Seite 3: „Sprechen wir diesmal gar nicht über Schalke?“

Zurück zum Sport: Heute Abend treffen Hertha und Union im Haupt­stadt­derby auf­ein­ander. Ist für Sie auch der Kult­klub aus Köpe­nick der Favorit?
Ja, klar! Union ist schlichtweg toll. Es ist zwar sehr ein­fach, Union super zu finden – in etwa so, wie Welpen, Son­nen­un­ter­gänge und Pommes. Aber was soll ich machen? Die sind nun mal wahn­sinnig cool, diese Expen­da­bles von Köpe­nick. Alte, smarte Dudes, die es nochmal wissen wollen. Ich glaube, die trai­nieren auch gar nicht. Die sind wie die Däni­sche Natio­nal­mann­schaft 1992, haben ein­fach Bock und tun­neln dich, wenn sie wollen. Union ist ein schöner bunter Fleck in dieser Liga, in diesem tristen Jahr. Als hätte Jackson Pol­lock einen Farb­kleks auf die Tabelle geworfen. Große Namen, viel Feu­er­werk, mehr Ertrag als erwartet. Eigent­lich genau das, was Hertha immer sein wollte. Nicht aus­zu­schließen, dass Lars Wind­horst dieses Spiel aus der Loge ansehen und denken wird: Moment mal! Wofür habe ich denn eigent­lich die ganze Kohle aus­ge­geben? Und der Zehner von den Roten da, der saß doch ges­tern um 3 Uhr noch neben mir im Adlon am Black-Jack-Tisch?!“

Max Kruse. Der Transfer der Saison?
Ja. Der macht ein­fach Spaß. Ich mag seinen Stil sehr. Er spielt so einen ein­fa­chen Fuß­ball. Ver­meint­lich ganz simpel, wie Thomas Müller in ästhe­tisch. Bei Kruse habe ich immer das Gefühl, der wird gesteuert. Der spielt so, wie andere FIFA zocken. Er ahnt Räume, die man nor­ma­ler­weise nur aus der Vogel­per­spek­tive sehen kann. Und dadurch erscheint das alles so ein­fach. Dazu die Beid­fü­ßig­keit. Alles, was er auf dem Platz macht, folgt einer abso­luten Logik. Als Fan sitzt man ja oft vor dem Fern­seher und brüllt Sei­ten­wechsel!“ oder Steil!“ oder Links schi­cken!“, was absurd ist, weil die Spieler aus ihrer Per­spek­tive nicht jeden Raum sehen können, so wie wir von oben. Aber Kruse befrie­digt Zuschauer in der Hin­sicht, dass er genau diese Bälle dann wie auf Zuruf spielt. Ein Genuss.

Erlauben Sie uns zum Schluss noch eine per­sön­liche Frage: Wo waren Sie, als Sie von Mara­donas Tod erfuhren?
(Lacht.) Bier und Wein kaufen, kein Witz. Ich war scho­ckiert, aber auf­grund des Lebens­stils auch nicht son­der­lich über­rascht.

Mara­dona errei­chen posthum vor allem Liebe und Zunei­gung, seine Skan­dale rücken in den Hin­ter­grund. Das stört den ein oder anderen Kri­tiker. Kann man in diesem Fall Kunst und Künstler trennen?
Zunächst halte ich es für eine Errun­gen­schaft unserer Zeit, dass man nicht alles abfeiert, sich öffent­lich kri­tisch mit Men­schen wie Mara­dona aus­ein­ander setzen kann und das auch tut. Da lief links und rechts viel selbst­ver­schul­dete Scheiße in seinem Leben. Trotzdem irri­tiert es mich, wie einige Men­schen, die das Trauern um Mara­dona kri­ti­sieren, das gene­relle Phä­nomen Trauer inter­pre­tieren. Meiner Mei­nung nach trauert man doch min­des­tens zur Hälfte stets aus ego­is­ti­schen Gründen. Egal, ob die Tante, der Freund oder eine Oma das Zeit­liche segnen: man ver­misst vor allem die Zeit mit der Person, die eigene Ver­gäng­lich­keit rückt ins Bewusst­sein und die Melan­cholie trifft einen aber sowas von ins Mark. Daraus ergibt sich Trauer. Bei Mara­dona ist es doch das Gleiche. Ich behaupte, dass die meisten Trau­ernden nicht unbe­dingt den Men­schen Diego an sich betrauern, son­dern das, was ihn umgab: Die Legende. Der Mann, der dafür sorgte, dass eine ganze Genera­tion die 10 tragen wollte, sich nicht die Schuhe zuband, die Stutzen tief trug, Tricks übte und stun­den­lang mit dem Ball an die Haus­wand kickte. Nicht nur in Neapel, son­dern auf der ganzen Welt. Eine Legende, die Tur­niere prägte, die einen Zauber umgab. Diese Legende ist nun weg; tot wird sie nie sein. Aber sie ist weg. Und um diese Legende, also die eigene Jugend und die End­lich­keit, zu trauern und viel­leicht sogar zu weinen, ist mehr als legitim und bei­nahe logisch. Da wurde aus dem Jenga-Turm der Kind­heit ein Stein gezogen. Das darf dich schon mit­nehmen.

Vielen Dank für das Gespräch.
Moment mal! Spre­chen wir diesmal gar nicht über Schalke? Ich dachte, das sei hier schon eine eigene Rubrik.

Haben Sie denn neue Erkennt­nisse über den Verein gewonnen?
Nicht wirk­lich. Mitt­ler­weile ver­kör­pert Schalke für mich das Bild des trot­te­ligen Lot­to­mil­lio­närs, der sein ganzes Ver­mögen ver­prasst hat, weil er sich eine Kart­bahn in sein Schwimmbad hat zim­mern lassen. Wer da alles gespielt hat: Goretzka, Sané, Neuer, Draxler, Özil, Kehrer, Matip, Meyer, Kolasinac, Embolo, Raf­inha, Farfan, Rakitic und so weiter. Einige gingen auch ablö­se­frei, klar. Aber dazu haben sie in den letzten zehn Jahren den Pokal geholt und zig Mal in der Europa League und Cham­pions League gespielt. Außerdem noch die liquiden Spon­soren und treuen Fans. In einem Guy-Rit­chie-Film würde ich jetzt eine Fla­sche auf die Theke hauen und WO IST DIE VER­DAMMTE KOHLE HIN?“ brüllen.

Schalke-Fan möchte man zur­zeit nicht sein.
Ein Freund von mir, großer Schalke-Fan, hat jetzt beschlossen, dass er sich keine Spiele mehr ansehen wird. Ob 1:3 gegen Augs­burg, ob 0:5 gegen Bie­le­feld – er tut sich das nicht mehr an. Weil er fest damit plant, dass Schalke mit dem Ende der Corona-Pan­demie sowieso in der 2. Liga spielen wird. Dann will er zurück­kehren und mit 10.000 Schal­kern hedo­nis­tisch und feucht­fröh­lich durch die Zweit­li­ga­städte tin­geln: Sand­hausen, Pader­born, Ham­burg. Neue Sta­dien, neue Leute, neues Bier. Das werden sicher­lich groß­ar­tige Touren. Ich halte das für eine char­mante Vor­stel­lung und einen guten Ansatz mit der blau-weißen Ent­wick­lung umzu­gehen. Und wenn ich jetzt so drüber nach­denke, bin ich sogar etwas nei­disch darauf. Schließ­lich befinden wir uns in einer Saison, die, wenn wir ganz ehr­lich sind, doch ohnehin total egal ist. Dann lieber jetzt absteigen. Kriegt eh keiner mit.