Trotz der Schlappe in Han­nover: Glück­wunsch zum erfolg­rei­chen Sai­son­start, Herr Dabrowski. Was können die Bochumer Fans in dieser Saison von ihrem VfL noch erwarten?

Das ist jetzt eine schöne Moment­auf­nahme. Aber wir wissen den Start ein­zu­ordnen und sind uns bewusst, dass es nicht die ganze Saison über so gut laufen wird wie jetzt am Anfang. Wir wollen die Euphorie in die nächsten Spiele mit­nehmen und werden unser mög­lichstes tun, um weiter erfolg­reich zu sein. Wirk­lich aus­sa­ge­kräftig ist die Tabelle erst ab dem 10 Spieltag. Dann können wir eine Pro­gnose abgeben, wo unser Weg lang­geht.

Sie hatten zu Hause mit Werder und Ham­burg sowie aus­wärts in Cottbus ein knif­fe­liges Auf­takt­pro­gramm. Sind Sie ange­sichts der Abgänge von Gekas und Misi­movic selbst ein wenig vom erfolg­rei­chen Sai­son­start des VfL über­rascht?

Auch mit Gekas und Misi­movic hätte uns nie­mand einen guten Start garan­tieren können. Wir haben eine super Vor­be­rei­tung gemacht und die Neu­zu­gänge gut inte­griert. Doch egal wie eine Vor­be­rei­tung läuft, beim Liga­start weiß man nie genau, wo man steht. Wir freuen uns, dass wir gleich am Anfang Punkte ein­ge­fahren haben, das macht die Inte­gra­tion unserer Neu­zu­gänge um einiges ein­fa­cher.

Wenn sich abzeichnet, dass solch wich­tige Spieler wie Gekas und Misi­movic den Verein ver­lassen, ver­sucht man dann als Mit­spieler die Kol­legen zum Bleiben zu über­reden?

Nein, das würde auch nichts bringen. Jeder Spieler hat seine eigene Per­sön­lich­keit und seine eigenen Kar­rie­re­ziele. Im Fuß­ball ist es nun mal so, dass Spieler den Verein wech­seln, weil sie sich woan­ders eine bes­sere Per­spek­tive erhoffen oder einen bes­seren Ver­trag bekommen. Man wünscht den Spie­lern alles Gute und muss dann schauen, dass man das Beste aus dem neuen Team her­aus­holt.

Ist Ver­eins­treue heute eigent­lich nur noch eine Illu­sion, die die Fans zwar noch haben, aber die mit der Rea­lität nicht mehr viel gemein hat?

Die Zeiten, in denen ein Spieler 10 Jahre bei einem Verein bleibt, sind vorbei. Auf der einen Seite gibt es noch die Spie­ler­typen, die sich 100% mit einem Verein iden­ti­fi­zieren. Auf der anderen Seite gibt es aber auch andere Spieler, die zwar pro­fes­sio­nell sind, einen Verein aber nur als Durch­gangs­sta­tion auf ihrer Kar­rie­re­leiter sehen. Das finde ich nicht unbe­dingt ver­werf­lich. Dabei ist es aber wichtig, in der Zeit trotzdem alles für den Verein zu geben. Und bei den meisten Spie­lern ist das auch so. Auch nach so einem Fall wie mit van der Vaart darf man nicht alle Fuß­ball­profis über einen Kamm scheren und ihnen die Iden­ti­fi­ka­tion mit den Ver­einen abspre­chen.

Letzte Saison war der Sai­son­start des VfL weitaus schlechter. Da steckten Sie vom ersten Spieltag an bis weit in die Saison hinein tief im Abstiegs­kampf. Was hatte das für Aus­wir­kungen auf den Trai­nings­alltag?

Auf die täg­liche Arbeit hat es bei uns weniger Ein­fluss gehabt. Mit Marcel Koller haben wir einen Trainer, der sehr sys­te­ma­tisch arbeitet. Er wirft nicht gleich sein ganzes Kon­zept über den Haufen, nur weil das Team mal für drei Spiel­tage auf einem Abstiegs­platz steht.

Aber der Druck ist doch sicher immens, wenn man auf einem Abstiegs­platz steht?

Wenn man unten drin steht, spürt man natür­lich einen grö­ßeren Druck. Aber den hat man eigent­lich immer. Auch jetzt, wo wir in der Tabelle gut dastehen, haben wir Druck, aber das ist ein posi­tiver Druck. Da tritt man mit mehr Selbst­ver­trauen und Selbst­be­wusst­sein auf. Es kann aber auch von Vor­teil sein, wenn man sich die ganze Saison mit dem Abstiegs­kampf aus­ein­ander setzten muss. Wenn eine Mann­schaft erst kurz vor Sai­son­ende unten rein­rutscht, fällt es ihr oft schwer, dann den Schalter auf Abstiegs­kampf umzu­legen.

Was haben Sie getan, um sich von dem Stress des Abstiegs­kampfes abzu­lenken?

Ich bin ver­hei­ratet und habe zwei Kinder, da komme ich auf andere Gedanken. Aber natür­lich beschäf­tigt man sich tag­täg­lich mit der Situa­tion. Jetzt ist es schön, die Saison von einer höheren Tabel­le­re­gion aus angehen zu können und nicht gleich wieder unten drin zu stehen.

Ihre letzten Ver­eine Bochum, Han­nover und Bie­le­feld sind in der Bun­des­liga sport­lich etwa eine Kate­gorie. Wie groß sind die Unter­schiede im so genannten Umfeld der Ver­eine?

Han­nover ist von der Pres­se­land­schaft schon sehr spe­ziell. Da gibt es einen großen Bou­le­vard, der immer nach Geschichten sucht. Im Erfolgs­fall herrscht da große Euphorie, und im Miss­erfolg wird man von der Presse zer­fetzt. Da kann man in Biel­feld oder Bochum schon um einiges ruhiger arbeiten. Was die Pro­fes­sio­na­lität des Umfeldes anbe­langt, braucht sich der VfL Bochum vor vielen anderen Bun­des­li­ga­ver­einen nicht zu ver­ste­cken.

Bereiten die Bun­des­li­ga­ver­eine ihre Spieler auf den Umgang mit der Presse vor?

Zum Teil. Pro­ble­ma­tisch ist es, wenn ein Verein keinen Pres­se­spre­cher hat. Da gibt es bei einigen Ver­einen sicher Nach­hol­be­darf. Ein Pres­se­spre­cher kann bei vielen Dingen schon im Vor­feld Dampf aus den Sachen nehmen und in die rich­tigen Bahnen lenken. Das ist hier in Bochum vor­bild­lich.

Was ist Marcel Koller für ein Trai­nertyp?

Unser Trainer hat ein klares Kon­zept und ein Ziel vor Augen, was er uns erfolg­reich ver­mit­telt. Dabei ist er ein sehr kom­mu­ni­ka­tiver Typ, der nicht denkt, bereits all­wis­send zu sein. Er ist immer wieder bereit neue Dinge in seine Arbeit ein­fließen zu lassen und sich Mei­nungen aus der Mann­schaft ein­zu­holen.

Sie sind jetzt schon einige Jahre in der Bun­des­liga. Wenn Sie mal zurück­schauen, was hat sich in den Jahren in Sachen Trai­nings­lehre geän­dert?

Sehr viel. Jeder Verein hat seinen Trai­nings­stab ver­grö­ßert. Heute gibt es Ath­le­tik­trainer oder auch Reha­bi­li­ta­ti­ons­trainer, damit die ver­letzten Spieler schneller wieder fit werden. In Bochum arbeitet zudem ein Sport­psy­cho­loge ganz eng mit dem Trai­ner­team zusammen. Das sind Dinge, die in den letzten Jahren in den Vor­der­grund getreten sind. Die Ent­wick­lung ist sicher lange noch nicht am Ende. Es wird in Zukunft sicher noch mehr mit Spe­zia­listen gear­beitet.

Wie nehmen die Spieler diese neuen Dinge an?

Ich per­sön­lich bin ein Spieler, der offen für neue Sachen ist. Im All­ge­meinen sind Fuß­ball­spieler bei sol­chen Sachen sehr sen­sibel. Wenn sie merken, dass diese Neue­rungen wirken, dann ver­schließen sie sich dem nicht, son­dern nehmen das dankbar an.

Hat Marcel Koller auch in den schwie­rigen Phasen gegen­über der Mann­schaft immer die Über­zeu­gung aus­ge­strahlt, dass er mit dem VfL den Klas­sen­er­halt schafft?

Ja. Wir hatten unsere stärksten Momente, wenn wir schon fast tot­ge­sagt wurden und wir ein End­spiel“ hatten. In den schwie­rigsten Phasen waren wir immer auf den Punkt genau da. Daran hatte auch der Trainer einen großen Anteil. Das Fest­halten am Trainer hat sich dann in der Rück­runde aus­ge­zahlt.

Ist Marcel Koller ein Trainer, der im Abstiegs­kampf eine här­tere Gangart an den Tag legt als im Erfolgs­fall?

Unser Trainer ist keiner, der nach ein paar schlechten Spielen ein anderes Gesicht zeigt oder in einer schwie­rigen Phase zum Schleifer wird. Im Erfolgs­fall wie auch in einer schlech­teren Phase kommt er absolut glaub­würdig rüber. Er hält an seinem Kon­zept fest und arbeitet sehr akri­bisch mit der Mann­schaft. Und am Ende des Tages zahlt sich das aus.

Im der letzten Saison gab es über­durch­schnitt­lich viele Trai­ner­ent­las­sungen. Bochum hat trotz schwie­riger Phasen am Trainer fest­ge­halten. Hat es Sie über­rascht?

Nein. Der VfL Bochum ist dafür bekannt, viel Geduld und Ver­trauen in seine Trainer zu haben. Das zeichnet den Verein auch aus. Man muss den Ver­ant­wort­li­chen ein rie­siges Kom­pli­ment dafür machen, dass hier alle zusam­men­ge­standen haben, als wir in der letzten Saison mit dem Rücken zur Wand standen, und der Verein stets an unseren Trainer geglaubt hat.

Hat auch die Mann­schaft Zei­chen an die Ver­ein­füh­rung gesendet, dass sie mit dem Trainer wei­ter­ar­beiten will?

Da kam schon der ein oder andere Impuls aus der Mann­schaft, denn in der täg­li­chen Arbeit haben wir gesehen, dass wir einen sehr guten Trainer haben. Der Erfolg hat uns allen letzt­end­lich Recht gegeben.

Am Ende der Saison haben Sie nicht nur den Klas­sen­er­halt sou­verän geschafft, son­dern hätten mit dem beein­dru­ckenden Schluss­spurt bei­nahe noch den UI-Cup erreicht. Gab es einen Schlüs­sel­mo­ment, der die Wende zum Guten ein­ge­leitet hat?

Das kann man nicht an einem ein­zigen Moment fest­ma­chen. Wir hatten in der letzten Saison meh­rere Schlüs­sel­spiele, in denen die Mann­schaft an sich und auch unsere Fans und das Team zusam­men­ge­wachsen sind. In der Hin­runde war das zum Bei­spiel die Partie gegen Frank­furt, als wir nach 0:2‑Rückstand noch 4:3 gewonnen haben. In der Rück­runde waren es unter anderem die beiden sieg­rei­chen Spiele gegen Dort­mund und Schalke.

Ärgern Sie sich über das Ver­passen des UI-Cups?

Natür­lich hätten wir den UI-Cup gerne mit­ge­nommen. Aber in erster Linie können wir stolz auf unsere Ent­wick­lung sein, die wir in der letzten Saison genommen haben. Den Weg, den wir letzte Saison ein­ge­schlagen haben, gehen wir nun weiter. Unsere Arbeit trägt nun Früchte, wie unser Sai­son­auf­takt gezeigt hat. Trotz der Abgänge sind wir als Kern zusam­men­ge­blieben und eine super Gemein­schaft. Das macht uns stark, und dadurch können wir die Abgänge auch gut kom­pen­sieren.

Ist Ihnen Ihre Rie­sen­chance gegen Timo Hil­de­brand am vor­letzten Spieltag noch häufig durch den Kopf gegangen?

Nein. Auf dem Fuß­ball­platz ent­scheidet es sich in Bruch­teilen einer Sekunde, ob aus einer Situa­tion heraus ein Tor fällt oder nicht. Die Chance ist abge­hakt, und ich schaue nach vorne.

Sie kamen aus der Bremer Jugend in die Bun­des­liga. Welche Erin­ne­rungen haben Sie an Ihre Anfangs­zeit als Profi?

Ich kam in einer sehr schwie­rigen Phase ins Pro­fi­team, als die Mann­schaft nicht funk­tio­niert hat. Wenn man frisch aus der Jugend kommt, ist es normal, dass man auch Fehler macht. Aber für mich war es ein gutes erstes Pro­fi­jahr. Ich habe fast alle Spiele gemacht und uns kurz vor Sai­son­ende mit dem Siegtor gegen Schalke vor dem Abstieg bewahrt. Und kurz darauf sind wir sogar Pokal­sieger geworden.

Hatten Sie als Spieler aus der eigenen Jugend einen schweren Stand gegen­über einem ein­ge­kauften Profi, auch wenn man sich bereits als Teil der Mann­schaft eta­bliert hat?

Wenn der Verein Geld für einen Spieler aus­gibt, genießt der Spieler gleich einen höheren Status. Als Spieler aus der Jugend muss man sich alles Stück für Stück erar­beiten.

In Bremen waren Sie in der Saison 99/’00 Stamm­spieler. In der darauf fol­genden Saison hatten Sie dann nur noch 6 Ein­sätze. Wie kam es zu dem Kar­rie­re­knick?

2000 kam Klaus Allofs als Manager nach Bremen, und er hat zusammen mit Thomas Schaaf eine kom­plett neue Mann­schaft auf­ge­baut. Ich hatte dann leider nicht mehr den Rück­halt vom Trainer und habe mich ent­schieden, meinen Weg woan­ders wei­ter­zu­gehen, und bin dann nach Bie­le­feld gewech­selt.

Bie­le­feld hat damals in der 2. Liga gespielt. Haben Sie für den Neu­an­fang bewusst den Weg in die 2. Liga gewählt?

Bie­le­feld hat sich stark um mich bemüht. Ich habe dort sehr gute Mög­lich­keiten für mich gesehen, in die Erfolgs­spur zurück­zu­finden. Der Trainer und der Manager haben sich oft bei mir gemeldet und mir eine gute Per­spek­tive auf­ge­zeigt. Sie haben mir das Gefühl ver­mit­telt, dass ich dort gebraucht werde und ein wich­tiger Bestand­teil der Pla­nung bin. Das hat mich über­zeugt.

Wie sieht Ihre wei­tere Kar­rie­re­pla­nung aus?

Mein Ver­trag läuft noch bis 2009. Der Fuß­ball ist so schnell­lebig, dass ich nicht sagen kann, dass ich bis 2015 in Bochum bleibe. Es kann sein, dass ich mich in 2 Monaten schwer ver­letze und mit dem Fuß­ball auf­hören muss. Wer weiß das schon? Aber zur Zeit passt es für mich hier in Bochum. Die Ent­wick­lung ist gut, so dass ich mir vor­stellen kann, noch lange hier zu bleiben.

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Ich bin noch nicht satt“ – Marcel Koller im Inter­view www​.11freunde​.de/​b​u​n​d​e​s​l​i​g​e​n​/​1​01862 .