Die Repor­tage erschien erst­mals im Früh­jahr 2020 in 11FREUNDE #221. Das Heft gibt es bei uns im Shop.

Andert­halb Stunden vor dem Anpfiff parkt der Mann­schaftsbus, die Spieler steigen die Treppen runter zum Platz, und die Fans bre­chen in Jubel aus: Unio­nistas, Unio­nistas!“ Die Tri­büne ist schon voll. Aus den Boxen läuft eine Tech­no­ver­sion des Par­ti­sa­nen­klas­si­kers Bella Ciao“. Die Melodie inspi­riert den nächsten Gesang.

Es ist Der­bytag in Sala­manca, zwei Stunden west­lich von Madrid. Die Stadt, 145 000 Ein­wohner, ist bekannt für ihre zwei Kathe­dralen, die älteste Uni­ver­sität Spa­niens und als Mekka von Sprach­stu­denten. Es gab außerdem mal einen Fuß­ball­klub, Unión Depor­tiva Sala­manca, UD, der bis 2013 exis­tierte und zwölf Jahre in der ersten Liga spielte. Sein altes Sta­dion, das Hel­mán­tico, ist gleich nebenan auf der­selben Sport­an­lage.

Unio­nistas aber spielt im Estadio Las Pistas. Die Renn­bahnen“ bieten neben der einen Tri­büne nur fünf Reihen langer Stein­blöcke zum Hin­setzen und viel Unkraut dazwi­schen. Es ist eine his­to­ri­sche Arena: Hier sprang Javier Soto­mayor im Jahr 1993 den bis heute gül­tigen Hoch­sprung-Welt­re­kord von 2,45 Metern. Aber sie fasst maximal 4000 Zuschauer und ist eigent­lich ein Ort für Leicht­ath­letik, nicht für Fuß­ball.

Ich gebe öffent­lich das Ende meiner Bezie­hung zu Megan Fox bekannt“

Sechs Stunden vor Anpfiff haben rund 50 Frei­wil­lige damit begonnen, das zu ändern. Sie haben Wer­be­banden auf­ge­stellt und Löcher in den Zäunen zuge­deckt. In der Mit­tags­pause haben sie sich zusammen hin­ge­setzt und das mit­ge­brachte Essen geteilt. Wie in einer Koope­ra­tive. Weil sie eine Koope­ra­tive sind.

Unio­nistas ist Spa­niens erfolg­reichster fan­ge­führter Klub. Er wurde nach der Auf­lö­sung der alten UD Sala­manca gegründet und hat sich in die dritte Liga hoch­ge­ar­beitet. 3100 Mit­glieder regieren ihn nach dem Prinzip Ein Mit­glied, eine Stimme“, die wesent­li­chen Ent­schei­dungen werden so getroffen.

Das ist der eine Teil des heu­tigen Fuß­balls in Sala­manca. Der andere heißt Sala­manca CF UDS. Auch dieser Verein ent­stand 2013 und spielt nun in der dritten Liga. Er gehört dem mexi­ka­ni­schen Unter­nehmer Manuel Lovato, über den man wenig weiß und der sich kaum bli­cken lässt. Diese Saison wurde schon fünf Mal der Trainer gewech­selt, es gab etwa den Ex-Schieds­richter Marco Antonio Rodrí­guez – er pfiff das 7:1 von Deutsch­land gegen Bra­si­lien –, der nach drei Tagen wieder weg war. Außerdem beklagen Spieler immer wieder ver­zö­gerte Zah­lungen. Aber auch die neue UDS hat einen Trumpf: das alte Hel­mán­tico. Lovato hat es 2015 erstei­gert. Es fasst gut 17 000 Zuschauer. Viele Fuß­ball­fans der Stadt halten es schon aus Gewohn­heit mit diesem Verein: Sie können auf ihrem alten Platz sitzen.

Tät­lich­keit, Anzeige, Sperre

Dieses Derby erin­nert also ein biss­chen an die Geschichte des AFC Wim­bledon und Milton Keynes. Zwei Ver­eine, die aus der Asche eines Tra­di­ti­ons­ver­eins ent­standen sind, einer fan­ge­führt, der andere das Spiel­zeug eines Inves­tors, treffen sich in der­selben Liga wieder. Abel und Kain. Oder Jakob und Esau? Nur dass das Streit­ob­jekt die sen­ti­men­tale Kon­kurs­masse ist, die ein unter­ge­gan­gener Fuß­ball­klub hin­ter­ließ. Und dass die Heim­stätten buch­stäb­lich einen Stein­wurf von­ein­ander ent­fernt liegen. Was das Ver­hältnis nicht unbe­dingt besser macht.

Als die fan­ge­führten Unio­nistas kürz­lich Real Madrid zum Pokal­spiel emp­fingen, wollte der Bür­ger­meister, dass auch sie aus­nahms­weise im großen Hel­mán­tico spielen. Für Unio­nistas kam nicht mal die Idee in Frage. Und UDS hätte es auch nicht ein­fach so her­ge­geben. Die Fehde geht so weit, dass zum heu­tigen Derby kein Ver­treter der UDS in die Funk­tio­närs­loge kommt. Beim letzten Auf­ein­an­der­treffen im Oktober gab es eine Tät­lich­keit eines UDS-Ver­tei­di­gers, Unio­nistas erstat­tete Anzeige, der Ver­band ver­hängte eine Sperre. Aus Pro­test brach UDS die Bezie­hungen zwi­schen den Klubs offi­ziell ab. Wor­aufhin Unio­nistas’ Vize­prä­si­dent wit­zelte: Ich gebe öffent­lich das Ende meiner Bezie­hung zu Megan Fox bekannt.“ Mit anderen Worten: Eine Bezie­hung hat es sowieso nie gegeben.

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Joseph Fox