Seite 4: „ Echte Pharaonen gibt es kaum mehr“

Eine Beson­der­heit, die einige Ihrer Spieler nur für kurze Zeit zu wissen schätzen. Aktuell ver­ließen mit David Kin­sombi, Atakan Karazor und King­sley Schindler drei abso­lute Leis­tungs­träger den Verein. Trainer Tim Walter schloss sich Liga­kon­kur­rent VfB Stutt­gart an. Fühlen Sie sich wie Sisy­phus, der den Stein immer wieder den Berg rauf­rollen muss?
Nein, Kin­sombi und Schindler fehlten uns mit schweren Ver­let­zungen bereits in der gesamten Rück­runde. Wir sind geübt darin, in der lau­fenden Aktion Lösungen für die­je­nigen Spieler zu finden, die sich zu Höherem berufen fühlen. Das gehört zur DNA des Ver­eins und ist eine Qua­lität, die uns im Wett­be­werb erheb­lich wei­ter­hilft. Auch der Ver­lust von Tim Walter hat uns nicht unvor­be­reitet getroffen. Über die Ambi­tionen des Trai­ners, ohne dass er sie selbst geäu­ßert hätte, wurde schon seit März eifrig geschrieben.

Mit Andre Schu­bert hat Hol­stein Kiel einen neuen Coach. Einer, von dem es heißt, dass er zuletzt bei Ein­tracht Braun­schweig Pro­bleme inner­halb der Mann­schaft hatte.
Im schnell­le­bigen Fuß­ball ist Andre Schu­bert ein sehr erfolg­rei­cher Trainer. Er ist mit Pader­born auf­ge­stiegen. Er hat eine starke erste Saison mit dem FC St. Pauli gespielt. Er hat Glad­bach auf dem 18. Platz über­nommen und ist in die Cham­pions League ein­ge­zogen. Er hat Braun­schweig mit neun Punkten hinter dem Strich noch vor dem Abstieg gerettet. Auf dem Papier ist das ziem­lich erfolg­reich.

Gerade Sie sollten sich doch eigent­lich nicht vom Papier täu­schen lassen.
Genau, und des­halb halten wir uns an die Fakten. Schu­bert weiß, welche Auf­gaben ihn bei uns erwarten. Wir haben unsere Ziele intensiv bespro­chen: Also fri­schen, offen­siven, antriebs­freu­digen Fuß­ball erhalten. Und oben­drein ist uns wichtig: Auch Schu­bert hat in Pader­born, beim DFB und in Glad­bach Aus­bil­dungs­ar­beit betrieben. Auf dieses Hand­werk legen wir hier in Kiel sehr viel wert.

Andre Schu­bert gilt als sehr ehr­geizig.
Ja, das passt. Der Umgang mit der Mann­schaft, die Ansprache und die Arbeit auf dem Platz ist durchweg pro­fes­sio­nell.

Sie ver­pflich­teten im Nach­gang auch Fabian Boll als Co-Trainer. Um Schu­bert einen Part für die gute Laune an die Seite zu stellen?
Ja, denn das wich­tigste im Spiel ist die Freude (lacht).

Es gibt im Fuß­ball die Denk­weise, dass es bei einem Trai­ner­wechsel auch einen Cha­rak­ter­wechsel benö­tigt. Auf einen Tak­tierer sollte zum Bei­spiel ein Moti­vierer folgen.
Was sich auf dem Markt ablesen lässt, ist der ver­läss­liche Wechsel von Alt auf Jung. Nach einem Hau­degen heißt es im Manage­ment immer: Wir brau­chen jetzt einen jungen, inno­va­tiven Trainer. Danach braucht es wieder einen Rou­ti­nier, der die Abläufe kennt und das Spiel mit den Medien beherrscht. Das ist häufig das­selbe.

Ihrem Gesichts­aus­druck nach zu urteilen, können Sie das nicht immer ganz nach­voll­ziehen.
Echte Pha­raonen gibt es heut­zu­tage kaum mehr. Nie­mand agiert mehr als Allein­herr­scher. Jeder Mensch hat seine eigene Art und seine Kern­kom­pe­tenzen. Aber es wird keinen Trainer mehr geben, der alles auf sich ver­eint. Auch bei unserer Trai­ner­suche. Ich muss gestehen, dass ich wäh­le­risch bin. Ich wollte jemanden, der eine Ver­bin­dung zu den Spie­lern auf­baut, der im rich­tigen Moment Härte zeigt, in jedem Moment die rich­tige tak­ti­sche Ent­schei­dung fällt und der ein­zelne Spieler und den Team­ver­bund besser macht.

Und Manager?
Für die ist jeder Arbeitstag viel zu kurz. Ich hatte mir immer vor­ge­nommen, die Spiele unserer A- und B‑Junioren zu beob­achten, auch die C‑Jugend inter­es­siert mich. Aber ich schaffe es ein­fach nicht. Ich habe ja auch zwei Kinder, die sehe ich viel zu selten. Aber wichtig ist, dass ich die Ein­sicht habe und über­lege: Wen hole ich mir an die Seite, um diese Schwäche zu kom­pen­sieren? Genauso wie es unser Trainer jetzt auch macht.

Wes­halb Fabian Boll jetzt Co-Trainer ist?
Dass Andre Schu­bert seine Stärken und aber auch Schwä­chen kennt, ist für mich ein starker Beweis von Pro­fes­sio­na­lität.

Aber hat Hol­stein Kiel nun einen Cha­rak­ter­wandel auf der Trai­ner­po­si­tion vor­ge­nommen?
Ent­schei­dend ist doch, was die Mann­schaft braucht, was die Mann­schaft mit ihren unter­schied­li­chen Typen vor­an­bringt. Ich glaube grund­sätz­lich, dass Abwechs­lung einer Mann­schaft guttut. Aber das ist abhängig von der Struktur eines Kaders. Ist die Mann­schaft bereit für einen Tak­tik­fa­na­tiker? Oder läuft es über die Emo­tion? Sollte man die Jungs anschreien oder in aller Ruhe den Aus­tausch suchen? Wir haben sehr viele intel­li­gente Spieler. Fast jeder hat Abitur. Hauke Wahl, der für den Spiel­aufbau zuständig ist, hat ein fan­tas­ti­sches Einser-Abi. Solche Spieler setzen sich sehr intensiv mit ihrem Sport auf allen Ebenen aus­ein­ander, sind auf­nahme- und lern­fähig. Dass Hauke nun des­halb besser funk­tio­niert, weil ein Intel­lek­tu­eller auf der Bank sitzt, ist völ­liger Quatsch. Fuß­ball ist Volks­sport Nummer 1, weil es zur Spiel­in­tel­li­genz keinen Numerus Clausus braucht.