Willi Schulz (Vize-Welt­meister 1966)
Die Formel ist eigent­lich ganz simpel: Mit Kon­di­tion und Ner­ven­stärke. Glück­li­cher­weise zwei Eigen­schaften, die zu den deut­schen Fuß­ball-Tugenden dazu gehören, wie die Henne zum Hahn. Und was uns Deut­sche schon immer bei Welt­meis­ter­schaften aus­ge­zeichnet hat: Wir legen wenig Wert auf Ein­zel­könner, statt­dessen lieben wir das Team­work. Und alleine kann man keine K.o.-Spiele gewinnen. Am besten wissen das natür­lich die Trainer, die vor sol­chen Spielen immer das einzig Rich­tige tun: Sie halten den Mund. Als wir 1966 in Eng­land und vier Jahre später in Mexiko in den Kabinen saßen, wussten jeder Ein­zelne, dass es jetzt darum ging, Zunge zu zeigen. Die Leute haben mich immer wieder gefragt: Wie habt ihr es in der Hitze von Mexiko geschafft in drei Tagen zweimal über 120 Minuten zu gehen? Ich bleibe dabei: Als Hoch­leis­tungs­sportler muss dein Körper bereits sein für jede Extra­mi­nute Pla­ckerei. Ein K.o.-Spiel macht es Fuß­bal­lern recht ein­fach: Wenn du ver­lierst, bist du raus, also rennst du um dein Leben. 1970, im legen­dären Vier­tel­fi­nale gegen Eng­land, wurde ich ein­ge­wech­selt. Wirk­lich Spaß hatte ich aller­dings nicht an dem Spiel. Glauben sie mir, es ist eine unglaub­liche Pla­ckerei. Und ich kenne schö­nere Gefühle, als wenn die Zunge über einen stau­bigen mexi­ka­ni­schen Rasen schleift.

Stefan Reuter (Welt­meister 1990)
Indem man sich nicht kon­kret auf das Spiel, son­dern voll und ganz auf seine Auf­gabe kon­zen­triert. Ich bin auf den Rasen gegangen, wusste gegen wen und spiele und wes­halb ich über­haupt den Rasen betreten hatte: Um zu gewinnen! Nichts anderes zählt in dem Moment, wo der Schieds­richter in seine Pfeife bläst. Als Fuß­baller merkst du übri­gens schon nach wenigen Minuten, wer das Spiel gewinnen wird. Im WM-Finale 1990 saß ich zunächst auf der Bank und spä­tes­tens als Mara­dona seinen ersten Fehl­pass gespielt hatte, war uns allen auf der Bank klar, wer den Pokal am Ende stemmen würde. Wir Deut­schen haben noch einen psy­cho­lo­gi­schen Vor­teil: Unser Ruf eilt uns voraus. Als wir 1990 in Ita­lien antraten, musste jeder unserer Gegner vor den Spielen lesen: Die deut­sche Tur­nier­mann­schaft kommt! Ich wette, dass des­halb auch die Eng­länder und Argen­ti­nier vor dem Anpfiff schon die Hosen voll hatten. 1991 bin ich zu Juventus Turin gegangen, auch, weil Juve-Prä­si­dent Vit­torio Cais­sotti di Chi­usano ein großer Fan von deut­schen Spie­lern war. Wie wir in den ent­scheiden Par­tien bei der WM auf­ge­traten waren, schien ihn beein­druckt zu haben. Irgend­wann hat er mir mal ver­raten: Stefan, am liebsten würde ich die ganze deut­sche Natio­nal­mann­schaft ver­pflichten.“

Thomas Bert­hold (Welt­meister 1990)
Das ist eine Qua­li­täts­frage. Für die großen Fuß­ball-Nationen beginnt ein WM-Tur­nier doch ohnehin erst ab dem Ach­tel­fi­nale. Und hier ent­scheidet sich, wie gut ein Spieler wirk­lich ist. Ist er in der Lage dem Druck stand zu halten? Ist er so dis­zi­pli­niert und ner­ven­stark 90 oder 120 Minuten eines K.o.-Spiels durch­zu­halten? Es gibt so viele Fuß­baller, denen man über­ra­gende Fähig­keiten attes­tiert und wo trotzdem Zweifel bleiben, ob sie in der Lage sind auch in den ent­schei­denden Momenten ihr Poten­tial abzu­rufen. Mario Gomez ist für mich so ein Kan­didat, bei dem weiß ich noch nicht, ob er das Zeug dazu hat. Aber ich lasse mich gerne vom Gegen­teil über­zeugen. Bei Lothar Mat­thäus war das am Anfang ähn­lich: Ein Jahr­hun­dert­ta­lent, aber in den wich­tigen Spielen irgendwie nicht richtig auf dem Platz. Spä­tes­tens 1990 hat er alle vom Gegen­teil über­zeugt. Vor den K.o.-Spielen bei der WM in Ita­lien war die Stim­mung in der Kabine extrem. Du konn­test die Anspan­nung förm­lich spüren, nicht mal Litti und Thomas Hässler haben ihre Witze gerissen. Ich habe mich vor sol­chen Spielen ohnehin in meine eigene Welt zurück gezogen: Kopf­hörer auf und die Musik voll auf­ge­dreht. ACDC, immer wieder, vor jedem Spiel. Den Gebrü­dern Young an dieser Stelle noch einmal herz­li­chen Dank!

Klaus Fischer (Vize-Welt­meister 1982)
Eigent­lich darfst du ja gar nicht daran denken, was bei Sieg oder Nie­der­lage pas­siert, aber du tust es trotzdem. Es ist auch ein Zei­chen von Erfah­rung, wenn man es schafft diese Gedanken vor einem ent­schei­denden Spiel zu ver­drängen. Ich bin auch vor dem längst legen­därem Halb­fi­nale gegen Frank­reich bei der WM 1982 spa­zieren gegangen. Ganz alleine, nur für mich. Das habe ich immer gemacht und die Ruhe genutzt, um das Spiel im Kopf schon einmal durch­zu­spielen. Wo muss ich stehen, wenn die Flanken vom Litti kommen? Wie laufe ich bei Pässen von Paul Breitner? Im besagten Spiel lagen wir dann in der Ver­län­ge­rung hinten, die Partie war eigent­lich gelaufen. Kalle Rum­me­nigge hat wenig später den 2:3‑Anschlusstreffer erzielt und in sol­chen Momenten merkst du in K.o.-Spielen sofort, dass der Gegner nicht mehr weiß, was zu tun ist. Wenn man diesem Augen­blicke erkennen und aus­nutzen kann, gehört man zu den besten Mann­schaften der Welt. 1982 waren wir dazu jeden­falls in der Lage.

Andreas Brehme (Welt­meister 1990)
Ganz wichtig ist, dass man die rich­tige Mischung aus Anspan­nung und Ent­span­nung findet. Vor K.o.-Spielen war ich immer auf den Punkt kon­zen­triert, gleich­zeitig aber musste ich dafür sorgen, dass mein Kopf nicht zu über­laden mit Gedanken war. Ich habe mit den Kol­legen erzählt, mich gedehnt, ein­fach irgendwas, um nicht zu sehr auf das kom­mende Spiel fixiert zu sein. In Mexiko, Ita­lien oder den USA war das Pro­ze­dere immer gleich, übri­gens auch nach dem Spiel. Wenn es nicht gerade das Finale ist, steht ja schon wenige Tage später das nächste Spiel auf dem Pro­gramm. Also haben wir kurz geju­belt, waren mit unseren Frauen eine Klei­nig­keit essen und dann ab in die Falle. Ach, und noch was: Ich höre immer, dass ein Spiel im Extrem­fall 120 Minuten dauert. Das ist nicht ganz kor­rekt, denn zu einem K.o.-Spiel gehört auch: Eine anstän­dige Mas­sage nach dem Abpfiff. Und die dauert im Schnitt eine gute Stunde. Erst als ich von der Prit­sche durfte, war der Arbeitstag für mich beendet.

Bernd Schneider (Vize-Welt­meister 2002)
Für mich ist die Frage eigent­lich falsch gestellt, denn ich mache keine Unter­schiede zwi­schen Gruppen- und K.o.-Spiel. Bei einer WM ist jedes Spiel gleich schwierig, es ist eigent­lich nicht mög­lich qua­li­tativ abstufen. Süd­korea 2002, Argen­ti­nien 2006 – das waren alles Par­tien mit einem ganz beson­deren Reiz. Ich hatte zur Vor­be­rei­tung mein immer­glei­ches Ritual. Ein kurzer Nach­mit­tags­schlaf, drei Stunden vor dem Spiel etwas essen, dann die Ansprache vom Trainer. Im Bus wie­der­holen sich die Rituale der Mit­spieler: Die einen hören Musik, andere lesen, wieder andere müssen sich unter­halten, um die Ner­vo­sität raus­zu­la­bern. Und im K.o.-Spiel? Da brauchst du eben auch mal ver­dammt viel Glück, um den Pfosten oder die ent­schei­denden Zen­ti­meter auf deiner Seite zu haben.