Seite 2: „Durch die Erfolge verloren wir die Reformen aus den Augen“

Aber letzt­lich werden Sie als Coach an Erfolgen gemessen. Zehrt es nicht an den Nerven, wenn Sie auf Ihre besten Spieler ver­zichten müssen: Leroy Sané, Kai Havertz, Julian Brandt, Timo Werner und Thilo Kehrer haben Sie bereits an Jogi Löw ver­loren.
Mein Job ist es, Spieler so zu ent­wi­ckeln, dass wir sie an die A‑Nationalelf wei­ter­rei­chen können. Des­halb käme ich nie auf die Idee, ego­is­tisch zu denken: Ich will um jeden Preis Euro­pa­meister werden, also brauche ich die besten Spieler, auch wenn einige bei Jogi Löw schon viel besser auf­ge­hoben sind.

Sie sagen, die Zusam­men­ar­beit mit den Erst­li­gisten sei sehr gut. Aber es muss Sie doch nerven, wenn etwa beim BVB aus­län­di­sche Jung­ta­lente wie Chris­tian Pulisic, Jaden Sancho oder Abdou Diallo Stamm­spieler sind und Levin Özt­u­nali oder Mahmoud Dahoud auf der Bank sitzen.
Das ändert nichts daran, dass die Zusam­men­ar­beit gut ist. Mich rufen regel­mäßig Bun­des­li­ga­trainer an, geben mir Hin­weise zur aktu­ellen Form und fragen, ob ich mit ihren Jungs an bestimmten Schwä­chen feilen kann.

Und über Ein­satz­zeiten reden Sie nicht?
Nochmal: Wer spielt, ent­scheiden die Ver­eine. Wenn mich aber ein junger Spieler fragt, wohin er wech­seln soll, sage ich: Dahin, wo du am meisten spielst.“ Denn Ein­satz­zeiten sind in diesem Alter viel wich­tiger als Geld. Bestes Bei­spiel: Flo Neu­haus. Der ist ein Jahr zurück in die zweite Liga gegangen, hat viele Spiele für For­tuna Düs­sel­dorf gemacht und wurde nun auf Anhieb Stamm­spieler in Mön­chen­glad­bach.

Aber Neu­haus ist eher die Aus­nahme als die Regel.
Es gibt auch viel Anlass zur Hoff­nung. Schauen Sie wie Luca Wald­schmidt in Frei­burg zur Gel­tung kommt. Oder Marco Richter! Ihn hatten wir vor einem Jahr noch gar nicht so auf der Rech­nung – und was für eine Ent­wick­lung hat der in Augs­burg gemacht. Es gibt nicht nur Typen wie Kai Havertz, der mit seinem Talent mal eben die U21 über­springt, son­dern auch Spät­ent­wickler.

Gibt es Klubs, die der Ent­wick­lung junger Spieler beson­ders ent­ge­gen­kommen? Luca Wald­schmidt macht in Frei­burg eine bes­sere Figur als beim HSV.
Gene­rell lässt sich sagen, dass Ver­eine, in denen großer Druck herrscht, nicht gerade ideal für die Ent­wick­lung junger Spieler sind. Wenn die Phi­lo­so­phie eines Klubs darauf aus­ge­richtet ist, ein Talent so intensiv zu för­dern, dass es nach und nach sein volles Leis­tungs­ver­mögen erreicht, ist es natür­lich von Vor­teil.

Die A‑Nationalelf schei­terte bei der WM 2018 in der Vor­runde, die U19 ver­passte das EM-Ticket und die U17 hat sich nur mit Müh und Not für die EM qua­li­fi­ziert. Warum ist der deut­sche Fuß­ball inter­na­tional nicht mehr erste Wahl?
Es kann schon sein, dass wir durch die großen Erfolge der A- und U‑Nationalmannschaften zwi­schen­zeit­lich die Reformen ein biss­chen aus den Augen ver­loren haben.