Nello di Mar­tino, in »Deutsch­land, ein Som­mer­mär­chen« spielen Sie eine kleine, aber feine Neben­rolle.
Ja, stimmt. Das war vor dem Halb­fi­nale in Dort­mund. Die Mann­schaften waren gerade aus den Kabinen gekommen und standen vor der Treppe, die zum Spiel­feld führt. Da hat Bernd Schneider durch den Gang gerufen: »Die haben Angst, Männer!« Und ich habe eben zurück­ge­brüllt: »Wir haben keine Angst!« Das gab eine schöne Ver­wir­ru­nung.

Sie waren bei der WM 2006 Betreuer der ita­lie­ni­schen Mann­schaft, der Mann im Hin­ter­grund, der sich um alles küm­mert. Auch im Film kommt Ihre Stimme aus dem Off, und dann ist Bernd Schneider zu sehen, der mit großen Augen in Ihre Rich­tung schaut.
Der hatte nun mal nicht erwartet, dass er einen Konter bekommt. Sie müssen sich das vor­stellen: Es ist das Halb­fi­nale der Welt­meis­ter­schaft, fünf Minuten vor Spiel­be­ginn – da ist das Adre­nalin auf 350. Und dann kommt dieser Spruch. Gat­tuso hat mich gefragt: »Was hat der gesagt?« – »Er hat gesagt, dass du Angst hast.« (lacht) Das war eine schöne Sache.

Haben Sie den Film im Kino gesehen?
Nein, ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, dass ich darin vor­komme. Ich glaube, es war Sascha Bur­chert…

…der Tor­hüter von Hertha BSC…
… der mir erzählt hat, dass er meine Stimme gehört hat. In Ita­lien war das eine große Sache. Die Zei­tungen haben dar­über berichtet. Non abbiamo paura. Das ist legendär. Wir haben keine Angst.

War das denn wirk­lich so? Die Deut­schen hatten bis dahin ein starkes Tur­nier gespielt – und sie hatten den Heim­vor­teil.
Mir war von Anfang an klar: Wenn wir ins Finale wollen, müssen wir Deutsch­land aus­schalten. Inner­lich hätte ich das natür­lich gerne ver­mieden, weil ich seit 1971 hier lebe. Aber leider ist es so gekommen, und ich wusste, dass es nicht gut für Deutsch­land aus­geht.

Wieso?
In ent­schei­denden Spielen hat Deutsch­land gegen Ita­lien immer ver­loren. Ich weiß nicht, warum. Viel­leicht habt ihr einen Kom­plex.

Wie war die Stim­mung vor dem Spiel?
Da gab es schon ein biss­chen Gift. Die Atmo­sphäre war sehr gereizt. Vor unserem Hotel in Duis­burg haben deut­sche Fans nachts Feu­er­werks­körper abge­schossen. Dann mussten wir zum Halb­fi­nale nach Bochum umziehen, weil die Fifa darauf bestanden hat. So ein Blöd­sinn. In Bochum war es noch schlimmer. Unser Hotel am Sta­dion lag direkt neben der Fan­meile. Und am Spieltag, bei der Fahrt ins West­fa­len­sta­dion, musste der Mann­schaftsbus an jeder roten Ampel halten, weil die Poli­zei­es­korte das Blau­licht nicht ein­ge­schaltet hatte. Das sind nur Klei­nig­keiten, aber die lenken dich ab – und das aus­ge­rechnet vor so einem Spiel. Unter Fair­play ver­stehe ich etwas anderes.

Und was ist mit Torsten Frings und seiner nach­träg­li­chen Sperre für das Halb­fi­nale?
Moment! Ita­lien hat sich nie bemüht, dass Frings gesperrt wird. Warum hätten wir das tun sollen? Ich kann mich noch genau an die Pres­se­kon­fe­renz erin­nern, als unser Natio­nal­trainer Mar­cello Lippi gesagt hat: »Egal ob Frings spielt oder nicht – wir sind stark genug.« Aber die Stim­mung war nach der Sperre für Frings sehr auf­ge­heizt. Auf dem Weg ins Sta­dion standen die Leute an der Straße und haben uns den Stin­ke­finger gezeigt oder mit dem Zei­ge­finger über den Hals gestri­chen. Was von draußen in das Spiel rein­ge­tragen wurde, das war nicht gut. Die Bou­le­vard­presse hat Leute, die seit 40 Jahren hier arbeiten, als Spa­ghet­ti­fresser und Piz­za­bä­cker ver­höhnt. Das ist grausam. Ein biss­chen Respekt muss schon sein.

Die Deut­schen waren vor dem Halb­fi­nale sehr zuver­sicht­lich, dass sie auch ohne Frings gewinnen. Sie hatten noch nie ein Län­der­spiel in Dort­mund ver­loren.
Das haben wir auch mit­be­kommen, das stand ja in jeder Zei­tung. Aber wissen Sie was: Man sollte nicht so viel reden. Die Spiele werden auf dem Platz ent­schieden. Lippi hat mich immer gefragt, was die deut­schen Zei­tungen schreiben. Er hat dann gesagt: »Es steht immer noch null zu null.« Dass Deutsch­land die WM gewinnen soll, das war längst geplant. Aber wenn du so denkst, musst du auf­passen.

Gibt es denn ein Geheimnis für den ita­lie­ni­schen Erfolg?
Espresso!

Espresso?
Ja, das erste Paket, das im Hotel oder in der Kabine aus­ge­packt wird, ist immer das mit der Espres­so­ma­schine. Die Espres­so­ma­schine reist sogar bei uns im Mann­schaftsbus mit. Espresso ist überall. In der Dusche, in der Kabine, auf dem Trai­nings­platz. Andere Mann­schaften leben im Luxus, wir Ita­liener sind ein­fach. Für uns ist die Küche ent­schei­dend. Ein biss­chen Par­ma­schinken und Moz­za­rella. Was willst du mehr?

Man hatte im Halb­fi­nale das Gefühl: Die Mann­schaft weiß, was sie kann, und sie weiß, was sie will.
Das kann sein. Dabei hatte die WM für uns schon schlecht ange­fangen, bevor sie über­haupt begonnen hatte. Im April wurde der Mani­pu­la­ti­ons­skandal in der Serie A auf­ge­deckt, der den ganzen Ver­band kaputt gemacht hat. Der Prä­si­dent musste zurück­treten, dazu viele Funk­tio­näre, mit denen ich zu tun hatte. Die Politik hat dann jemanden zum kom­mis­sa­ri­schen Prä­si­denten ernannt, der über­haupt keine Ahnung vom Fuß­ball hatte. Null. Minus null. Und dann wollte auch noch Mar­cello Lippi zurück­treten, weil sein Sohn in den Skandal ver­wi­ckelt war. Da können Sie sich vor­stellen, wie die Stim­mung war. Aber ich habe zu Lippi gesagt: »Augen zu und durch. Du kommst nach Deutsch­land – und dann gehen wir nach Berlin.«

Zum Finale?
Genau. Als klar war, dass ich wäh­rend der WM für den ita­lie­ni­schen Ver­band arbeite, habe ich zu meiner Frau gesagt: Du musst mit unserer Tochter alleine in Urlaub fahren, ich bin bis zum 11. Juli beschäf­tigt. Ich war tausend‑, nein, mil­lio­nen­pro­zentig über­zeugt, dass wir diesen Pokal holen.

Woher kam diese Über­zeu­gung?
Keine Ahnung. Das war so ein Bauch­ge­fühl, das ich schon vor dem Tur­nier hatte und das sich dann wäh­rend der WM bestä­tigt hat. Jeden Tag haben die ita­lie­ni­schen Zei­tungen groß und breit über den Mani­pu­la­ti­ons­skandal berichtet, welche Spieler darin ver­wi­ckelt sind, welche Ver­eine mani­pu­liert haben. Natür­lich haben die Spieler das gelesen, die Zei­tungen lagen ja alle bei uns im Hotel aus. Von Juventus Turin standen vier oder fünf Spieler in unserem Kader, und plötz­lich wird Juve in die Zweite Liga ver­setzt. Die wussten ja gar nicht, wie es mit ihnen wei­ter­gehen sollte. Aber ich habe auch Filippo Inz­aghi gesehen, der bei uns auf dem Hotel­ge­lände stun­den­lang am See gesessen und die Fische da raus­ge­holt hat. Für mich war das ein Zei­chen der inneren Ruhe. 

War diese innere Ruhe auch im Halb­fi­nale ent­schei­dend?
Ent­schei­dend war, was Lippi in diesem Spiel tak­tisch gemacht hat. Zur Ver­län­ge­rung hat er Camo­ra­nesi aus der Mann­schaft genommen, einen Defen­siv­mann, dafür Iaquinta gebracht und mit drei Stür­mern gespielt. Ich habe später zu Lippi gesagt: »Was du da gemacht hast, war Hara­kiri.« Er hat geant­wortet: »Nello, ich musste das machen.« Und er hatte recht.

Wieso?
Als Ales­sandro Del Piero ein­ge­wech­selt werden sollte, stand ich direkt neben ihm. Alle haben gedacht, Lippi nimmt Totti raus. Das wäre auch der logi­sche Wechsel gewesen. Aber Lippi hat Totti drin gelassen und Per­rotta vom Feld geholt. In dem Moment habe ich in die Gesichter auf der deut­schen Bank geschaut. Damit hatten sie nicht gerechnet. Das hat sie ver­wirrt. Die Deut­schen wussten gar nicht, wie sie reagieren sollten.

Die Deut­schen haben auf ein Elf­me­ter­schießen spe­ku­liert, wie im Vier­tel­fi­nale gegen Argen­ti­nien. Hat Sie diese Aus­sicht nicht beun­ru­higt?
Unser Pres­se­spre­cher stand in der Ver­län­ge­rung neben mir und war so nervös, dass er sich eine Ziga­rette nach der nächsten ange­steckt hat. »Bleib ganz ruhig!«, habe ich zu ihm gesagt. »Bevor der Schiri abpfeift, schießt Ita­lien das Tor. Mach dir keine Sorgen. Es gibt kein Elf­me­ter­schießen.« Und dann spielt Pirlo den Ball zu Grosso an den Straf­raum. Grosso ist Linksfuß, genau wie ich. Wenn er von da mit links schießt, hat der Tor­hüter keine Chance. Ich wusste, jetzt ist es vorbei.

Für Deutsch­land war die WM vorbei. Für Ita­lien ging es weiter ins Finale.
Nach der letzten Mann­schafts­sit­zung in Duis­burg habe ich gesagt: »Jungs, wir fahren nach Berlin. In diesem Sta­dion kenne ich jeden Stein, und ob ihr wollt oder nicht: Es gibt nur eine Mann­schaft, die diesen Pokal holen kann. Das ist Ita­lien.« Als die Mann­schaft nach der Sie­ger­eh­rung auf dem Podest stand, hat sie mich dazu­ge­holt. Das sind Momente, die du nicht begreifst. Jede Woche bist du in diesem Sta­dion, nie hast du mit Hertha was gewonnen, außer viel­leicht den Schwarz­wald-Cup, und jetzt hältst du diese fünf­ein­halb Kilo Gold in den Händen. Mehr geht nicht. Des­wegen wollte ich auch nicht mit nach Süd­afrika.

Hat man Sie denn gefragt?
Ja, aber ich habe gesagt: Wir haben einmal zusammen etwas erreicht, was viel­leicht nie wieder kommt. Lasst uns ein­fach diese Erin­ne­rung bewahren! Wenn wir uns sehen, lieben wir uns und denken an die schöne Zeit. Warum sollen wir uns das kaputt machen?

Nello di Mar­tino, 69, stammt aus der Nähe von Neapel und lebt seit 1971 in Berlin. Er ist Team­ma­nager bei Hertha BSC und betreute bei der WM 2006 die ita­lie­ni­sche Natio­nalelf.