Seite 2: Warum Llorente nie wirklich auffiel

Llo­rentes Kar­riere besteht aus einigen zweiten Plätzen und Tro­phäen, an deren Gewinn er eher im Hin­ter­grund teil­hatte. Bei Ath­letic Bilbao schaffte er es als Jugend­li­cher zu den Profis, er schoss 111 Tore in 327 Spielen. 2009 verlor er mit den Basken das Finale der Copa del Rey gegen Bar­ce­lona, 2012 das End­spiel um die Europa League gegen Atlé­tico Madrid. Mit Juventus Turin unterlag er im Cham­pions-League-Finale 2015, mit Tot­tenham im dies­jäh­rigen gegen Liver­pool. Zwi­schen­durch hatte er zwei wenig beach­tete aber per­ösn­lich durchaus erfolg­reiche Spiel­zeiten, eine beim FC Sevilla (sieben Tore), eine in Swansea (15 Tore). Und in der Natio­nal­mann­schaft? Bei der U20-Welt­meis­ter­schaft in den Nie­der­landen im Jahr 2005 wurde er mit fünf Toren zweit­bester Tor­schützer (hinter einem gewissen Aus­nah­me­spieler aus Argen­ti­nien, über den alle redeten), 2010 mit einem Kurz­ein­satz Welt­meister, zwei Jahre später ohne eine ein­zige Spiel­mi­nute Euro­pa­meister.

Lands­männer wie Andrés Iniesta waren den­noch voll des Lobes für Llo­rente, Gerard Piqué nannte ihn einen beein­dru­ckenden Stürmer“, unter dessen phy­si­schen Fähig­keiten er selbst in der Liga zu leiden hätte. Dass er für die Spa­nier aber ins­ge­samt nicht viel spielte, über­rascht nicht: Als klas­si­scher Mit­tel­stürmer, dessen Stärken vor allem bei hohen Bällen zum Vor­schein kommen, passte er nicht in das System der tech­nisch ver­sierten Kurz­pass­ma­schinen, die sich bis in den Fünf­me­ter­raum kom­bi­nierten.

Zu Bilbao-Zeiten bezeich­nete der Kicker“ Llo­rente einmal als Edel-Bank­drü­cker“. Dabei war er dort eigent­lich jah­re­lang unan­ge­foch­tener Stamm­spieler gewesen, bis er sich nach der Euro­pa­meis­ter­schaft 2012 ver­letzte, in Aritz Aduriz einen starken Kon­kur­renten bekam, schwach trai­nierte und sich mit Trainer Mar­celo Bielsa in die Haare kriegte. Er wech­selte nach Turin, wo er zwar weiter Tore schoss, sich aber in vielen wich­tigen Spielen und auch in Sachen Auf­merk­sam­keit hinter Carlos Tévez und Álvaro Morata anstellen musste. In Sevilla und Swansea war er später zwar meist Stamm­spieler – diese Ver­eine haben aller­dings einen anderen Stel­len­wert als der ita­lie­ni­sche Rekord­meister aus Turin und der eng­li­sche Cham­pions-League-Teil­nehmer aus Tot­tenham. Und so fiel Fer­nando Llo­rente trotz knapp zwei Metern Kör­per­größe nicht mehr beson­ders auf.

Schicksal: Hin­ter­grund

Ein Mit­tel­stürmer fällt nor­ma­ler­weise auf, wenn er trifft. Aber er hat vor­züg­liche Arbeit geleistet“, sagte Vicente del Bosque einmal über Llo­rente, nachdem dieser in einem seiner wenigen Län­der­spiele für die spa­ni­schen Natio­nal­mann­schaft das tat, was ihn aus­zeichnet: Mit seinem kräf­tigen Körper Bälle fest­ma­chen, ablegen und dabei zusehen, wie andere sich ins Ram­pen­licht schießen.

Die vier Wochen bei Tot­tenham, in denen Harry Kane ver­letzt pau­sieren musste, sollten Llo­rentes beste in London sein. Nach Kanes Rück­kehr lan­dete der Spa­nier wieder dort, wo er zuvor die meiste Zeit ver­bracht hatte: Auf der Ersatz­bank. Er wurde zwar regel­mäßig ein­ge­wech­selt, traf aber nicht mehr. Bis zu jenem 17. April, dem Tag der besten Cham­pions-League-Partie der ver­gan­genen Spiel­zeit, in der er zum Mann des Abends wurde.

In Neapel wird Fer­nando Llo­rente sich aller Vor­aus­sicht nach hinter Arka­diusz Milik und Dries Mer­tens anstellen müssen. Aber: Der Klub spielt in der Cham­pions League. Und was wäre dieser Wett­be­werb ohne eine Ein­wechs­lung von Fer­nando Llo­rente?