Seite 3: „Den Jungs wird einfach alles abgenommen“

Aber wenn Sie jetzt doch einen Namen nennen müssten?
Dann: Elvis Rexh­becaj.

Warum?
Als ich nach Wolfs­burg kam, fing er auch gerade an. Und als ich ging, war er immer noch dort. Elvis hinkte in der bio­lo­gi­schen Ent­wick­lung stets hin­terher; und das in einer Zeit, als der Fuß­ball gerade sehr viel ath­le­ti­scher wurde. Er hatte auch mal län­gere Phasen auf der Bank ver­bracht. Aber Elvis hat uns alle begeis­tert, weil er nie auf­ge­steckt hat. Nach fünf Wochen auf der Bank ist Elvis im Trai­ning immer noch am meisten gelaufen.

Und dann wurde er belohnt?
Von wegen, Aus­bil­dungs-Fuß­ball tickt anders. Im Mit­tel­punkt steht immer die Suche nach einem neuen Makel. Ja, toller Spieler, mit viel Herz dabei. Doch schade, …“

Er war also schon abge­schrieben?
Ja, quasi. Die Kader werden ja vor jeder Saison neu zusam­men­ge­stellt und da wurde es einige Male ganz schön eng für ihn. Noch bei den A‑Junioren gab es große Zweifel. Aber wir ent­schlossen uns, es zu pro­bieren. Und mitt­ler­weile spielt er für den VfL regel­mäßig in der Bun­des­liga. Ich hätte ihn gern bei uns in Kiel.

War es för­der­lich, dass sein Vater wäh­rend­dessen beim VfL die Spiel­felder gemäht hat?
Ich bin über­zeugt davon, dass es grund­sätz­lich för­der­lich ist, wenn die Eltern in der Nähe leben.

Sie boten dem Vater einen Job an, weil sie Elvis Rexh­becaj unbe­dingt haben wollten. Fast hätte er es nicht geschafft. Zeigt das nicht auch, welche extremen Mittel im Jugend­fuß­ball herr­schen?
Solche Fälle gibt es ja überall – und sie gehen eher selten positiv aus. Es gibt genü­gend Junio­ren­spieler, um die sich Ver­eine vor Jahren gerissen haben, deren Väter gar plötz­lich von den Klubs ihrer Söhne als Scout beschäf­tigt wurden. Und jetzt spielen sie nur in der Regio­nal­liga. Trotzdem ist es in der heu­tigen Zeit so: Wenn von den fünf, sechs Spie­lern nur einer in die Bun­des­liga kommt, dann hat sich alles gelohnt. Alles.

Ist das so?
Das ist eine ein­fache Rech­nung. Wenn ein Jugend­spieler in der Bun­des­liga spielt, mög­li­cher­weise oben­drein in der Natio­nal­mann­schaft und dann in der heu­tigen Zeit zu einem zwei­stel­ligen Mil­lio­nen­be­trag den Verein wech­selt, dann hat sich alles amor­ti­siert: Die Trai­nings­plätze, die neuen Umkleiden, die Fahrt­kosten. Alles.

Alle anderen bleiben auf der Strecke. Ist das nicht schon bei der Anwer­bung schein­heilig?
Nein, denn ver­spre­chen kann man den Jungs nichts. Wir haben uns in Wolfs­burg stets best­mög­lich bemüht, alle unsere Spieler sowohl fuß­bal­le­risch als auch schu­lisch wei­ter­zu­bilden. Dass nur der kleinste Teil aller Aus­bil­dungs­spieler später den Durch­bruch schafft, ist allen bekannt, scho­ckiert also nie­manden. Ich habe ohnehin den Ein­druck, dass auch gar nicht mehr alle – selbst bei guten Aus­sichten – den letzten Ehr­geiz in sich tragen, oben ankommen zu wollen.

Woran könnte das liegen?
An den Kom­fort­zonen, in die diese rundum-ver­sorgten jungen Leute in den Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren ein­ge­bettet werden. Auch an den Ver­än­de­rungen in unserer Gesell­schaft. Der Fuß­ball als Mög­lich­keit des sozialen Auf­stiegs ist zwar nicht ent­zau­bert, hat jedoch für die große Mehr­heit an Rele­vanz ein­ge­büßt. Vielen, fast allen, geht es auch so gut. Wenn man aber sieht, aus wel­chen Kon­flikt­herden die heu­tigen Topp­rofis kommen, dann ist eine Ten­denz erkennbar.

Und zwar?
Dies sind dann die wahren Auf­stei­ger­ge­schichten. Elvis Rexh­becaj ist ein Flücht­lings­kind aus dem Kosovo. Hat dort Nächte in Luft­schutz­bun­kern ver­bringen müssen. Der Vater ist dankbar, zu jeder Tag- und Nacht­zeit arbeiten zu dürfen. Diese Belast­bar­keit seines Vaters hat Elvis adap­tiert und kon­di­tio­niert. Diese Bereit­schaft fehlt mitt­ler­weile vielen.

In Ihrer Zeit als Leiter des Nach­wuchs­zen­trums des VfL Wolfs­burg haben Sie einst gesagt: Die Stadt ist für Fuß­baller ideal, weil Sie keine Ablen­kung bietet.“
Wolfs­burg ist kein Dorf. Son­dern dank VW eine Groß­stadt, die die euro­päi­sche Wirt­schaft mit­be­stimmt. Wolfs­burg ist ein Umschlags­platz für Geld und Bezie­hungen. Der Fuß­ball hat davon eine Menge abbe­kommen: Die gesamte Infra­struktur – mit den Trai­nings­plätzen und der Arena – ist per­fekt. Des­halb ist Wolfs­burg als Akti­ons­feld für eine fuß­bal­le­ri­sche Aus­bil­dung ideal.

Abge­schottet von der nor­malen Welt…
In Wolfs­burg kann sich jeder auf Fuß­ball kon­zen­trieren, somit besser werden. Doch was pas­siert im Kopf? Selbst­mo­ti­va­tion und Boden­stän­dig­keit gehen ver­loren. Viele Talente rea­li­sieren nicht mehr, was außer­halb der Trai­nings­zen­tren pas­siert. Das ist ein Pro­blem vieler gut­si­tu­ierter Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren: Den Jungs wird ein­fach alles abge­nommen. Es ist für alles gesorgt, bloß keine Pro­bleme.

Beliebte Anek­dote aus der Redak­tion. Als wir Julian Draxler besuchten, fragte er, wo wir in Wolfs­burg schon gewesen wären. Ein Kol­lege sagte: Am Bahnhof. Draxler ent­geg­nete: Dann habt ihr ja alles gesehen.
Der Bahnhof ist beliebt. Wer die Anony­mität sucht, fährt mit dem ICE in die Haupt­stadt. Man kennt ja die Geschichten von Bendtner, Kruse, Geld im Taxi. Ich bin damals zwei, drei Mal in der Woche in meine Heimat Berlin gepen­delt, wo meine Familie lebt. Eine Stunde bis nach Berlin. Im Zug kannte man sich, es waren ja immer die glei­chen Gesichter.

Gibt es eine Art Fuß­ball-Abteil?
(lacht.) Die 1. Klasse.

Keine Ablen­kung – ist das auch ein Argu­ment für Spieler, die Sie jetzt als Geschäfts­führer Sport nach Kiel locken wollen?
Wolfs­burg und Kiel haben nicht viel gemeinsam. Kiel ist schon beson­ders, sehr viel­fältig, facet­ten­reich, lebendig. Uni, Hafen, Hand­ball – alles quasi auf Welt­ni­veau. Eine Stadt mit Strand. Alle Spieler und Mit­ar­beiter, die zum ersten Mal hier waren, sind sofort begeis­tert. Meine Woh­nung liegt 100 Meter von der Förde ent­fernt. Ich gehe manchmal mor­gens hin­unter, sehe dabei Segel­yachten, Kreuz­fahrt­schiffe und Fähren an mir vor­bei­schip­pern. Das ist etwas Beson­deres, das macht den Kopf frei.