Union punkt­gleich mit dem 1. FC Köln an der Spitze der Zweiten Liga. Wer hätte das vor drei oder vier Jahren für mög­lich gehalten? Wenn ich an unsere jüngste Ent­wick­lung denke, fällt mir immer wieder die eine Geschichte ein, die ich vor fünf Jahren wäh­rend meiner Anfangs­zeit hier in Berlin erlebt habe.

Wir hatten ein paar Tage frei, und ich machte mich auf den Weg nach Hause. Im Flieger nach Köln kam ich mit meinem Sitz­nach­barn ins Gespräch. Er wollte wissen, was ich so mache. Ich bin Fuß­ball­profi“, sagte ich. Er: Ach echt, spielst du bei Hertha?“ – Nein, bei Union.“ Union? Wo spielen die denn jetzt? Auch im Olym­pia­sta­dion? Ich dachte, die gibt’s gar nicht mehr.“

Ich habe mich doch sehr über diese Wahr­neh­mung gewun­dert und fand das ziem­lich skurril. Geht doch gar nicht, dachte ich: Wie kann ein Ber­liner den 1. FC Union nicht kennen? Dass er aus Dahlem kommt, wo Union sicher nicht so viele Fans hat, lasse ich dabei als Ent­schul­di­gung nicht gelten.

Im Moment ist die Tabelle der Zweiten Liga für uns wie ein hüb­sches Mäd­chen, das man gerne anschaut. Nach knapp einem Drittel der Saison liegen wir auf Platz zwei. Und das auch nur, weil wir das schlech­tere Tor­ver­hältnis gegen­über dem Spit­zen­reiter aus Köln auf­weisen. Am Montag könnten wir mit einem Sieg im direkten Ver­gleich sogar am großen FC vor­bei­ziehen.

Es gibt trotzdem noch viele Fuß­ball­fans, die unserem Höhen­flug mit Skepsis begegnen. Ob die das durch­halten? Gehören die denn wirk­lich nach da ganz oben? Hätten die bei einem Auf­stieg über­haupt das Zeug für die Bun­des­liga?

Ähn­lich­keiten mit Ham­burg

Alles Fragen, die man immer wieder ver­nimmt. Alles auch Fragen, die sich aus der His­torie heraus ergeben. Man muss sich ja nur einmal unsere Kon­kur­renz anschauen. Ein­ge­kreist von Köln und dem 1. FC Kai­sers­lau­tern, dazu die Spvgg Greu­ther Fürth, die gerade aus der Bun­des­liga kommt. Klubs mit großer Tra­di­tion und einer deutsch­land­weiten Wahr­neh­mung. Union dagegen ist seit jeher immer nur der Außen­seiter gewesen. Schon zu DDR-Zeiten war man in Berlin sport­lich ledig­lich die Nummer zwei in der Stadt – und auch jetzt wird Hertha BSC all­ge­mein als der größte Klub Ber­lins ange­sehen. Die Situa­tion ist ein biss­chen mit der in Ham­burg zu ver­glei­chen. Dort gilt der FC St. Pauli als der Klub, der überall Sym­pa­thien ein­heimst. Aber die Nummer eins wird immer der Ham­burger SV bleiben. Egal wie gut oder schlecht die gerade sind.

Wenn ein Verein wie der 1. FC Union also mit Schwer­ge­wichten wie Köln und Kai­sers­lau­tern um das gleiche Ziel streitet, ist die breite Masse natür­lich skep­tisch. Weil die anderen über­mächtig erscheinen. Köln war ja mal Deut­scher Meister, Kai­sers­lau­tern auch. Gefühlt ist die Zweite Liga für die nur ein Aus­rut­scher. Dabei ändern sich gerade im Sport die Dinge immer schneller. Tra­di­tion ist längst keine Ver­si­che­rung mehr für sport­li­chen Erfolg. Manche Ver­eine wachsen, andere Ver­eine ver­schwinden in der Bedeu­tungs­lo­sig­keit. Einige nähern sich an, andere ent­fernen sich immer weiter von­ein­ander.

Köln und Union haben sich ange­nä­hert. Das sage ich nicht nur, weil wir in der Tabelle gleichauf sind. Bei Union ist in der jün­geren Ver­gan­gen­heit viel ent­standen, der Verein rüstet sich für die Zukunft. Die Infra­struktur wurde nicht nur durch den Sta­di­on­ausbau Stück für Stück ver­bes­sert, genau wie die Mann­schaft. Das heißt noch lange nicht, dass wir jetzt in allen Berei­chen mit dem 1. FC Köln kon­kur­rieren können. Aber wir befinden uns zumin­dest auf dem Weg dorthin. Auch wenn Köln deutsch­land­weit in naher Zukunft wohl immer noch mehr Beach­tung erfahren wird.

In der Dom­stadt, wo ich bis zu meinem Wechsel nach Berlin spielte, ist Fuß­ball das Gesprächs­thema, und Fuß­ball heißt in Köln immer auch FC. Man ist dort als FC-Spieler städ­ti­sches Kul­turgut. Ich habe damals zwar nur in der zweiten Mann­schaft gespielt, aber selbst als Fuß­baller der Reserve wurde man manchmal erkannt. Egal wo man in Köln auch hin­geht, der FC ist immer prä­sent. In allen Kneipen laufen die Spiele. Ob im Norden, Süden, Osten oder Westen der Stadt – immer hängen Bilder, Tri­kots oder Schals in den Fens­tern.

Eine Mil­lion FC-Trainer in Köln

Auch wenn ich nicht für alle Ver­eine in Deutsch­land spre­chen kann, so glaube ich doch, dass es kaum eine Stadt hier­zu­lande gibt, in der das Wohl und Wehe der Bewohner so stark von den Leis­tungen eines Fuß­ball­klubs abhängt wie in Köln. Das Inter­esse an allem, was den Verein betrifft, ist unglaub­lich groß. Leichter wird es für die Jungs dadurch nicht. Im Gegen­teil. Auch als Spieler der zweiten Mann­schaft habe ich gemerkt, wie viel Druck dort auf den Profis lastet. Es heißt ja immer, in Deutsch­land gibt es 82 Mil­lionen Bun­des­trainer. Wenn dem so ist, gibt es gemessen an der Ein­woh­ner­zahl in Köln eine Mil­lion FC-Trainer. Ver­liert die Mann­schaft also zwei, drei Mal in Folge, wird gleich heftig dis­ku­tiert und der Trainer steht infrage. In den Zei­tungen ist dann von Krise und alldem die Rede. Das geht in Köln tra­di­tio­nell ganz schnell.

Als ich dann 2008 nach Berlin kam, freute ich mich in erster Linie also auf eins: Teil eines völlig unauf­ge­regten Fuß­ball­klubs zu sein. Mit Union hatte ich mich vorher in meiner Kar­riere nicht wirk­lich beschäf­tigt. Ich wusste aber, dass mein Wechsel erst einmal einen Rück­schritt bedeuten würde. Min­des­tens einen. Vom 1. FC Köln zum 1. FC Union, das war 2009 nicht gerade sexy. Doch wie sich das bis heute geän­dert hat!

Inzwi­schen ent­scheiden sich Spieler bewusst für uns und gegen andere, grö­ßere Ver­eine. Von einer grauen Maus hinter Hertha kann keine Rede mehr sein. Nach der Insol­venz des MSV Duis­burg hätte sich zum Bei­spiel Sören Brandy wohl jeden Klub in der Zweiten Liga aus­su­chen können. Und er ent­schied sich für: Union. Genauso Mario Eggi­mann. Der hatte auch Ange­bote von Teams aus der Bun­des­liga, kam aber wegen der guten Per­spek­tive zu uns. Oder Martin Dausch. Der hat in der ver­gan­genen Saison mit Aalen in der Alten Förs­terei gespielt und war von der Stim­mung im Sta­dion so begeis­tert, dass er anschlie­ßend nach Köpe­nick wech­seln wollte.

Wenn ich jetzt Manager oder Ver­triebs­leiter wäre, würde ich sagen: Der 1. FC Union ist eine rich­tige Marke geworden. Eine, die sich nicht allein über den Sport defi­niert. Das Drum­herum ist dabei min­des­tens genauso wichtig. Das geht ja schon mit der Stim­mung bei uns im Sta­dion los. Pfiffe gegen das eigene Team? Da müssten wir Spieler schon Arbeits­ver­wei­ge­rung betreiben. Ansonsten gibt es so etwas nicht. Union hatte schon immer einen treuen Anhän­ger­stamm, aber seit dem Auf­stieg aus der Dritten Liga sind es mit jedem Jahr mehr Zuschauer geworden.

Sagte ich vorhin wirk­lich, Union sei vor fünf Jahren nicht sexy gewesen? Das hat sich inzwi­schen voll­kommen geän­dert. Union ist in, Union zieht an. Egal welche Alters­gruppe. Vom Gefühl her würde ich daher sagen, dass sich unsere Fan­struktur etwas ver­än­dert hat. Klar, Union bleibt in erster Linie der Klub aus dem Osten Ber­lins. Aber es kommen auch immer mehr Leute zu uns, die neu sind in der Stadt. Die Men­schen, die einmal diese beson­dere Atmo­sphäre in der Alten Förs­terei erlebt haben, bleiben hängen, weil Union als Nischen­verein genau ihren Geschmack bedient. Fuß­ball ohne viel Schnick­schnack – das wäre als Fan auch mein Ding.

Urlaub in der Bun­des­liga“

Kom­merz ist unter Fans ja inzwi­schen zum Schimpf­wort geworden. Nie­mand will Kom­merz sein. Erst recht nicht bei Union. Wo aber beginnt Kom­merz? Wo endet er? Diese Frage stellt man sich natür­lich auch bei uns. Wird man aber nicht auto­ma­tisch kom­mer­zi­eller, je mehr Men­schen sich für einen inter­es­sieren? Ange­nommen, wir halten das Niveau, dann wird der Fokus in Zukunft ver­stärkt auf uns liegen. Dann kommen sicher noch mehr Leute ins Sta­dion, die sich nicht nur für Fuß­ball inter­es­sieren. Leute, die mit Union Geld machen wollen. Sei es durch Spon­so­ring oder andere Dinge. Hier auch wei­terhin den Spagat hin­zu­be­kommen, ist sicher­lich eine Haupt­auf­gabe für die Zukunft. Denn wer Erfolg haben will, muss wohl immer auch ein biss­chen Kom­merz betreiben. Auch wenn wir wirk­lich nur ein Jahr Urlaub in der Bun­des­liga“ machen sollten, wie unser Prä­si­dent Dirk Zingler einen mög­li­chen Auf­stieg einmal beschrieb.

Diese Unauf­ge­regt­heit habe ich sehr schätzen gelernt nach fünf Jahren in Berlin. Seit meiner Ankunft habe ich bei Union nie unter einem anderen Trainer trai­niert als Uwe Neu­haus. Nir­gendwo bei einem anderen deut­schen Pro­fi­klub ist ein Coach aktuell länger im Amt. Es geht hier eben sehr fami­liär zu.

Lassen Sie uns zum Abschluss noch einmal einen letzten Blick auf die Tabelle ris­kieren. Union punkt­gleich mit dem FC an der Spitze. Wer hätte das vor drei oder vier Jahren für mög­lich gehalten?

Der 1. FC Union ist bereit für das Aben­teuer Auf­stieg, weil er für den Verein keine Lebens­not­wen­dig­keit bedeutet. Union funk­tio­niert auch in der Zweiten Liga. Anders als Köln. Dort ist die Bun­des­liga für den FC Pflicht. Früher oder später werden sie auch wieder da oben landen. Was nicht heißen muss, dass es dann keine Spiele mehr gegen uns gibt.