Seite 2: „Überraschung, die Fans wollen das gar nicht“

Wie bitte?
Naja, warum sollte es aus pop­kul­tu­reller Sicht der­zeit über­haupt cool sein, die Natio­nal­mann­schaft zu mögen? Die jungen Leute lieben das Abge­rockte, vor den Second-Hand-Läden bilden sich in deut­schen Groß­städten lange Schlangen. Trash, kul­tige Nar­ra­tive und Fri­suren aus den 80ern und 90ern. Sie tragen Used-Look-Balen­ciaga, hören teil­weise – viele noch iro­nisch – Genesis und Pet Shop Boys. Junge NBA-Profis werden in den USA in alten VfL-Bochum-Vin­tage-Tri­kots foto­gra­fiert. Da stehen wir pop­kul­tu­rell. In Chile unter freiem Himmel hängen und nicht im Robinson Club im Infi­nity Pool, darum geht’s. Mykonos und Ibiza werden zuneh­mend belä­chelt. Im Wald spa­zieren gehen und nicht im teuren Spa-Bereich ver­weilen. Es hat schon einen Grund, warum die Hipster in den Eck­kneipen sitzen und Her­ren­ge­decke in sich rein­schütten. Sie sehnen sich nach Bedeu­tung, nach Schiefem und Echtem. Mehr Gol­dener Hand­schuh, weniger P1. Und dann kommt auf der anderen Seite eine auf Hoch­glanz durch­cho­reo­gra­phierte Marke, die Natio­nal­mann­schaft, wie ein neuer Golf in Grau-metallic zum Abholen in die Ein­gangs­halle in Wolfs­burg gerollt. Bit­te­schön, guckt uns zu, wie wir heute in Tri­kots für 120 Euro gegen die Ukraine spielen. Glatt wie das neue Gesicht von Jenke von Wilms­dorff. Und, Über­ra­schung, die Fans wollen das gar nicht. Die wollen wie Papa im alten Opel nach Frank­reich fahren. Ohne Kli­ma­an­lage, aber mit Schnäuzer. Was mit Geschichte, das riecht, das insta­gra­mable“ ist. Mehr Fynn Klie­mann, weniger Chris­tian Lindner. Ich möchte hier nicht zu feuil­le­to­nis­tisch, essay­is­tisch vor mich hin­schwal­lern, das schaffe ich intel­lek­tuell auch gar nicht, ich suche ledig­lich Erklä­rungen.

Und?
Und das ist meine Erklä­rung.

Sehn­sucht nach Echtem und Skur­rilem? Dann wäre Chris­tian Streich ja ein guter Kan­didat.
Mein Reden. Seit Jahren. In der Frei­burger Thron­folge wäre er dann jetzt auch dran, oder? Er wäre natür­lich die per­fekte Lösung. Ein Trainer, den alle mögen. Den auch die großen“ Spieler respek­tieren, obwohl er einen klei­neren Klub trai­niert. Das gibt es selten. Dazu zeigt er Hal­tung und ist, obwohl Badener, ein guter Kom­mu­ni­kator und ver­fügt über beein­dru­ckende Antennen. Er hat etwas Bun­des­prä­si­diales. Das würde ich gerne erleben: Wie die Natio­nal­mann­schaft bei der EM die Por­tu­giesen vom Feld fegt und Chris­tian Streich im Pata­gonia-Fleece anschlie­ßend nicht über das Spiel spre­chen will – son­dern über Geflüch­tete, Kli­ma­wandel oder SUVs auf dem VIP-Park­platz. Der fährt 2021 mit dem Tandem zum Finale und hat keine Ahnung, was daran merk­würdig sein könnte. Es würde das, was gerade beim DFB läuft, gera­dezu kon­ter­ka­rieren. Es wäre fan­tas­tisch. Leider hat er wohl keine Lust.

Was macht Ihnen Hoff­nung?
Ich habe zumin­dest den Ein­druck, dass es beim DFB wenigs­tens ein Feh­ler­be­wusst­sein gibt. Und das ist doch schon mal ein Anfang. Es muss etwas ver­än­dert werden. Und wie es immer so ist im Feuil­leton-Deutsch­land: Wenn alle erst mal etwas gemeinsam kacke finden, wendet sich das Blatt und es wird irgend­wann wieder cool. These, Anti­these. Es ist doch immer das­selbe hier. Wir lieben die, die am Boden liegen. Viel­leicht ver­söhnen wir uns ja also dem­nächst auf zunächst uner­klär­liche Weise wieder mit der Mann­schaft DIE MANN­SCHAFT. Who knows?

An Köln schei­tern also nicht nur Städ­te­planer und Archi­tekten“

Tommi Schmitt

Kommen wir zur Bun­des­liga: Die Bayern führen die Liga – natür­lich – an. Klagen aber, dass ihnen als­bald die Spieler aus­gehen.
Sekunde.

Alles in Ord­nung?
Hören Sie das? Ich glaube, ich habe da gerade die Hand­baller, Ten­nis­spieler und Bas­ket­baller laut lachen hören. Spaß bei­seite: Klar müssen die Bayern unter der Woche häu­figer ran als Markus Lanz. Aber das solide Spiel bei Atlé­tico Madrid zeigt doch, dass sie, anders als Alex­ander Gau­land, über einen guten zweiten Anzug ver­fügen. Und unter uns: Gegen Schalke und Mainz würden Lewan­dowski, Goretzka und Neuer zu dritt auch noch irgendwie ein 1:1 raus­holen. Sonst helfen halt Brazzo“ und Oliver Kahn aus. Die Bayern werden diese Belas­tung über­leben und sich am Ende der Saison für einen inter­na­tio­nalen Wett­be­werb qua­li­fi­zieren.

Borussia Dort­mund dagegen schei­terte – und diesmal an Köln. Aus­ge­rechnet.
Das ist ja erstmal eine gute Nach­richt: An Köln schei­tern also nicht nur Städ­te­planer und Archi­tekten. Dieses Spiel würde ich aber nicht zu hoch ste­ri­li­sieren, um Bruno Lab­badia zu zitieren.

Son­dern?
Was musste ich da alles lesen? Ist es der Rück­fall des BVB?“ Ist es die Wende für Köln?“ Nein, Dort­mund kam auf 70% Ball­be­sitz und 16 Tor­schüsse, dar­über hinaus hat Haa­land in der 95. Minute ledig­lich den Ball nicht im Netz unter­ge­bracht. That’s it. Sonst geht das halt in neun von zehn Fällen 2:2 aus und das kann einer Mann­schaft in einer Saison, in der es eh keinen Heim­vor­teil gibt, auch mal pas­sieren. Wenn ich das schon lese: Zuhause ver­loren!“ Was bedeutet zuhause“? Dass da acht Ordner rum­stehen, die fuß­läufig zum Sta­dion wohnen? Das soll ein Heim­vor­teil sein? Ist doch eh absurd, Dort­mund und Bayern zu ver­glei­chen. Gucken Sie sich doch mal die Etats an. Dort­mund ist nun mal in der beknackten Situa­tion, in jeder Saison David Coult­hard sein zu müssen. Da muss schon wirk­lich alles passen, und die anderen müssen ver­sagen, damit am Ende ein Titel her­aus­springt. Ich finde es eher beein­dru­ckend, wie es der BVB schafft, sich in dieser aus­sichts­losen Lage, immer wieder zu moti­vieren, Zweiter oder Dritter zu werden. Man kann da ja schon von Sisy­phos­ball spre­chen.

Der Dop­pel­pass, die Exper­ten­runde bei Sport1, warnte schon vor einer Woche, dass nicht alles glänzen würde beim Bayern-Ver­folger. Und hätte mit dieser Pro­gnose Wochen­sieger werden können. Dann kam Steffen Freund…
… und erklärte die schlechte Leis­tung von Nabil Ben­taleb und Amine Harit gewis­ser­maßen mit deren Wur­zeln. Ja, ich weiß und dar­über habe ich lange nach­ge­dacht. Ob Steffen Freund ein Ras­sist ist? Ich glaube nicht. Aber seine Aus­sagen waren natür­lich ras­sis­tisch. Er hat es ja noch wäh­rend der Sen­dung bemerkt und hat ver­sucht, sich zu kor­ri­gieren. Wer das sieht und hört, der möchte ihm am liebsten über die Brücke helfen. Alle wissen ja, was er bei seiner Kor­rektur meinte, aber er machte es nur noch schlimmer. Das war ein­fach ins­ge­samt großer Mist. Das Lus­tige ist: Als er das über alge­risch-fran­zö­si­sche Spieler sagte, saß ich in einem Zine­dine-Zidane-Trikot vor dem Fern­seher und musste doch sehr lachen. Ich hoffe da ein­fach auf eine per­sön­liche Ent­schul­di­gung bei den beiden Schal­kern und vor allem auf einen Lern­ef­fekt. Denn ich finde Freund als renom­mierten Spieler und Trainer aus der Pre­mier League rein inhalt­lich als Fuß­ball­ex­perten ziem­lich gut.