Seite 2: Randale in Kediri

Der Fuß­ball­boom in Indo­ne­sien begann mit Über­tra­gungen der Serie A in den Neun­zi­gern, danach eroberten die eng­li­schen und spa­ni­schen Ver­eine das Land. Klubs wie Real Madrid und Juventus Turin haben mitt­ler­weile Web­sites in Bahasa Indo­nesia, der indo­ne­si­sche Fan­klub von Man­chester United zählt 30.000 Mit­glieder und hat über 100 Chapter im Land.

Die hei­mi­sche Liga ist im asia­ti­schen Ver­gleich eher klein. Aller­dings stranden hier gele­gent­lich ehe­ma­lige Stars aus Europa oder andere Fuß­ball-Glo­be­trotter. Michael Essien spielte 2017/18 für Persib Ban­dung, und der Uru­gu­ayer Cris­tian Gon­zalez wird in Indo­ne­sien als Fuß­ball­gott ver­ehrt. Für Persik Kediri machte er 102 Tore in 95 Spielen, PSS Sleman schoss er mit seinen Tref­fern zum Auf­stieg in die Erste Liga. Er ließ sich sogar ein­bür­gern und lief für die indo­ne­si­sche Natio­nal­mann­schaft auf. Mitt­ler­weile ist er 45, aber er spielt immer noch, aktuell für PSIM Yog­ja­karta.

Wenn sie heute bei Mill­wall wären, würden sie ein­schlafen.“

Andrin Brändle

Die hei­mi­sche Ultra­kultur ist noch recht jung. Die meisten Fans ori­en­tieren sich an west­li­chen Vor­bil­dern. Die Bun­des­liga schauen sie auf­merksam. Als Andrin Brändle in Yog­ja­karta ankommt, fragt ihn einer: Hast du die Cho­reos bei Union Berlin gesehen?“ Beson­ders detail­ver­liebt imi­tieren sie die bri­ti­schen Casuals und Hoo­li­gans der Sieb­ziger sowie die ita­lie­ni­schen Ultras der Acht­ziger. Auch bei 35 Grad tragen sie gefälschte Bur­berry-Mäntel und Flatcaps. Sie kennen die Fan-Sub­kul­turen von You­tube oder ein­schlä­gigen Filmen wie The Foot­ball Fac­tory“ und Green Street Hoo­li­gans“. Sie denken, dass es immer noch so ist in Europa“, sagt Brändle. Aber ich bin mir sicher, wenn sie heute bei Mill­wall oder West Ham im Block stünden, würden sie ein­schlafen.“

Am 17. Juli 2019 sieht er sein erstes Spiel, PSS Sleman empängt PSIS Semarang. Es beginnt mit einer Ent­täu­schung, denn die Tri­bünen sind nur spär­lich besetzt. Unzäh­lige Male habe ich mir aus­ge­malt, wie es wohl sein wird, wenn ich das erste Mal im Sta­dion stehe“, schreibt er in seinem Buch Ein Sommer mit Sleman“. In keiner dieser Vor­stel­lungen ist die Kurve leer.“ Er fragt einen Foto­grafen, ob es einen Spiel­boy­kott gebe, aber der winkt ab, nein nein, die echten Fans kommen wenige Minuten vor Anpfiff, einige auch erst zur Halb­zeit. Die Indo­ne­sier haben es nicht so mit Pünkt­lich­keit, weder im Job oder bei Ver­ab­re­dungen noch beim Fuß­ball“, merkt Brändle.

Eine Gruppe, die ihm sein Kon­takt­mann Liston vor­stellt, nennt sich Campus Boys“, sie hat sich im Uni­viertel gegründet, viele Stu­denten sind dabei. Bei anderen Ultras fragt sich Brändle oft, wie sie ihr Leben bestreiten. Wirk­liche Berufe scheinen nur wenige zu haben, einige ver­kaufen Saté-Spieße, andere helfen in Shops aus oder repa­rieren alte Motor­räder. Das Wich­tigste ist PSS Sleman, es ist die ein­zige Kon­stante im Leben der meisten Fans. In St. Gallen haben die Ultras abseits der Spiele einen nor­malen Alltag, Job, Freundin, andere Hobbys. Bei der Bri­gata Curva Sud sind die Ultras rund um die Uhr mit Sleman beschäf­tigt. Vor­be­rei­tungen, Nach­be­rei­tungen, An- und Abreisen. Es gibt nichts anderes als Fuß­ball“, sagt Brändle. Und fügt dann an: Höchs­tens Reli­gion.“

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Heim­kurve von PSS Sleman

Andrin Brändle

Nir­gendwo auf der Welt leben mehr Mus­lime in einem Land als hier, und auch viele Ultras gehen in die Moschee und beten. Wenn ein Muezzin ruft, lassen sie oft alles stehen und liegen“, sagt Brändle. Aber einige kon­su­mieren auch exzessiv Alkohol und Drogen, und Gewalt ist an der Tages­ord­nung. Seit den Neun­zi­gern sind offi­ziell über 80 Men­schen rund um Fuß­ball­spiele gestorben, die Dun­kel­ziffer dürfte weit höher sein. Die jungen Anhänger werden bei Kra­wallen erdrückt, von Rivalen abge­sto­chen oder mit Steinen erschlagen, sie stürzen aus fah­renden Bussen. Zum Ver­gleich: In Deutsch­land gab es seit Beginn der Bun­des­liga nur drei Fan-Tote.

In seinem Buch the­ma­ti­siert Brändle die all­ge­gen­wär­tige Fan-Gewalt nur am Rande, was ihm ein wenig Kritik ein­ge­bracht hat. Er sagt nun, er habe aus­schließ­lich über Sleman schreiben wollen, und dort sei es wäh­rend seines Auf­ent­halts zu keinen Aus­schrei­tungen gekommen. Aller­dings fährt Brändle auch zu anderen Spielen, im Durch­schnitt ist er fast jeden zweiten Tag unter­wegs. In seinem Blog berichtet er dar­über.

Anfang Sep­tember reist er etwa nach Kediri, ein Städt­chen, das 300 Kilo­meter öst­lich von Yog­ja­karta liegt. Der Klub Persik emp­fängt dort den Favo­riten PSIM Yog­ja­karta. Es ist nicht mehr zu sagen, wer den ersten Stein geworfen hat, aber am Ende des Spiels kam es zu krassen Aus­schrei­tungen“, erin­nert sich Brändle. Drei Men­schen sterben, viele werden schwer ver­letzt. Der junge Schweizer foto­gra­fiert am Anfang die Schlacht, aber bald steckt er seine Kamera ein und leistet in den Kata­komben Erste Hilfe.

Ein Tod­feind ist ein Tod­feind

Warum eska­lieren Fuß­ball­spiele so oft in Indo­ne­sien? Warum kommt es zu töd­li­chen Aus­ein­an­der­set­zungen? Brändle sagt, jeder Verein habe einen Feind. Aber es sei nicht so wie in West­eu­ropa, wo man sich vor einem Derby ein biss­chen beschimpft und pro­vo­ziert. In Indo­ne­sien ist ein Tod­feind im wahrsten Sinne genau das: ein Tod­feind. Es gebe keinen Ehren­kodex zwi­schen den Ultras. Außerdem lade die Archi­tektur der Sta­dien zu Gewalt­ex­zessen ein, sie sind bau­fällig und unüber­sicht­lich, überall liegen Steine und Pfosten herum, die Fan­blöcke haben keine Wel­len­bre­cher. Es gibt keine Kon­trollen am Ein­gang, die Ordner sind über­for­dert. Straf­ver­fol­gung? Die Täter, die an Ort und Stelle den Knüp­peln der Poli­zisten oder dem bewaff­neten Militär ent­kommen, ver­schwinden ein­fach in der Masse und gehen am nächsten Tag wieder zur Arbeit, als sei nichts gewesen.

Einmal habe Brändle die Ultras von Sleman zu ihren Feinden von Arema Malang (die wahren Tod­feinde PSIM Yog­ja­karta spielen momentan in der Zweiten Liga) und der ganzen Gewalt gefragt. Sie hätten nur gelä­chelt. Ein großes Pro­blem ist auch, dass es keine prä­ven­tive Arbeit gibt und vielen Fans der Zugang zu Bil­dung fehlt. Die Ultras denken, wenn ich nicht schlage, werde ich geschlagen“, sagt Brändle. Viel­leicht, so über­legt er, spiele auch die blu­tige Geschichte des Landes eine Rolle, die Jahr­zehnte dau­ernde Dik­tatur Suhartos. Die Gewalt war immer da, sie war normal.

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Kra­walle in Kediri

Andrin Brändle

Den schönsten Moment erlebt Brändle bei seinem siebten Spiel. Er steht wie so oft vor der Kurve und macht Fotos. Zur Halb­zeit laden ihn die Ultras ein, in ihre Mitte zu kommen. Auch ein Junge, der ihn anfangs beson­ders skep­tisch beäugt hat, spricht nun mit ihm. Mit einem Über­setzer sagt er, dass er es gut findet, was der Schweizer mache. Brändle fühlt sich zum ersten Mal richtig will­kommen.

Bloß das Spiel gegen PSM Makassar läuft nicht gut, es steht 0:2. Aber die Ultras mobi­li­sieren ihre Kräfte, sie schreien so laut, dass man sie ver­mut­lich noch in den Back­pa­cker­hütten auf Bali hört. Brändle fühlt sich an früher erin­nert, an den Anfang in St. Gallen, als er mit seinem Kumpel fas­zi­niert davon war, wie Fans zum zwölften Mann werden können. In seinem Buch führt er den fran­zö­si­schen Psy­cho­logen Gustave Le Bon an, der in seinem Buch Psy­cho­logie der Massen“ beschreibt, wie das Ver­stan­des­leben eines Hyp­no­ti­sierten lahm­ge­legt und er zum Sklaven seiner unbe­wussten Kräfte wird. Auf einmal ließen sich allen von ihren Neben­leuten anste­cken und peit­schen ihre Mann­schaft nach vorne“, sagt Brändle. Sleman gewinnt das Spiel 3:2.