Wenn man irgendwo zwi­schen Sao Paulo und Porto Feliz an der Bun­des­strasse Marechal Rondon nach rechts abbiegt, erreicht man den Ort, an dem Träume geboren werden. Hier wird sie geschürt: Die Hoff­nung junger, begabter Männer, die eigent­lich noch Kinder sind und von einer Kar­riere und einem bes­seren Leben als Fuß­ball­star fan­ta­sieren. An der Aca­demia Traffic de Futebol“, Bra­si­liens modernster Fuß­ball­schule. Ein rie­siges Areal von 125.000 Qua­drat­me­tern mit ins­ge­samt sieben Spiel­fel­dern, Fit­ness­zen­trum und eigenem Schwimmbad, abge­schieden gelegen in Porto Feliz, je nach Ver­kehr etwa drei Auto­stunden von Sao Paulo ent­fernt.

Despor­tivo Brazil“ heißt der haus­ei­gene Verein der Aka­demie, ein Durch­lauf­er­hitzer für Spieler zwi­schen 11 und 18 Jahren, der mit einem klaren Ziel gegründet wurde: Junge Talente zu formen – und dann auf dem inter­na­tio­nalen Markt mit Höchst­ge­winn zu ver­kaufen. 60 Nach­wuchs­ki­cker sollen hier inner­halb von fünf Jahren von kleinen Jungen zu echten Kerlen werden, deren Status wie­derum eine ganze Genera­tion bra­si­lia­ni­scher Kinder zum Träumen bringt.

Das Früh­stück kommt vom Ernäh­rungs­be­rater

Das zumin­dest ist die Vision von Rodolfo Cana­vesi, seines Zei­chens Vize-Prä­si­dent von Despor­tivo Brazil“. Denn natür­lich steckt hinter einem sol­chen Traum vor allem Mil­lionen von Reais, die mit der Aka­demie schon heute, nur drei Jahre nach ihrer Grün­dung, ver­dient werden. Betreiber der Schule ist die Firma Traffic“, der größte Ver­markter für Fuß­ball­über­tra­gungs­rechte in ganz Latein­ame­rika, der auch eigene Fern­seh­ka­näle betreibt und sogar Zei­tungen her­aus­gibt. Dem Giganten gehören aus­serdem auch meh­rere Fuß­ball­klubs wie die Fort Lau­derdale Stri­kers aus den USA und Estoril Praia aus Por­tugal, letz­tere haben jüngst die Qua­li­fi­ka­tion zur Europa League erreicht.

Für die Jungen beginnt jeder Tag an der Talent­schmiede um sieben Uhr mor­gens mit dem von einem Ernäh­rungs­be­rater zusam­men­ge­stellten Früh­stück. Dann das erste Trai­ning, andert­halb Stunden kicken, schwitzen, um einen Platz in der A‑Mannschaft kämpfen – immer unter den Augen von inter­na­tional erfah­renen Übungs­lei­tern, die unter anderem vom FC Chelsea ein­ge­kauft wurden. Nach­mit­tags folgen Eng­lisch­kurse oder Sit­zungen mit einer Psy­cho­login. Sie mögen gute Spieler sein, aber sie müssen auch fürs Leben geschult werden“, sagt Cana­vesi, der behauptet, alle Jungen in gewisser Weise als seine Söhne“ zu sehen.

Der Haken an der Sache: Diese Söhne“ müssen die Inves­ti­tion von knapp 25.000 Dollar, die sie ihren Vater“ umge­rechnet jähr­lich kosten, natür­lich auch mit ent­spre­chenden Leis­tungen recht­fer­tigen. Wer zurück­fällt, wird eher früher als später aus­sor­tiert: Was zählt, ist die Ent­wick­lung und der Ver­kauf von Indi­vi­duen. Wenn ich pro Jahr­gang fünf bis sechs Spieler ver­kaufen kann, mache ich Profit.“ Lucas Even­ge­lista, 18 Jahre alt, ist einer dieser Gold­esel, die den Sprung von Despor­tivo Brazil“ ins Pro­fi­ge­schaeft geschafft haben. Mitt­ler­weile kickt er für Corinthinas Sao Paulo in der ersten bra­si­lia­ni­schen Liga, seine Dienste waren dem Klub eine Mil­lionen Dollar wert. In zwei Jahren wird er 20 Mil­lionen wert sein“, freut sich Cana­vesi und reibt sich die Haende, dann wird Traffic“ wieder ver­dienen: An jedem Spieler ver­kauft die Firma nur 50 Pro­zent der Rechte, bei jedem Transfer klin­gelt also die Kasse.

Auf den Jungen lastet dabei ein fast über­mensch­li­cher Druck, sich beweisen zu müssen, die meisten kommen aus bit­ter­armen Fami­lien, für die ihre Söhne die ein­zige Mög­lich­keit eines gesell­schaft­li­chen Auf­stiegs dar­stellen. Sehr groß­zügig gerechnet, wird sich nur etwa die Hälfte der Talente diesen Traum einmal einmal wirk­lich erfüllen können. Der Rest wird wieder nach Hause geschickt und später viel­leicht von einem dubiosen Berater, von denen es in Bra­si­lien zahl­lose gibt, nach Vietnam, China oder Indien ver­ramscht – pro Trans­fer­pe­riode ver­lassen etwa 1000 bra­si­lia­ni­sche Spieler ihre Heimat Rich­tung fuß­bal­le­ri­sche Bedeu­tungs­lo­sig­keit.

Eine Infra­struktrur, die selbst die Profis nicht bieten können

Wir hier maxi­mieren die Chancen dieser Jungs, einmal Pro­fi­status zu errei­chen“, sagt Cana­vesi des­halb auch nicht ohne Stolz. Wir haben die beste Infra­struktur, solche Bedin­gungen können manche Klubs nicht mal ihren Profis bieten.“ Des­halb ver­dient jeder der kleinen Fuß­ball-Stars hier auch schon etwas Geld, die viel­ver­spre­chendsten Spieler bekommen bis zu 2000 Euro im Monat, ein Viel­fa­ches des durch­schnitt­li­chen bra­si­lia­ni­schen Monats­ge­halts.

Doch dieser Son­der­status birgt auch Gefahren, erst kürz­lich warf die Aka­demie einen Jungen raus, weil der plötz­liche Ruhm ihm zu Kopf gestiegen war. Sein schlechtes Sozi­al­ver­halten war für die Schule nicht mehr tragbar. Dabei spielte er sogar für die Jugend-Natio­nal­mann­schaft, doch dann war schon wieder alles vorbei. Er hat uns ange­fleht, wie­der­kommen zu dürfen, doch in sol­chen Fällen müssen wir hart bleiben“, so Cana­vesi über den Vor­fall. Er kickt jetzt bei einem anderen Team.“

Uns inter­es­siert nur Profit“

Traffic“ hin­gegen expan­diert weiter, für eine sprich­wört­lich gol­dene Zukunft plant man jetzt schon Fuß­ball­schulen in Län­dern wie Kanada, Aus­tra­lien und Saudi-Ara­bien. Und viel­leicht reicht es fuür einen der Jungs bald auch einmal für den ganz großen Traum: Der eng­li­sche Meister Man­chester United ist an der Aca­demia Traffic de Futebol“ als Scou­ting-Partner betei­ligt und hält die Optionen auf einen vor­teil­haften Kauf eines jeden viel ver­spre­chenden Spie­lers.

In 10 Jahren“ so träumt Cana­vesi, wird unsere Aka­demie die beste Fuß­ball­schule in Latein­ame­rika sein. Jeder Spieler wird dann mit einem beson­deren Qua­li­täts­prä­dikat von uns gehen.“ Worum es ihm per­sön­lich dabei geht, daraus macht er erst gar kein Geheimnis: Wir sind Geschäfts­leute“, sagt er und ent­blößt lächelnd seine tadellos weißen Zähne. Uns inter­es­siert nur der Profit!“

—–
Robin Hart­mann ist freier Jour­na­list und berichtet aktuell u.a. für das Pro­jekt Once Amigos“ der Deut­schen Welle vom Con­fe­de­ra­tions Cup in Bra­si­lien