Thomas Hitzl­sperger, Sie haben dem VfB Stutt­gart 2006/07 – durch ein Traumtor im Meis­ter­schafts­fi­nale gegen Energie Cottbus – den Titel ermög­licht. Wie häufig träumen Sie noch von jenem Moment?
Ab und zu kommen die Bilder natür­lich wieder hoch, gerade wenn mich die Leute auf das Meis­ter­schafts­jahr anspre­chen. Aber mitt­ler­weile ist es nicht mehr ganz so prä­sent wie noch vor ein paar Jahren.

War das Tor mög­li­cher­weise das schönste Ihrer Kar­riere?
Ja, das kann man schon so sagen. Außerdem war es ganz sicher das wich­tigste meiner Kar­riere. Rück­bli­ckend hätte dieser Moment gar nicht besser laufen können.

Wie viele Ver­suche, eine Ecke per Direkt­ab­nahme in die Maschen zu zim­mern, sind im Trai­ning über den Zaun geflogen?
Schwer zu sagen. Im Trai­ning ist mir gele­gent­lich das eine oder andere Vol­leytor gelungen, zwar nicht aus einer Ecke, aber immerhin. Im Spiel schei­tern in schöner Regel­mä­ßig­keit die meisten Spieler bei dem Ver­such per Direkt­ab­nahme das Tor zu treffen, weil der Druck größer ist und der Gegner es oft­mals ein­fach nicht zulässt.

Das Spiel am letzten Spieltag ver­lief zunächst alles andere als geplant. Cottbus ging in Füh­rung und es schien, als würden der Mann­schaft die Nerven flat­tern. Haben Sie selbst die Befürch­tung gehabt, die Meis­ter­schaft im letzten Moment zu ver­spielen?
Zuge­ge­be­ner­maßen: Wir waren nervös. Wir waren damals eine richtig junge Truppe und ich weiß nicht, wie viele Spieler vorher schon einmal eine Meis­ter­schaft erleben durften. Die Anspan­nung in der Woche vor dem Spiel, war inner­halb der Mann­schaft schon deut­lich zu spüren.

Wie hat sich die Ner­vo­sität bemerkbar gemacht?
Wir hatten am Freitag vor dem Spiel unser Abschluss­trai­ning, bei dem es unheim­lich ruhig zuging. Es war eine merk­wür­dige Stim­mung auf dem Platz, fast nie­mand hat etwas gesagt. Für unsere Mann­schaft ein völlig unty­pi­sches Bild. In der gesamten Rück­runde war die Stim­mung im Team sehr aus­ge­lassen und im Trai­ning war es eigent­lich immer laut.

Die Leich­tig­keit, die die junge Stutt­garter Mann­schaft aus­ge­macht hat, war plötz­lich weg?
Nor­ma­ler­weise waren wir immer schon vor dem Trai­ning auf dem Platz und haben Fünf gegen Zwei gespielt. An dem Tag war irgendwie alles etwas anders und ich habe mich am Abend vor dem Spiel gefragt, ob wir unsere Nerven am nächsten Tag in den Griff kriegen würden.

Wie war es um das Ner­ven­kostüm am Spieltag bestellt?
Am Spieltag selbst hatten wir unsere Nerven besser im Griff. Jeden­falls besser als am Tag vorher.

Hat Ihr Trainer Armin Veh ver­sucht, beru­hi­gend auf die jungen Spieler um Sami Khe­dira und Mario Gomez ein­zu­wirken?
Das Gute war, dass Armin Veh nichts an den übli­chen Abläufen ver­än­dert hat. Wir haben unser Pro­gramm durch­ge­zogen, der Trainer hat seine Ansprache gehalten und alles war so wie immer. Ich habe auch schon andere Trainer erlebt, die vor wich­tigen Spielen plötz­lich alles umwerfen und bei dem Ver­such alles richtig zu machen, eigent­lich alles falsch machen.

Ihre Mann­schaft hat sich in der Rück­runde den Druck kaum anmerken lassen.
Wir hatten auch keinen Druck. Die Meis­ter­schaft stand bei uns gar nicht auf dem Zettel. Wir sind zwar gut in die Saison gestartet, aber von der Meis­ter­schaft war nie die Rede. Dass wir tat­säch­lich die Mög­lich­keit haben, Meister zu werden, wurde uns erst in den letzten Wochen bewusst, als wir kurz vor Schluss knapp hinter den Schal­kern lagen.

Die Ver­fol­ger­po­si­tion hat Ihnen letzt­lich die Meis­ter­schaft beschert.
Das war unser Vor­teil. Wir mussten in der gesamten Saison nichts ver­tei­digen, mit uns hat nie­mand gerechnet. Im Laufe der Saison hat sich bei uns ein Gefühl ein­ge­stellt, dass uns nie­mand schlagen kann. Wir hatten inner­halb der Mann­schaft ein Selbst­ver­ständnis, jedes Spiel am Ende doch irgendwie zu gewinnen, wie ich es davor und danach in keiner anderen Mann­schaft mehr gespürt habe. Dieses Gefühl war zwar unaus­ge­spro­chen, aber selbst bei Rück­ständen hatte man nie den Ein­druck, das Spiel am Ende wirk­lich zu ver­lieren.

War das vor­ent­schei­dende Spiel, das gegen den VfL Bochum am vor­letzten Spieltag? Der VfB ist zweimal in Rück­stand geraten und konnte am Ende doch noch mit 3:2 gewinnen.
Das Spiel in Bochum war die Vor­ent­schei­dung. Aus­wärts nach zwei Rück­ständen noch­mals wie­der­zu­kommen zeigt, wie extrem psy­chisch gefes­tigt die Mann­schaft zu jener Zeit war. Jeder hatte das Gefühl: Das packen wir heute!“ Ich glaube, am Ende haben häufig auch die Gegner gespürt, dass gegen uns nichts geht und haben auf­ge­geben.