Seite 2: „Rehberge II, ist ganz gut da.”

Es war der Weckruf, den ich gebraucht hatte. Ich mel­dete mich in einem Fit­ness­studio an, ging wieder laufen. Denn ich wusste, anders als mein Kol­lege Max, musste ich noch nicht auf­hören. Der ein oder andere Arzt würde mir viel­leicht abraten, andere aber würden mich unter­stützen. Ein biss­chen jeden­falls steckte noch in den Kno­chen – und solange wollte ich spielen. Die Gele­gen­heit ergab sich, als mich ein Bekannter, der mitt­ler­weile ein Freund ist, nach einem Hob­by­kick fragte: Willst du nicht mal mit­kommen: Reh­berge II, ist ganz gut da.” Ich wollte.

Seit November, seit etwa fünf Monaten, spiele ich nun also beim BSC Reh­berge in der zweiten Mann­schaft. Kreis­liga B, Staffel 1. An jedem zweiten Abend lasse ich mich von Andi, unserem Trainer, ein biss­chen anschnauzen. Spiele Pässe, zehn Meter weit und drei Meter daneben. Übe Tor­schuss, wenn die Flanke denn mal ankommt. Wir trai­nieren, wenn es kalt ist, wenn der Regen hori­zontal in der Luft steht und wenn Fro­streif auf dem dünnen Tep­pich des Kunst­ra­sen­platzes liegt. Kurzum: Es ist herr­lich.

Mit jedem Pass

In den Kreis einer bestehenden Mann­schaft zu kommen ist in etwa so, als käme man als unan­ge­kün­digte Beglei­tung zum Fami­li­en­treffen. Deren Mit­glieder, die so man­chen Partner schon gesehen haben, wissen mitt­ler­weile, dass es nur lohnt, sich Namen und Beruf des Neu­an­kömm­lings zu merken, wenn dieser auch beim dritten Fami­li­en­treffen noch die Beglei­tung ist – und nicht durch Marlon, oder wie auch immer der jetzt wieder heißt, abge­löst wurde. Aber mit jedem Pass, mit jeder Grät­sche, mit jedem Tunnel spielt man sich ein wenig tiefer hinein in die Truppe. Bis einem unter der Dusche zum ersten Mal das Shampoo geliehen wird. Dann gehört man dazu.

Alle müssen wieder arbeiten

Kabi­nen­an­spra­chen, die sich um das Ver­schieben der Vie­rer­kette von Hansa II drehen, werden ab sofort zu heroi­schen Reden vor einer Schlacht. Ehe man auf dem Platz bemerkt, dass Hansa heute eher nochmal mit Libero spielt. Erwäh­nungen in der Fuß­ball-Woche werden nur des­halb nicht aus­ge­schnitten, weil die digi­tale Ver­sion längst auf dem Handy liegt. Und seit man dazu gehört, wird ein biss­chen zu viel Zeit damit ver­bracht, vom Auf­stieg zu träumen und zu über­legen, welche Mann­schaften in der Kreis­liga A auf einen warten könnten. Kickers 1900? Tür­ki­y­em­spor II? Ber­liner Ama­teure? Und falls ja: Wo zur Hölle spielen die über­haupt?

Wäh­rend ich das schreibe, sehe ich aus meinem Fenster am Dach des gegen­über­lie­genden Hauses den blauen Himmel. Es ist so warm wie nie in diesem Jahr, Früh­lings­an­fang. Nicht mehr lange, und wir könnten in kurzen Kla­motten trai­nieren. Ich aber trage gerade nur die Trai­nings­hose mit dem Reh­berge-Wappen. Home-Office. In den nächsten Wochen wird es kein Trai­ning geben. Der Coro­na­virus hat nicht nur dafür gesorgt, dass der Fuß­ball aus­setzt, son­dern auch, dass Ama­teur­fuß­baller, all jene, die am Montag wieder arbeiten müssen, zu Hause bleiben.