Seite 3: Mit gefälschten Tickets ins Stadion

Brändle wird immer mehr Teil der Gruppe. Auch weil die Ultras merken, dass er es ernst meint. Er reist zu einem Spiel in die Stadt Solo, obwohl über­haupt keine Zuschauer zuge­lassen sind. Als sich aber 20.000 Fans vor dem Sta­dion ver­sam­meln, machen die Ver­ant­wort­li­chen aus Sorge vor Aus­schrei­tungen die Tore auf. Er ist bei einem aus­ver­kauften Heim­spiel von Sleman, als sein Kumpel Liston neben ihm steht und sagt: Oha, heute wird’s voll, denn gleich kommen noch 3000 Aus­wärts­fans, aber kein Pro­blem, wir müssen ein­fach enger zusam­men­rü­cken.“ Wer keine Ein­tritts­karte hat, der kauft auf dem Schwarz­markt ein­fach eine gefälschte. Und dann rücken sie wirk­lich zusammen, stehen auf den Sta­di­on­dä­chern oder hängen an den Anzei­ge­ta­feln.

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Oft sind die Sta­dien über­füllt. Aber kein Pro­blem: Dann müssen wir ein­fach enger zusam­men­rü­cken!“
Andrin Brändle

Brändle reist auch zu Aus­wärts­spielen auf andere Inseln, etwa nach Borneo, wo es nur 15 Sleman-Ultras hin­schaffen. Die Fans sind ganz unter­schied­lich unter­wegs“, sagt Brändle. Einige fliegen, andere reisen mit Booten an, oft brau­chen sie meh­rere Tage. Manchmal merken sie unter­wegs, dass sie es nicht schaffen, und dann drehen sie ein­fach wieder um.“ Andere fahren mit Mopeds oder Bussen oft tau­sende Kilo­meter durchs Land. Das ist auf den chao­ti­schen und schlecht asphal­tierten High­ways lebens­ge­fähr­lich. Ich habe das dreimal gemacht und dann gedacht, dass ich mein Leben für ein kleines Buch nicht aufs Spiel setzen möchte.“ Ab da an fliegt er zu den meisten Aus­wärts­spielen. 

In knapp zwei Monaten, vom 17. Juli bis 13. Sep­tember 2019, sieht Brändle 23 Spiele, dazu noch drei in Thai­land, dort trifft er auch die Filmer der Doku­men­ta­tion über die indo­ne­si­sche Fan­szene wieder, der ganz am Anfang auf den St. Gal­lener Licht­spiel­filmen ken­nen­ge­lernt hat. Von einer erhol­samen Urlaubs­reise kann man also nicht spre­chen, aber darum ging es ja auch nicht. Es ging um die Suche nach dem Wow-Effekt, um das Unper­fekte und die Unord­nung in einem Fuß­ball, der immer ste­riler und glatter wird. Um Geschichten, die noch nicht aus­er­zählt sind. Um neue Spieler, neue Gerüche, neue Gesänge. Um etwas, das sich auch Fuß­ball nennt, aber sehr wenig mit dem Pre­mium-Pro­dukt Fuß­ball zu tun hat, das wir in Europa kennen. Das letzte Aben­teuer. 

Brändle sagt, er wolle eines Tages wie­der­kommen, denn er habe Freund­schaften geknüpft. Gemeinsam mit den Ultras wird er einen Teil der Ein­nahmen aus seinem Buch in ein soziales Pro­jekt ste­cken. Was ihm beson­ders gefallen und impo­niert hat, schreibt er am Ende seines Buches: Die Frage, warum ich das alles mache, hat mir von den Ultras nie jemand gestellt.“

Andrin Brändles Buch Ein Sommer mit Sleman“ ist im Verlag Blick­fang Ultra“ erschienen. Ihr könnt es hier bestellen.

Anm.: In der ersten Ver­sion stand, dass Brändle welt­weit über 300 Spiele gesehen hat, es sind tat­säch­lich aber über 800.