Fabian Wohl­ge­muth, Sie kamen vor einem Jahr gemeinsam mit Tim Walter zu Hol­stein Kiel. Wie war die Zusam­men­ar­beit mit ihm?
Das letzte Jahr war sehr intensiv, sehr spe­ziell. Tim Walter und ich kamen recht spät dazu. Hol­stein steckte noch die ver­lo­rene Rele­ga­tion in den Kno­chen. Knapp vier Wochen waren es bis zum Trai­nings­start und unser Kader umfasste ganze zwölf Spieler. Für uns, die wir beide selbst gerade den Schritt aus dem Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren gemacht hatten, war dies eine mitt­lere Feu­er­taufe. Wir kannten die Abläufe, hatten aber den rele­vanten Spie­ler­markt in seiner Aktua­lität nicht durch­drungen. Da war die Kon­kur­renz schon erheb­lich weiter. Aus Mangel an Zeit, waren wir darauf ange­wiesen, die Lösungen für unsere Lücken im Kader mit viel Fan­tasie zu schließen.

Können Sie das an einem Bei­spiel fest­ma­chen?
An unseren Stür­mern: Mit Marvin Ducksch und Domi­nick Drexler hatten wir 40 Tore an die Kon­kur­renz ver­loren. Wir brauchten min­des­tens zwei Spieler für das Sturm­zen­trum. Ver­läss­liche Tor­schützen waren im Juni natür­lich längst ver­griffen – oder unbe­zahlbar. Tim Walter und ich kannten Janni Serra aus der Jugend. Beim VfL Wolfs­burg wollten wir ihn sei­ner­zeit für die U17 ver­pflichten, als er noch Innen­ver­tei­diger spielte. Er ent­schied sich damals für Borussia Dort­mund – und wurde dort zum Stürmer umfunk­tio­niert. Wir wussten, dass er zuletzt weniger Spiel­praxis hatte, aber wir wollten unbe­dingt einen defensiv arbei­tenden Stürmer haben. Also waren wir uns einig.

Und der zweite Stürmer?
Dafür schauten wir in die 3. Liga, gingen die Kan­di­da­ten­liste durch. Auch dort waren die meisten Stürmer nicht mehr auf dem Markt. Ben­jamin Girth schon. Ein Straf­raum­stürmer, der mit einem Kon­takt das Tor macht, aus dem Bauch heraus ent­scheidet – den brauchten wir. Nach 20 Jahren im deut­schen Ver­eins­fuß­ball ist es zwangs­läufig so, dass sich die Wege mehr­fach kreuzen. Girth war uns damals beiden schon als Junio­ren­spieler in Mag­de­burg bekannt.

Die Süd­deut­sche Zei­tung“ schrieb, dass sich Kiel am ungüns­tigsten Platz der Nah­rungs­kette befände. Stimmt das?
Ich habe das nicht gelesen und wäre gespannt zu erfahren, was uns dafür aus Sicht der Süd­deut­schen Zei­tung“ so qua­li­fi­ziert. Unsere Puf­fer­zone für Fehl­ent­schei­dungen ist sicher nicht beson­ders kom­for­tabel. Wir müssen genau hin­schauen und können rein wirt­schaft­lich betrachtet auch nicht mit dem ganz dicken Pinsel malen. Des­halb gehören auch Leih­spieler aus den Kadern der Erst­li­gisten zu unserer Ziel­gruppe. Dabei exis­tiert die große Chance, für einen abge­steckten Zeit­raum erst­klas­sigen Fuß­ball noch für zweit­klas­siges Geld zu bekommen. Da haben wir ein gutes Gespür bewiesen. Ich sehe uns in diesem Sinne nicht benach­tei­ligt.

Träumen Sie nicht davon, auch mal von Nach­hal­tig­keit spre­chen zu können?
Die 2. Bun­des­liga ist eine Sprung­brett­liga. Wer dort auf­fällt, wird nicht dau­er­haft in Kiel zu halten sein. Den­noch geht es für uns darum, schritt­weise zu einer festen Größe im deut­schen Profi-Fuß­ball zu werden. Das wird nicht ohne Kom­pro­misse mög­lich sein. Den­noch, nichts ist not­ge­drungen; alles, was bei uns geschieht, ist Teil unserer Stra­tegie. Dazu gehören auch wei­terhin ganz grund­sätz­liche Themen.

Welche?
Wir haben mit rund 4 Mil­lionen Euro den höchsten Gewinn aller Zweit­li­gisten erzielt. Doch unsere Mann­schaft trai­niert auf den­selben Plätzen, die vor 35 Jahren ange­legt wurden. Keine Drai­nage, kein gesäter Rasen. Also fließt nicht einmal die Hälfte unserer Trans­fer­erlöse in den Neu­aufbau der Mann­schaft zurück. Statt­dessen: Zwei neue Rasen­plätze mit Hei­zung und Flut­licht. Und wir haben eine vierte Tri­büne gebaut.

Dass Leon Goretzka ein fan­tas­ti­scher Fuß­baller ist, sieht jeder. Aber wie findet man eigent­lich einen guten Zweit­li­ga­spieler für Hol­stein Kiel?
Wie gesagt, wir sind gezwungen, genau hin­zu­schauen, prüfen bei einem Kan­di­daten – soweit das mög­lich ist – jedes Detail. Dabei geht es eben nicht nur um das aktu­elle Leis­tungs­bild, son­dern auch und gerade um das, was wir einem Akteur auf­grund seines Poten­zials und mit Blick auf die Gemenge­lage in Kiel zutrauen. Wäh­rend bei jungen Spie­lern immer Aus­schläge nach oben und unten zu sehen sind, bringt ein gestan­dener Profi in aller Regel ein ver­läss­li­ches Min­destmaß an Leis­tung. Aber im Nor­mal­fall kommen exakt diese Spieler eben nicht nach Kiel. Sie landen bei den Großen: Stutt­gart, HSV, Han­nover 96, Nürn­berg.

Warum?
Wir bewegen uns hier in einem harten Wett­be­werb um Gehälter und Prä­mien, den wir in der Liga­spitze öko­no­misch nicht bedienen können. Des­halb müssen wir alter­na­tive Wege finden. Wir müssen zuschlagen, wenn Ent­wick­lungen noch in ihrem Anfangs­sta­dium sind, unsere Erfah­rungen und Intui­tion mit ein­bringen. Und natür­lich ver­su­chen wir, unsere Per­so­nal­ent­schei­dungen auf ein breites Fun­da­ment zu stellen und betei­ligen an diesem Pro­zess sämt­liche Kom­pe­tenzen inner­halb unseres Ver­eins.

Wie schätzen Sie die Leis­tungs­dichte in der Liga ein?
Als sehr hoch. Das macht es mitt­ler­weile noch schwie­riger, die rich­tigen Spieler zu fil­tern. Wenn man jedoch fündig geworden ist, gestaltet sich der nächste Schritt – hin auf ein höheres Leis­tungs­ni­veau – ein­fa­cher. Das ist zum Bei­spiel beim SC Pader­born vor­treff­lich gelungen: Kai Pröger star­tete noch für Rot Weiss Essen in die Spiel­zeit, Sebas­tian Vasi­liadis kam vom VfR Aalen. Beide wurden den­noch geholt und spielen jetzt in der 1. Bun­des­liga – eine echte Meis­ter­leis­tung.

Also geht auch Ihr Blick in die unteren Ligen?
Es wird zum Knie-Schuss, einen gestan­denen Zweit­li­ga­profi mit großen Anstren­gungen zu uns zu holen, der am Ende nur noch seine Kar­riere ver­walten möchte. Die 3. Liga hat den höchsten Alters­schnitt, dort sind viele gute Spieler aktiv, die aber den Sprung nach ganz oben nicht gepackt haben. Statt­dessen suchen wir auch dort allein Spieler, die hoch moti­viert, hungrig und gierig sind, Erfolg zu haben. Viele Zweit­li­gisten schauen sich jetzt öfter in den Regio­nal­ligen um und holen dort junge, ambi­tio­nierte Spieler. Alle hoffen, das große Los zu ziehen.

Und anders­herum?
…ist die Schere zwi­schen 1. und 2. Bun­des­liga immer weiter aus­ein­an­der­ge­gangen. Nur um mal eine Vor­stel­lung zu erhalten: Wir haben vor nicht allzu langer Zeit Gespräche mit einem Reser­visten eines Erst­li­gisten geführt. Der hatte im ver­gan­genen Jahr nur ein ein­ziges Bun­des­li­ga­spiel gemacht. Ein Wechsel wäre also sinn­voll. Bei uns aller­dings hätte er nur ein Fünftel seines aktu­ellen Gehalts ver­dient.

Der Spieler könnte bei Ihnen zumin­dest spielen.
Für ein Fünftel seines bis­he­rigen Gehalts! So sehr ihn eine Ent­schei­dung für uns sport­lich adeln würde – in wirt­schaft­li­cher Hin­sicht müsste man das wohl eher als ver­rückt bezeichnen. Das sind doch – auf einem hohen Niveau natür­lich – exis­ten­zi­elle Fragen, denen sich ein Fuß­baller in einem sol­chen Moment stellen muss. In sol­chen Fällen bre­chen uns ein­fach die Argu­mente weg.

Unter Ihrer Regie sind beim VfL Wolfs­burg Spieler wie Julian Brandt oder Maxi­mi­lian Arnold zu Topp­rofis gereift. Sind Sie auf solche Ent­wick­lungen beson­ders stolz?
Ich emp­finde keinen Stolz. Ich freue mich natür­lich dar­über, dass sich junge Men­schen ent­wi­ckeln. Aber ich glaube, stolz können andere wie die Trainer oder die Päd­agogen sein. Die hatten einen viel inten­si­veren Kon­takt zu den Spie­lern.

Aber wenn Sie jetzt doch einen Namen nennen müssten?
Dann: Elvis Rexh­becaj.

Warum?
Als ich nach Wolfs­burg kam, fing er auch gerade an. Und als ich ging, war er immer noch dort. Elvis hinkte in der bio­lo­gi­schen Ent­wick­lung stets hin­terher; und das in einer Zeit, als der Fuß­ball gerade sehr viel ath­le­ti­scher wurde. Er hatte auch mal län­gere Phasen auf der Bank ver­bracht. Aber Elvis hat uns alle begeis­tert, weil er nie auf­ge­steckt hat. Nach fünf Wochen auf der Bank ist Elvis im Trai­ning immer noch am meisten gelaufen.

Und dann wurde er belohnt?
Von wegen, Aus­bil­dungs-Fuß­ball tickt anders. Im Mit­tel­punkt steht immer die Suche nach einem neuen Makel. Ja, toller Spieler, mit viel Herz dabei. Doch schade, …“

Er war also schon abge­schrieben?
Ja, quasi. Die Kader werden ja vor jeder Saison neu zusam­men­ge­stellt und da wurde es einige Male ganz schön eng für ihn. Noch bei den A‑Junioren gab es große Zweifel. Aber wir ent­schlossen uns, es zu pro­bieren. Und mitt­ler­weile spielt er für den VfL regel­mäßig in der Bun­des­liga. Ich hätte ihn gern bei uns in Kiel.

War es för­der­lich, dass sein Vater wäh­rend­dessen beim VfL die Spiel­felder gemäht hat?
Ich bin über­zeugt davon, dass es grund­sätz­lich för­der­lich ist, wenn die Eltern in der Nähe leben.

Sie boten dem Vater einen Job an, weil sie Elvis Rexh­becaj unbe­dingt haben wollten. Fast hätte er es nicht geschafft. Zeigt das nicht auch, welche extremen Mittel im Jugend­fuß­ball herr­schen?
Solche Fälle gibt es ja überall – und sie gehen eher selten positiv aus. Es gibt genü­gend Junio­ren­spieler, um die sich Ver­eine vor Jahren gerissen haben, deren Väter gar plötz­lich von den Klubs ihrer Söhne als Scout beschäf­tigt wurden. Und jetzt spielen sie nur in der Regio­nal­liga. Trotzdem ist es in der heu­tigen Zeit so: Wenn von den fünf, sechs Spie­lern nur einer in die Bun­des­liga kommt, dann hat sich alles gelohnt. Alles.

Ist das so?
Das ist eine ein­fache Rech­nung. Wenn ein Jugend­spieler in der Bun­des­liga spielt, mög­li­cher­weise oben­drein in der Natio­nal­mann­schaft und dann in der heu­tigen Zeit zu einem zwei­stel­ligen Mil­lio­nen­be­trag den Verein wech­selt, dann hat sich alles amor­ti­siert: Die Trai­nings­plätze, die neuen Umkleiden, die Fahrt­kosten. Alles.

Alle anderen bleiben auf der Strecke. Ist das nicht schon bei der Anwer­bung schein­heilig?
Nein, denn ver­spre­chen kann man den Jungs nichts. Wir haben uns in Wolfs­burg stets best­mög­lich bemüht, alle unsere Spieler sowohl fuß­bal­le­risch als auch schu­lisch wei­ter­zu­bilden. Dass nur der kleinste Teil aller Aus­bil­dungs­spieler später den Durch­bruch schafft, ist allen bekannt, scho­ckiert also nie­manden. Ich habe ohnehin den Ein­druck, dass auch gar nicht mehr alle – selbst bei guten Aus­sichten – den letzten Ehr­geiz in sich tragen, oben ankommen zu wollen.

Woran könnte das liegen?
An den Kom­fort­zonen, in die diese rundum-ver­sorgten jungen Leute in den Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren ein­ge­bettet werden. Auch an den Ver­än­de­rungen in unserer Gesell­schaft. Der Fuß­ball als Mög­lich­keit des sozialen Auf­stiegs ist zwar nicht ent­zau­bert, hat jedoch für die große Mehr­heit an Rele­vanz ein­ge­büßt. Vielen, fast allen, geht es auch so gut. Wenn man aber sieht, aus wel­chen Kon­flikt­herden die heu­tigen Topp­rofis kommen, dann ist eine Ten­denz erkennbar.

Und zwar?
Dies sind dann die wahren Auf­stei­ger­ge­schichten. Elvis Rexh­becaj ist ein Flücht­lings­kind aus dem Kosovo. Hat dort Nächte in Luft­schutz­bun­kern ver­bringen müssen. Der Vater ist dankbar, zu jeder Tag- und Nacht­zeit arbeiten zu dürfen. Diese Belast­bar­keit seines Vaters hat Elvis adap­tiert und kon­di­tio­niert. Diese Bereit­schaft fehlt mitt­ler­weile vielen.

In Ihrer Zeit als Leiter des Nach­wuchs­zen­trums des VfL Wolfs­burg haben Sie einst gesagt: Die Stadt ist für Fuß­baller ideal, weil Sie keine Ablen­kung bietet.“
Wolfs­burg ist kein Dorf. Son­dern dank VW eine Groß­stadt, die die euro­päi­sche Wirt­schaft mit­be­stimmt. Wolfs­burg ist ein Umschlags­platz für Geld und Bezie­hungen. Der Fuß­ball hat davon eine Menge abbe­kommen: Die gesamte Infra­struktur – mit den Trai­nings­plätzen und der Arena – ist per­fekt. Des­halb ist Wolfs­burg als Akti­ons­feld für eine fuß­bal­le­ri­sche Aus­bil­dung ideal.

Abge­schottet von der nor­malen Welt…
In Wolfs­burg kann sich jeder auf Fuß­ball kon­zen­trieren, somit besser werden. Doch was pas­siert im Kopf? Selbst­mo­ti­va­tion und Boden­stän­dig­keit gehen ver­loren. Viele Talente rea­li­sieren nicht mehr, was außer­halb der Trai­nings­zen­tren pas­siert. Das ist ein Pro­blem vieler gut­si­tu­ierter Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren: Den Jungs wird ein­fach alles abge­nommen. Es ist für alles gesorgt, bloß keine Pro­bleme.

Beliebte Anek­dote aus der Redak­tion. Als wir Julian Draxler besuchten, fragte er, wo wir in Wolfs­burg schon gewesen wären. Ein Kol­lege sagte: Am Bahnhof. Draxler ent­geg­nete: Dann habt ihr ja alles gesehen.
Der Bahnhof ist beliebt. Wer die Anony­mität sucht, fährt mit dem ICE in die Haupt­stadt. Man kennt ja die Geschichten von Bendtner, Kruse, Geld im Taxi. Ich bin damals zwei, drei Mal in der Woche in meine Heimat Berlin gepen­delt, wo meine Familie lebt. Eine Stunde bis nach Berlin. Im Zug kannte man sich, es waren ja immer die glei­chen Gesichter.

Gibt es eine Art Fuß­ball-Abteil?
(lacht.) Die 1. Klasse.

Keine Ablen­kung – ist das auch ein Argu­ment für Spieler, die Sie jetzt als Geschäfts­führer Sport nach Kiel locken wollen?
Wolfs­burg und Kiel haben nicht viel gemeinsam. Kiel ist schon beson­ders, sehr viel­fältig, facet­ten­reich, lebendig. Uni, Hafen, Hand­ball – alles quasi auf Welt­ni­veau. Eine Stadt mit Strand. Alle Spieler und Mit­ar­beiter, die zum ersten Mal hier waren, sind sofort begeis­tert. Meine Woh­nung liegt 100 Meter von der Förde ent­fernt. Ich gehe manchmal mor­gens hin­unter, sehe dabei Segel­yachten, Kreuz­fahrt­schiffe und Fähren an mir vor­bei­schip­pern. Das ist etwas Beson­deres, das macht den Kopf frei.

Eine Beson­der­heit, die einige Ihrer Spieler nur für kurze Zeit zu wissen schätzen. Aktuell ver­ließen mit David Kin­sombi, Atakan Karazor und King­sley Schindler drei abso­lute Leis­tungs­träger den Verein. Trainer Tim Walter schloss sich Liga­kon­kur­rent VfB Stutt­gart an. Fühlen Sie sich wie Sisy­phus, der den Stein immer wieder den Berg rauf­rollen muss?
Nein, Kin­sombi und Schindler fehlten uns mit schweren Ver­let­zungen bereits in der gesamten Rück­runde. Wir sind geübt darin, in der lau­fenden Aktion Lösungen für die­je­nigen Spieler zu finden, die sich zu Höherem berufen fühlen. Das gehört zur DNA des Ver­eins und ist eine Qua­lität, die uns im Wett­be­werb erheb­lich wei­ter­hilft. Auch der Ver­lust von Tim Walter hat uns nicht unvor­be­reitet getroffen. Über die Ambi­tionen des Trai­ners, ohne dass er sie selbst geäu­ßert hätte, wurde schon seit März eifrig geschrieben.

Mit Andre Schu­bert hat Hol­stein Kiel einen neuen Coach. Einer, von dem es heißt, dass er zuletzt bei Ein­tracht Braun­schweig Pro­bleme inner­halb der Mann­schaft hatte.
Im schnell­le­bigen Fuß­ball ist Andre Schu­bert ein sehr erfolg­rei­cher Trainer. Er ist mit Pader­born auf­ge­stiegen. Er hat eine starke erste Saison mit dem FC St. Pauli gespielt. Er hat Glad­bach auf dem 18. Platz über­nommen und ist in die Cham­pions League ein­ge­zogen. Er hat Braun­schweig mit neun Punkten hinter dem Strich noch vor dem Abstieg gerettet. Auf dem Papier ist das ziem­lich erfolg­reich.

Gerade Sie sollten sich doch eigent­lich nicht vom Papier täu­schen lassen.
Genau, und des­halb halten wir uns an die Fakten. Schu­bert weiß, welche Auf­gaben ihn bei uns erwarten. Wir haben unsere Ziele intensiv bespro­chen: Also fri­schen, offen­siven, antriebs­freu­digen Fuß­ball erhalten. Und oben­drein ist uns wichtig: Auch Schu­bert hat in Pader­born, beim DFB und in Glad­bach Aus­bil­dungs­ar­beit betrieben. Auf dieses Hand­werk legen wir hier in Kiel sehr viel wert.

Andre Schu­bert gilt als sehr ehr­geizig.
Ja, das passt. Der Umgang mit der Mann­schaft, die Ansprache und die Arbeit auf dem Platz ist durchweg pro­fes­sio­nell.

Sie ver­pflich­teten im Nach­gang auch Fabian Boll als Co-Trainer. Um Schu­bert einen Part für die gute Laune an die Seite zu stellen?
Ja, denn das wich­tigste im Spiel ist die Freude (lacht).

Es gibt im Fuß­ball die Denk­weise, dass es bei einem Trai­ner­wechsel auch einen Cha­rak­ter­wechsel benö­tigt. Auf einen Tak­tierer sollte zum Bei­spiel ein Moti­vierer folgen.
Was sich auf dem Markt ablesen lässt, ist der ver­läss­liche Wechsel von Alt auf Jung. Nach einem Hau­degen heißt es im Manage­ment immer: Wir brau­chen jetzt einen jungen, inno­va­tiven Trainer. Danach braucht es wieder einen Rou­ti­nier, der die Abläufe kennt und das Spiel mit den Medien beherrscht. Das ist häufig das­selbe.

Ihrem Gesichts­aus­druck nach zu urteilen, können Sie das nicht immer ganz nach­voll­ziehen.
Echte Pha­raonen gibt es heut­zu­tage kaum mehr. Nie­mand agiert mehr als Allein­herr­scher. Jeder Mensch hat seine eigene Art und seine Kern­kom­pe­tenzen. Aber es wird keinen Trainer mehr geben, der alles auf sich ver­eint. Auch bei unserer Trai­ner­suche. Ich muss gestehen, dass ich wäh­le­risch bin. Ich wollte jemanden, der eine Ver­bin­dung zu den Spie­lern auf­baut, der im rich­tigen Moment Härte zeigt, in jedem Moment die rich­tige tak­ti­sche Ent­schei­dung fällt und der ein­zelne Spieler und den Team­ver­bund besser macht.

Und Manager?
Für die ist jeder Arbeitstag viel zu kurz. Ich hatte mir immer vor­ge­nommen, die Spiele unserer A- und B‑Junioren zu beob­achten, auch die C‑Jugend inter­es­siert mich. Aber ich schaffe es ein­fach nicht. Ich habe ja auch zwei Kinder, die sehe ich viel zu selten. Aber wichtig ist, dass ich die Ein­sicht habe und über­lege: Wen hole ich mir an die Seite, um diese Schwäche zu kom­pen­sieren? Genauso wie es unser Trainer jetzt auch macht.

Wes­halb Fabian Boll jetzt Co-Trainer ist?
Dass Andre Schu­bert seine Stärken und aber auch Schwä­chen kennt, ist für mich ein starker Beweis von Pro­fes­sio­na­lität.

Aber hat Hol­stein Kiel nun einen Cha­rak­ter­wandel auf der Trai­ner­po­si­tion vor­ge­nommen?
Ent­schei­dend ist doch, was die Mann­schaft braucht, was die Mann­schaft mit ihren unter­schied­li­chen Typen vor­an­bringt. Ich glaube grund­sätz­lich, dass Abwechs­lung einer Mann­schaft guttut. Aber das ist abhängig von der Struktur eines Kaders. Ist die Mann­schaft bereit für einen Tak­tik­fa­na­tiker? Oder läuft es über die Emo­tion? Sollte man die Jungs anschreien oder in aller Ruhe den Aus­tausch suchen? Wir haben sehr viele intel­li­gente Spieler. Fast jeder hat Abitur. Hauke Wahl, der für den Spiel­aufbau zuständig ist, hat ein fan­tas­ti­sches Einser-Abi. Solche Spieler setzen sich sehr intensiv mit ihrem Sport auf allen Ebenen aus­ein­ander, sind auf­nahme- und lern­fähig. Dass Hauke nun des­halb besser funk­tio­niert, weil ein Intel­lek­tu­eller auf der Bank sitzt, ist völ­liger Quatsch. Fuß­ball ist Volks­sport Nummer 1, weil es zur Spiel­in­tel­li­genz keinen Numerus Clausus braucht.