Nello di Mar­tino, in Deutsch­land, ein Som­mer­mär­chen“ spielen Sie eine kleine, aber feine Neben­rolle.
Nello die Mar­tino: Ja, stimmt. Das war vor dem Halb­fi­nale in Dort­mund. Die Mann­schaften waren gerade aus den Kabinen gekommen und standen vor der Treppe, die zum Spiel­feld führt. Da hat Bernd Schneider durch den Gang gerufen: Die haben Angst, Männer!“ Und ich habe eben zurück­ge­brüllt: Wir haben keine Angst!“ Das gab eine schöne Ver­wir­rung.

Sie waren bei der WM 2006 Betreuer der ita­lie­ni­schen Mann­schaft, der Mann im Hin­ter­grund, der sich um alles küm­mert. Auch im Film kommt Ihre Stimme aus dem Off, und dann ist Bernd Schneider zu sehen, der mit großen Augen in Ihre Rich­tung schaut.
Nello die Mar­tino: Der hatte nun mal nicht erwartet, dass er einen Konter bekommt. Sie müssen sich das vor­stellen: Es ist das Halb­fi­nale der Welt­meis­ter­schaft, fünf Minuten vor Spiel­be­ginn – da ist das Adre­nalin auf 350. Und dann kommt dieser Spruch. Gat­tuso hat mich gefragt: Was hat der gesagt?“ – Er hat gesagt, dass du Angst hast.“ (lacht) Das war eine schöne Sache.

Haben Sie den Film im Kino gesehen?
Nello die Mar­tino: Nein, ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, dass ich darin vor­komme. Ich glaube, es war Sascha Bur­chert…

…der Tor­hüter von Hertha BSC…
Nello die Mar­tino: … der mir erzählt hat, dass er meine Stimme gehört hat. In Ita­lien war das eine große Sache. Die Zei­tungen haben dar­über berichtet. Non abbiamo paura. Das ist legendär. Wir haben keine Angst.

War das denn wirk­lich so? Die Deut­schen hatten bis dahin ein starkes Tur­nier gespielt – und sie hatten den Heim­vor­teil.
Nello die Mar­tino: Mir war von Anfang an klar: Wenn wir ins Finale wollen, müssen wir Deutsch­land aus­schalten. Inner­lich hätte ich das natür­lich gerne ver­mieden, weil ich seit 1971 hier lebe. Aber leider ist es so gekommen, und ich wusste, dass es nicht gut für Deutsch­land aus­geht.

Wieso?
Nello die Mar­tino: Nelo die Mar­tino: In ent­schei­denden Spielen hat Deutsch­land gegen Ita­lien immer ver­loren. Ich weiß nicht, warum. Viel­leicht habt ihr einen Kom­plex.

Wie war die Stim­mung vor dem Spiel?
Nello die Mar­tino: Da gab es schon ein biss­chen Gift. Die Atmo­sphäre war sehr gereizt. Vor unserem Hotel in Duis­burg haben deut­sche Fans nachts Feu­er­werks­körper abge­schossen. Dann mussten wir zum Halb­fi­nale nach Bochum umziehen, weil die Fifa darauf bestanden hat. So ein Blöd­sinn. In Bochum war es noch schlimmer. Unser Hotel am Sta­dion lag direkt neben der Fan­meile. Und am Spieltag, bei der Fahrt ins West­fa­len­sta­dion, musste der Mann­schaftsbus an jeder roten Ampel halten, weil die Poli­zei­es­korte das Blau­licht nicht ein­ge­schaltet hatte. Das sind nur Klei­nig­keiten, aber die lenken dich ab – und das aus­ge­rechnet vor so einem Spiel. Unter Fair­play ver­stehe ich etwas anderes.

Und was ist mit Torsten Frings und seiner nach­träg­li­chen Sperre für das Halb­fi­nale?
Nello die Mar­tino: Moment! Ita­lien hat sich nie bemüht, dass Frings gesperrt wird. Warum hätten wir das tun sollen? Ich kann mich noch genau an die Pres­se­kon­fe­renz erin­nern, als unser Natio­nal­trainer Mar­cello Lippi gesagt hat: Egal ob Frings spielt oder nicht – wir sind stark genug.“ Aber die Stim­mung war nach der Sperre für Frings sehr auf­ge­heizt. Auf dem Weg ins Sta­dion standen die Leute an der Straße und haben uns den Stin­ke­finger gezeigt oder mit dem Zei­ge­finger über den Hals gestri­chen. Was von draußen in das Spiel rein­ge­tragen wurde, das war nicht gut. Die Bou­le­vard­presse hat Leute, die seit 40 Jahren hier arbeiten, als Spa­ghet­ti­fresser und Piz­za­bä­cker ver­höhnt. Das ist grausam. Ein biss­chen Respekt muss schon sein.

Die Deut­schen waren vor dem Halb­fi­nale sehr zuver­sicht­lich, dass sie auch ohne Frings gewinnen. Sie hatten noch nie ein Län­der­spiel in Dort­mund ver­loren.
Nello die Mar­tino: Das haben wir auch mit­be­kommen, das stand ja in jeder Zei­tung. Aber wissen Sie was: Man sollte nicht so viel reden. Die Spiele werden auf dem Platz ent­schieden. Lippi hat mich immer gefragt, was die deut­schen Zei­tungen schreiben. Er hat dann gesagt: Es steht immer noch null zu null.“ Dass Deutsch­land die WM gewinnen soll, das war längst geplant. Aber wenn du so denkst, musst du auf­passen.

Gibt es denn ein Geheimnis für den ita­lie­ni­schen Erfolg?
Nello die Mar­tino: Espresso!

Espresso?
Nello die Mar­tino: Ja, das erste Paket, das im Hotel oder in der Kabine aus­ge­packt wird, ist immer das mit der Espres­so­ma­schine. Die Espres­so­ma­schine reist sogar bei uns im Mann­schaftsbus mit. Espresso ist überall. In der Dusche, in der Kabine, auf dem Trai­nings­platz. Andere Mann­schaften leben im Luxus, wir Ita­liener sind ein­fach. Für uns ist die Küche ent­schei­dend. Ein biss­chen Par­ma­schinken und Moz­za­rella. Was willst du mehr?

Man hatte im Halb­fi­nale das Gefühl: Die Mann­schaft weiß, was sie kann, und sie weiß, was sie will.
Nello die Mar­tino: Das kann sein. Dabei hatte die WM für uns schon schlecht ange­fangen, bevor sie über­haupt begonnen hatte. Im April wurde der Mani­pu­la­ti­ons­skandal in der Serie A auf­ge­deckt, der den ganzen Ver­band kaputt gemacht hat. Der Prä­si­dent musste zurück­treten, dazu viele Funk­tio­näre, mit denen ich zu tun hatte. Die Politik hat dann jemanden zum kom­mis­sa­ri­schen Prä­si­denten ernannt, der über­haupt keine Ahnung vom Fuß­ball hatte. Null. Minus null. Und dann wollte auch noch Mar­cello Lippi zurück­treten, weil sein Sohn in den Skandal ver­wi­ckelt war. Da können Sie sich vor­stellen, wie die Stim­mung war. Aber ich habe zu Lippi gesagt: Augen zu und durch. Du kommst nach Deutsch­land – und dann gehen wir nach Berlin.“

Zum Finale?
Nello die Mar­tino: Genau. Als klar war, dass ich wäh­rend der WM für den ita­lie­ni­schen Ver­band arbeite, habe ich zu meiner Frau gesagt: Du musst mit unserer Tochter alleine in Urlaub fahren, ich bin bis zum 11. Juli beschäf­tigt. Ich war tausend‑, nein, mil­lio­nen­pro­zentig über­zeugt, dass wir diesen Pokal holen.

Woher kam diese Über­zeu­gung?
Nello die Mar­tino: Keine Ahnung. Das war so ein Bauch­ge­fühl, das ich schon vor dem Tur­nier hatte und das sich dann wäh­rend der WM bestä­tigt hat. Jeden Tag haben die ita­lie­ni­schen Zei­tungen groß und breit über den Mani­pu­la­ti­ons­skandal berichtet, welche Spieler darin ver­wi­ckelt sind, welche Ver­eine mani­pu­liert haben. Natür­lich haben die Spieler das gelesen, die Zei­tungen lagen ja alle bei uns im Hotel aus. Von Juventus Turin standen vier oder fünf Spieler in unserem Kader, und plötz­lich wird Juve in die Zweite Liga ver­setzt. Die wussten ja gar nicht, wie es mit ihnen wei­ter­gehen sollte. Aber ich habe auch Filippo Inz­aghi gesehen, der bei uns auf dem Hotel­ge­lände stun­den­lang am See gesessen und die Fische da raus­ge­holt hat. Für mich war das ein Zei­chen der inneren Ruhe.

War diese innere Ruhe auch im Halb­fi­nale ent­schei­dend?
Nello die Mar­tino: Ent­schei­dend war, was Lippi in diesem Spiel tak­tisch gemacht hat. Zur Ver­län­ge­rung hat er Camo­ra­nesi aus der Mann­schaft genommen, einen Defen­siv­mann, dafür Iaquinta gebracht und mit drei Stür­mern gespielt. Ich habe später zu Lippi gesagt: Was du da gemacht hast, war Hara­kiri.“ Er hat geant­wortet: Nello, ich musste das machen.“ Und er hatte recht.

Wieso?
Nello die Mar­tino: Als Ales­sandro Del Piero ein­ge­wech­selt werden sollte, stand ich direkt neben ihm. Alle haben gedacht, Lippi nimmt Totti raus. Das wäre auch der logi­sche Wechsel gewesen. Aber Lippi hat Totti drin gelassen und Per­rotta vom Feld geholt. In dem Moment habe ich in die Gesichter auf der deut­schen Bank geschaut. Damit hatten sie nicht gerechnet. Das hat sie ver­wirrt. Die Deut­schen wussten gar nicht, wie sie reagieren sollten.

Die Deut­schen haben auf ein Elf­me­ter­schießen spe­ku­liert, wie im Vier­tel­fi­nale gegen Argen­ti­nien. Hat Sie diese Aus­sicht nicht beun­ru­higt?
Nello die Mar­tino: Unser Pres­se­spre­cher stand in der Ver­län­ge­rung neben mir und war so nervös, dass er sich eine Ziga­rette nach der nächsten ange­steckt hat. Bleib ganz ruhig!“, habe ich zu ihm gesagt. Bevor der Schiri abpfeift, schießt Ita­lien das Tor. Mach dir keine Sorgen. Es gibt kein Elf­me­ter­schießen.“ Und dann spielt Pirlo den Ball zu Grosso an den Straf­raum. Grosso ist Linksfuß, genau wie ich. Wenn er von da mit links schießt, hat der Tor­hüter keine Chance. Ich wusste, jetzt ist es vorbei.

Für Deutsch­land war die WM vorbei. Für Ita­lien ging es weiter ins Finale.
Nello die Mar­tino: Nach der letzten Mann­schafts­sit­zung in Duis­burg habe ich gesagt: Jungs, wir fahren nach Berlin. In diesem Sta­dion kenne ich jeden Stein, und ob ihr wollt oder nicht: Es gibt nur eine Mann­schaft, die diesen Pokal holen kann. Das ist Ita­lien.“ Als die Mann­schaft nach der Sie­ger­eh­rung auf dem Podest stand, hat sie mich dazu­ge­holt. Das sind Momente, die du nicht begreifst. Jede Woche bist du in diesem Sta­dion, nie hast du mit Hertha was gewonnen, außer viel­leicht den Schwarz­wald-Cup, und jetzt hältst du diese fünf­ein­halb Kilo Gold in den Händen. Mehr geht nicht. Des­wegen wollte ich auch nicht mit nach Süd­afrika.

Hat man Sie denn gefragt?
Nello die Mar­tino: Ja, aber ich habe gesagt: Wir haben einmal zusammen etwas erreicht, was viel­leicht nie wieder kommt. Lasst uns ein­fach diese Erin­ne­rung bewahren! Wenn wir uns sehen, lieben wir uns und denken an die schöne Zeit. Warum sollen wir uns das kaputt machen?


Nello di Mar­tino, 59, stammt aus der Nähe von Neapel und lebt seit 1971 in Berlin. Er ist Team­ma­nager bei Hertha BSC und betreute bei der WM 2006 die ita­lie­ni­sche Natio­nalelf.