Kay Herr­mann, wäh­rend des Erst­run­den­spiels im DFB-Pokal zwi­schen Chem­nitz und Dynamo Dresden wurde der dun­kel­häu­tige Dynamo-Stürmer Mickael Poté aus dem Chem­nitzer Block mit Affen­lauten ras­sis­tisch belei­digt. Ein Son­der­fall oder hat die Chem­nitzer Fan­szene ein Pro­blem mit ras­sis­ti­schen und frem­den­feind­li­chen Ten­denzen?
Vorweg sei gesagt, dass wir uns ganz klar von den ras­sis­ti­schen Ent­glei­sungen und der illegal gezün­deten Pyro­technik, im Rahmen des Pokal­spiels distan­zieren und dieses Han­deln ver­ur­teilen. Die Arbei­ter­wohl­fahrt Chem­nitz als Träger des Fan­pro­jektes ver­folgt seit jeher ein Leit­bild, das auf Grund­werte wie Tole­ranz und Gerech­tig­keit fußt. Dass es in Teilen unserer Fan­szene durchaus Pro­bleme bezüg­lich frem­den­feind­li­cher Ten­denzen gibt, haben einige Vor­fälle in der Ver­gan­gen­heit gezeigt. Seit den Ereig­nissen im Rahmen des Spiels gegen Tür­ki­y­em­spor Berlin im Jahr 2008 (u.a. skan­dierten Teile des Chem­nitzer Fan­blocks aus­län­der­feind­liche Parolen, d. Red.), war jedoch ein deut­lich posi­tiver Trend zu ver­zeichnen.

Inwie­fern?
Das belegen unter anderem aktu­elle Ent­wick­lungen in der Innen­po­litik des Frei­staates Sachsen. Erst vor wenigen Tagen ist bekannt geworden, dass das Säch­si­sche Innen­mi­nis­te­rium die Poli­zei­prä­senz im Rahmen von Fuß­ball­spielen zurück­fahren möchte. Wenn das tat­säch­lich geschieht, hat das auch mit der kon­se­quenten Fan­ar­beit zu tun. Durch diese seien, so hat es das Innen­mi­nis­te­rium mit­ge­teilt, heute weniger Aus­schrei­tungen in den säch­si­schen Sta­dien fest­zu­stellen. Zu einer ähn­li­chen Ein­schät­zung kam kürz­lich auch der Regio­nale Aus­schuss Sport und Sicher­heit in Chem­nitz auf kom­mu­naler Ebene. Diese Fakten sind Belege für eine erfolg­reiche Arbeit. 

Trotzdem: Die Fan­szene des Chem­nitzer FC hat seit Jahren nicht den besten Ruf: 2008 wurde bekannt, dass der Fan­klub Ultras Chem­nitz 1999“ in Kon­takt mit der rechts­ra­di­kalen Grup­pie­rung NS-Boys stand. Das Fan­pro­jekt Chem­nitz exis­tiert seit 2007. Mit wel­chen Maß­nahmen ver­su­chen Sie, auf die Chem­nitzer Fan­szene ein­zu­wirken?
Vorab eine Bemer­kung. Wir möchten um Ver­ständnis bitten, dass wir als Sozi­al­ar­beiter in einigen Berei­chen nur ein­ge­schränkte Aus­sagen treffen können, welche kon­kreten Fan­grup­pie­rungen zuzu­ordnen sind. Soziale Arbeit hat immer auch etwas mit Ver­trau­ens­schutz zutun. Zur Frage: Neben unseren jugend­club­ähn­li­chen offenen Räumen begleiten wir die Fans auch zu Heim- und Aus­wärts­spielen. Dies­be­züg­lich haben wir natür­lich Kon­takt zu sehr großen Teilen der Fan­szene. Da wir aber ein Pro­jekt der Jugend­ar­beit sind, kon­zen­trieren wir uns folg­lich auf Jugend­liche. Auf dieser Basis treffen wir dann indi­vi­du­elle Ent­schei­dungen, wer für uns noch als päd­ago­gisch erreichbar gilt. Mit diesen Jugend­li­chen arbeiten wir dann mit dem Ziel eines posi­tiven Genera­tio­nen­wech­sels. Somit ver­stehen wir uns als klas­si­sches Prä­ven­ti­ons­pro­jekt. Wir bieten bei­spiels­weise auch Schul­pro­jekte zum Thema Gewalt­prä­ven­tion an. 

Torsten Rudolph vom Fan­pro­jekt Dresden sagt: Wer tat­säch­lich hofft, dass die unsäg­li­chen ´Affen­laute´ in deut­schen Sta­dien aus­ge­storben sind, ist welt­fremd. Pas­sieren kann das überall – natür­lich auch bei uns in Dresden.“ Welche Arbeit können Fan­pro­jekte leisten, um solche Vor­fällen vor­zu­beugen?
Als Pro­jekt der Jugend­ar­beit ver­treten wir, wie gerade erwähnt, den Ansatz eines posi­tiven Genera­tio­nen­wech­sels. Fuß­ball ist ein Bereich, wel­cher für viele Jugend­liche ein span­nendes Expe­ri­men­tier­feld dar­stellt. Somit haben wir es mit vielen jungen Men­schen zutun, die wöchent­lich neu ins Sta­dion kommen. Sie finden dabei eine Kurve vor, die von ver­schie­denen Gruppen besetzt ist. Viele von ihnen sind kreativ ori­en­tiert, einige zeigen aber auch pro­ble­ma­ti­sches Ver­halten. Unsere Auf­gabe besteht darin, mit päd­ago­gi­schen Mit­teln die Res­sourcen der positiv agie­renden Gruppen so zu stärken, dass sie für Jugend­liche attraktiv bleiben und diese sich eben an jenen Gruppen ori­en­tieren. 


Täuscht der Ein­druck, oder haben spe­ziell Ver­eine aus der ehe­ma­ligen DDR ver­mehrt Pro­bleme mit ras­sis­ti­schen oder rechts­ra­di­kalen Fuß­ball­fans?
Prin­zi­piell ist natür­lich erst einmal zu bemerken, dass dies kein typi­sches bezie­hungs­weise aus­schließ­li­ches ost­deut­sches Pro­blem ist. Der Gewalt­for­scher Wil­helm Heit­meyer hat jedoch bereits vor einigen Jahren in seinem Kon­zept der Grup­pen­be­zo­genen Men­schen­feind­lich­keit“ die in Ihrer Frage for­mu­lierte These gestützt.

Zu wel­chem Ergebnis ist er gekommen?
Ver­kürzt kann man sagen, dass sich die Men­schen in den neuen Bun­des­län­dern nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung an ver­schie­denen Stellen unge­recht behan­delt, bezie­hungs­weise benach­tei­ligt fühlen. Diese gefühlte Benach­tei­li­gung wird oft­mals auf Min­der­heiten pro­ji­ziert und äußerst sich bei­spiels­weise in frem­den­feind­li­chen Ten­denzen. Die Fuß­ball­sta­dien sind in diesem Fall als Spiegel der Gesell­schaft zu begreifen. Dass vor diesem Hin­ter­grund ein sol­cher Ein­druck ent­stehen kann, (dass spe­ziell Ver­eine aus der ehe­ma­ligen DDR ein Fan­pro­blem haben, d. Red.) wäre dem­nach fol­ge­richtig. 

Ihr Kol­lege aus Dresden sagt: Helfen kann eigent­lich nur Zivil­cou­rage.“ In Chem­nitz sollen einige Fans sogar ver­sucht haben, gegen die ras­sis­ti­schen Rufe anzu­singen. Wie viel Zivil­cou­rage kann ein Fan­block über­haupt leisten?
Die Ultras Chem­nitz haben wäh­rend des Spiels von der ersten bis zur letzten Minute laut­stark die eigene Mann­schaft unter­stützt und damit große Teile des Publi­kums mit­ge­rissen. Sie haben sich eben nicht an diesen Schmäh­rufen betei­ligt. Aus meiner Sicht haben sie mit diesem Ver­halten gezeigt, dass sie sich mit den ras­sis­ti­schen Rufen nicht iden­ti­fi­zieren. Das ist genau die Form von Zivil­cou­rage, die ein Fan­block in so einer Situa­tion leisten kann. Wer im Sta­dion war, der hat dies auch deut­lich ver­nommen. Ende der neun­ziger Jahre gab es solche Inter­ven­tionen noch nicht. 

Als Alheil­mittel gegen ver­bale oder non­ver­bale Gewalt auf den Rängen wird häufig der so genannte Selbst­rei­ni­gungs­pro­zess“ in den Kurven genannt. Können Sie mit diesem Begriff etwas anfangen?
Ich möchte beim Thema Selbst­rei­ni­gungs­pro­zess“ den Begriff des Frei­raumes ins Zen­trum stellen. Frei­raum in Bezug auf Themen, welche die Jugend­li­chen rund um ihre Lei­den­schaft Fuß­ball begleiten. Zum Bei­spiel Pyro­technik. Dies­be­züg­lich offen einen Dialog zu führen, setzt natür­lich eine gewisses Ver­trauen aller han­delnder Akteure voraus. Nur so kann es gelingen, Jugend­li­chen ein Gefühl der Ver­ant­wor­tungs­be­reit­schaft zu ver­mit­teln, Ver­ant­wor­tungs­be­reit­schaft eben für ihre Kurve. Wer Ver­ant­wor­tung trägt, enga­giert sich für die Sache und han­delt ent­spre­chend. Wenn den Jugend­li­chen diese Option nicht ein­ge­räumt wird, ist die Gefahr natür­lich groß, dass sie sich ander­weitig betä­tigen und abwei­chendes Ver­halten zeigen. Darum ist es auch so wichtig, Jugend­liche in Aus­hand­lungs­pro­zesse mit ein­zu­be­ziehen. Die Rea­lität sieht leider anders aus. Wir sehen die der­zei­tigen Hal­tungen von Politik und DFB äußerst kri­tisch. Der Trend geht scheinbar in die Rich­tung mehr über Fans zu spre­chen als mit ihnen. Das erschwert wie­derum den gewünschten Selbst­rei­ni­gungs­pro­zess.

Die Belei­di­gungen gegen den Dres­dener Poté werden auch des­halb so intensiv wahr­ge­nommen, weil die Rufer den DFB-Pokal und damit die mediale Prä­senz als Bühne nutzten. Was können der Verein und seine Fans dafür tun, dass der beschä­digte Ruf des Chem­nitzer FC wieder auf­po­liert wird?
Die Chem­nitzer Fans haben bereits einige Tage später gezeigt, dass sie sich von den Vor­fällen distan­zieren. Als Zei­chen gegen Ras­sismus wurden beim Heim­spiel gegen Wehen Wies­baden rote Pla­kate hoch­ge­halten, um Ras­sismus sym­bo­lisch die Rote Karte zu zeigen. Außerdem wurde ein Brief ver­lesen, der von Fan­clubs unter­zeichnet wurde und eben diese Bot­schaft der kon­se­quenten Ein­for­de­rung von Tole­ranz mit Worten unter­mauert hat. Natür­lich müssen diesen sym­bo­li­schen Akten nach­hal­tige Taten folgen. Und das funk­tio­niert meiner Mei­nung nach am besten über die Selbst­re­gu­lie­rung des Fan­szene.

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Gemeinsam mit Janine Sei­bold leitet Kay Herr­mann das von der AWO Chem­nitz getra­gene Fan­pro­jekt Chem­nitz seit seiner Grün­dung im Jahr 2007. Das Inter­view mit Kay Herr­mann wurde per E‑Mail geführt.