tio­nierter Viert­li­gisten. Bis 2018 stieg kein Meister direkt auf. Die fünf Regio­nal­liga-Meister und der Zweite der Regio­nal­liga-Süd­west spielten unter­ein­ander drei Auf­steiger aus. Seit 2018 gibt es einen vierten Auf­stiegs­platz. Der Meister der Regio­nal­liga Süd­west darf seitdem direkt hoch, seit dieser Saison kommt der Meister der West­staffel fest dazu. Die anderen drei Regio­nal­ligen rotieren mit einem festen Auf­stiegs­platz, die beiden übrigen Meister spielen den letzten Auf­steiger aus. Der Modus erschwert die Rück­kehr unge­mein: Von den 38 Dritt­liga-Abstei­gern seit 2009 schafften nur zwei den direkten Wie­der­auf­stieg (VfR Aalen 2010 und Chem­nitz 2020), 23 warten bis heute auf die Rück­kehr.

Ein Argu­ment zur Ein­füh­rung der 3. Liga war, die Schere zur zweiten Liga zu schließen. Nimmt man die Ergeb­nisse der Rele­ga­tion zwi­schen den beiden Ligen oder das Abschneiden der jewei­ligen Auf­steiger zur Grund­lage, ist dieses Vor­haben durchaus gelungen. Auf der anderen Seite ist jedoch die Schere nicht nur auf­ge­gangen, sie ist zer­bro­chen.

Die Reform im Jahr 2008 machte den Schritt von der Viert- in die Dritt­klas­sig­keit zum Fla­schen­hals, die noch­ma­lige Umstruk­tu­rie­rung 2012 zur fünf­glei­sigen Regio­nal­liga zum Nadelöhr. Die DFB-Liga-Pyra­mide ist keine Pyra­mide, son­dern ein Wol­ken­kratzer auf einem Pla­teau – und aus Wol­ken­krat­zern zu fallen, kann töd­lich enden. Ver­eine aus Erfurt, Wup­pertal oder Offen­bach kennen diesen Sturz: Die Hoff­nung starb zuletzt.

Es bleibt nur die Hoff­nung

Die Pro­bleme sind lange bekannt. Lösungen lange dis­ku­tiert. Oft führen Gegner einer zwei- oder drei­glei­sigen Regio­nal­liga die Kosten für die weiten Anreisen als Gegen­ar­gu­ment an. Dass ein sol­ches Modell jedoch finan­ziell machbar wäre, zeigen alleine schon die bun­des­weiten Ligen von wirt­schaft­lich schwä­cheren Sport­arten wie zum Bei­spiel die 2. Bas­ket­ball-Bun­des­liga oder der Inline-Ska­ter­ho­ckey-Bun­des­liga. Tat­säch­lich fehlt der Wille zur Reform. Abge­sehen von der Ein­füh­rung des vierten Auf­stiegs­platzes 2018, hat sich nichts ver­än­dert. Und so werden sich auch in Zukunft Ver­eine finan­ziell ver­heben, um den Kraftakt Auf­stieg zu ris­kieren. Sie werden auch zukünftig schei­tern. An sich selbst, an Kon­kur­renten mit ähn­li­cher Risi­ko­be­reit­schaft oder an zweiten Mann­schaften.

Für die Fans von Rot-Weiss Essen bleibt nichts anderes, als auf die nächste Saison zu hoffen. Bis dahin sind die Duelle gegen Münster, Ober­hausen und Aachen die Höhe­punkte im tristen Regio­nal­liga Alltag, Alle­samt Ver­eine, deren Anhän­gern eben­falls nur die Hoff­nung bleibt.