Seite 4: „Auch Negativerlebnisse bringen einen Menschen weiter“

Das heißt, Sie stellen im Zweifel den Lern­ef­fekt über den sport­li­chen Erfolg?
Die Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung eines jungen Spie­lers ist min­des­tens so wichtig wie die Ath­letik und das tak­ti­sche Ver­ständnis. Das soll nicht heißen, dass ich gern ver­liere. Aber ich glaube, dass bestimmte Nega­tiv­erfah­rungen einen Men­schen wei­ter­bringen. Und wir können mit Stolz sagen, dass wir viel­leicht nicht jedes Tur­nier gewinnen, aber im Gegen­satz zu anderen Nationen eine hohe Zahl von Abitu­ri­enten im Team haben. In unseren Eli­te­schulen sind wir uns bewusst, dass es pas­sieren kann, dass einer mit 14, 16 und 18 Jahren ein Top­ta­lent ist, aber mit 20 plötz­lich den Fuß nicht mehr vor der anderen bekommt. Und dann ist es gut, wenn er neben dem Fuß­ball eine Aus­bil­dung gemacht hat und eine andere Lauf­bahn starten kann.

Warum stellt die DFL kein Geld für die Wei­ter­bil­dung von Jugend­trai­nern zur Ver­fü­gung? Letzt­lich würden doch alle Ver­eine davon pro­fi­tieren.
Da prallen Inter­essen auf­ein­ander. In Eng­land gibt es nun einmal viel mehr TV-Geld. Aber warten Sie es ab, Ende Juni kommen die Reform­vor­schläge. Und dann werden wir sehen, was die Klubs davon über­nehmen.

Können wir den­noch fest­halten, dass dem DFB zuletzt einige Jahr­gänge ver­loren gegangen sind?
Was wir sagen können, ist, dass wir in einigen Jahr­gängen nicht mehr auf Anhieb vier, fünf Spieler der Kate­gorie Kai Havertz haben. Anders gesagt: 17‑, 18- und 19-Jäh­rige, die direkt zu den Profis durch­schießen, gibt es weniger als in den Jahren zuvor.

Heißt das im Umkehr­schluss, dass die deut­sche Natio­nalelf erst einmal kein Abo mehr aufs Halb­fi­nale bei großen Tur­nieren haben wird?
Die Pro­gnose fällt mir schwer. Denn wir haben eine junge Mann­schaft, die 2017 den Confed Cup gewonnen hat. Dass da etliche gestan­dene Spieler dabei sind, hat zuletzt auch das Spiel in der EM-Quali in den Nie­der­landen gezeigt. Und von der U21 kommen dem­nächst noch ein paar gute dazu.

Aber in fünf Jahren wird’s dann dünn?
Keine Ahnung, auch da müsste ich die Glas­kugel befragen.

Auf wel­chen Posi­tionen fehlen in Deutsch­land denn aktuell die Alter­na­tiven?
Wenn ich meinen Kader anschaue, würde ich am ehesten sagen: im Angriff. Da habe ich der­zeit keinen, der in seinem Verein Stamm­spieler ist und in der Saison immer seine 15 Hütten macht. Das ist eine Posi­tion, die uns fehlt.

Inwie­weit wirkt sich eigent­lich der Rück­tritt von Rein­hard Grindel auf Ihre Arbeit aus?
Inhalt­lich über­haupt nicht, aber natür­lich trägt diese Causa dazu bei, dass der Reform­wille im Ver­band gestärkt und das Weiter-So“-Gefühl abge­schwächt wird. Und das ist eine gute Basis.

Sie selbst haben schon als 20-Jäh­riger zwi­schen 32 und 34 Spiele pro Saison in der Bun­des­liga bestritten. Ist es normal, dass deut­sche Talente heute erst später in Gang kommen?
Meine Aus­bil­dung war ganz anders. Wir konnten uns frei als Per­sön­lich­keit ent­wi­ckeln, weil wir mitten im Leben standen. Heute haben die Jungs im NLZ einen kom­plett durch­ge­tak­teten Tages­ab­lauf, da bleibt fürs nor­male Leben oft wenig Zeit. Dafür sind die Jungs heute vom Ath­le­ti­schen und Fuß­bal­le­ri­schen optimal geschult. Wir müssen zusehen, dass die men­tale Ent­wick­lung damit Schritt hält. Kurz gesagt: Wenn einer Talent hat, muss er auch die Wider­stands­fä­hig­keit und den Ehr­geiz aus­bilden, um immer wei­ter­zu­kommen. Nur wer ver­steht, dass man als Profi jeden Tag aufs Neue an sich arbeiten muss, schafft den Sprung vom Talent zum Bun­des­li­ga­spieler und nimmt irgend­wann auch die Hürde zum Natio­nal­spieler. Aber das gelingt nun mal nicht jedem her­aus­ra­genden Talent.

Sie waren ein Spieler, der stark über den Willen kam. Ist das der Grund, warum Sie diesen Job machen?
Stimmt, mein Talent war allen­falls Durch­schnitt, was ich damit erreicht habe, war weit überm Schnitt. Des­wegen bin ich der Ansicht, dass Men­ta­lität genauso viel mit Talent zu tun hat wie ein starker rechter Fuß oder Pass­ge­nau­ig­keit. Wie sonst ist es mög­lich, dass ein Land wie Kroa­tien mit acht Mil­lionen Ein­woh­nern ein WM-Finale erreicht?

Gibt es Bereiche, in denen Sie Ihre jungen Kicker als 56-Jäh­riger nicht mehr ver­stehen?
Das fängt bei der Kabi­nen­musik an und hört beim Fri­seur auf. Letzte Frage: Wel­cher von Ihren Jungs wird bei der WM 2022 oder der EM 2024 – vor­aus­ge­setzt er ver­letzt sich nicht – sicher spielen? Wenn ich jetzt Namen nenne, hilft es keinem der Jungs. Des­wegen lasse ich es bleiben.

Und wie weit werden Sie es im Juni in Ita­lien schaffen?
Unser Ziel ist, die Grup­pen­phase zu über­stehen und ins Halb­fi­nale vor­zu­dringen. Und dann schauen wir mal …

Das Inter­view mit Stefan Kuntz erscheint flan­kie­rend zu unserer großen Heft­re­por­tage Die Erben Mbappés“, für die wir die einige Tage die Eli­te­schule des fran­zö­si­schen Ver­bands in Clai­re­fon­taine besucht haben. Jetzt in Ausgabe#211. Überall, wo es Zeit­schriften gibt und im 11FREUNDE-Shop