Im Glas­kasten in der Geschäfts­stelle hängt die 8 gleich zweimal. Einmal prangt sie auf einem Trikot von Fritz Walter. Und einmal auf einem Trikot von Chris­tian Tif­fert. Eine his­to­ri­sche Wirrnis, da kann einem schwin­delig werden. Hat der 1. FC Kai­sers­lau­tern, 52 Jahre nach dem letzten Spiel des alten, etwa den neuen Fritz gefunden? Hat hier jemand bloß allzu eifrig deko­riert? Oder müssen wir ein­fach mal auf­hören, immerzu Nach­folger zu suchen?

Es ist nicht gerade viel, was Walter und Tif­fert ver­bindet. Außer eben der Rücken­nummer und dem Arbeit­geber. So gut wie alles hat sich ver­än­dert seit Wal­ters Zeiten: der Stoff, aus dem die Tri­kots sind, der FCK selbst und der Fuß­ball an sich. Ist diese 8 noch die gleiche wie 1954?

In anderen Sport­arten werden die Num­mern großer Spieler ein­fach nicht mehr ver­geben. Ein Ritual, das einer­seits der Ehrung der Alten dient – und ande­rer­seits ver­hin­dert, dass die Jungen vom schweren Erbe zer­malmt werden. Im Fuß­ball kennt man dieses Ritual nicht. Es hätte wohl einiges an Schaden abwenden können.

Als Tif­fert zum FCK kam, sprangen die Fans nicht gerade aus der Hose

Chris­tian Tif­fert gehörte beim VfB Stutt­gart mal zu den jungen Wilden, er war Tiffi“, der brot­lose Dribbler, kickte bei RB Salz­burg und schien schließ­lich in Duis­burg gestrandet. Ich war auf dem abstei­genden Ast“, sagt Tif­fert selbst. Und so einer sollte nun die 8 tragen? Als er 2010 nach Lau­tern wech­selte, sprangen die Fans nicht gerade aus der Hose vor Begeis­te­rung. Da kommt einer aus der zweiten Liga, ach, den gibt’s auch noch, was wollen wir denn mit dem?“, sagt er und schlürft seine Cola. Genau das hätte ich auch gedacht.“

Es ist wohl diese Demut, die Tif­fert davor bewahrte, an seinen eigenen Ansprü­chen zu schei­tern. Es gab Spieler nach Walter und vor Tif­fert, die ihre unbe­dingte Ver­bun­den­heit zum FCK zur Schau stellten, ihren Pfälzer Lokal­pa­trio­tismus, selbst wenn sie in Ost­west­falen geboren wurden oder in Alba­nien. Sie spürten auf dem Bet­zen­berg die Sehn­sucht der Fans nach einem Helden und glaubten, diese Rolle aus­füllen zu können. Sie küssten das Wappen, bis es ganz nass war, und konnten am Ende doch nicht ver­hin­dern, dass der alte Fritz sich auf der Tri­büne krümmte und später im Grab umdrehte.

Von wo aus er ihm auch zuschaut: Mit Tif­fert dürfte Walter zufrieden sein. Der Mann mit der Nummer 8 spielt jetzt nicht mehr auf dem Flügel wie am Anfang seiner Kar­riere, er ist in die Mitte des Feldes gerückt und hat in der zurück­lie­genden Saison die meisten Vor­lagen aller Bun­des­li­ga­spieler gegeben. Vor allem aber dürfte Walter sich in Tif­ferts Beschei­den­heit wie­der­erkennen. Oder sagen wir: In der Wei­ge­rung, etwas Beson­deres zu sein. In dieser Demut. 

Tif­fert schaut, als sollte man ihm nun seinen Erfolg erklären

Mein Erfolg ist mir unheim­lich“, sagt Tif­fert. Ein bemer­kens­wertes Ein­ge­ständnis, wird doch in diesem Geschäft jedes noch so kleine Sta­tis­tikplus sofort in Markt­werte umge­rechnet. Tif­fert schaut nun, als sollte man ihm seinen Erfolg erklären. Es regnet draußen, Krähen picken in den ver­waisten Blö­cken des Sta­dions nach Bro­samen, und man denkt: Ja, es stimmt wirk­lich. Irgendwie ist das alles unheim­lich, sobald der Jubel ver­klungen ist. Warum bloß erheben wir Männer zu Göt­tern, die einen Ball zwi­schen zwei Stangen treten? 

Tif­fert sucht in der Sitz­gar­nitur des VIP-Bereichs nach der rich­tigen Hal­tung, lin­kisch wie ein Junge, der im Preis­aus­schreiben eine Sta­di­on­füh­rung gewonnen hat. Warum werden ihm all die Fragen gestellt? Wer will das wissen? Ist er denn wirk­lich so inter­es­sant?

Ich habe keine Lust, Eier zu zeigen“

Seine Ant­worten sind es allemal, gerade weil er sie aus seiner urei­genen Skepsis heraus gibt. So ant­wortet kein Star, der sich rou­ti­niert hinter Plat­ti­tüden ver­bar­ri­ka­diert, der nicht preis­geben kann oder will, dass ihm der ganze Zirkus manchmal auch ziem­lich affig vor­kommt. So ant­wortet ein Mensch, der sich wun­dern kann. So ant­wortet Chris­tian Tif­fert per­sön­lich. Ich habe keine Lust, Klar­text zu reden oder auf den Tisch zu hauen oder Eier zu zeigen“, sagt er. Und dann guckt er mit seinen netten Mon­chichi-Augen den Wör­tern hin­terher. War das jetzt nicht viel­leicht doch ein biss­chen zu markig? Er lächelt ver­legen.

Im Glas­kasten hängt das Trikot mit seiner Nummer. Daneben das von Fritz Walter, der vor wich­tigen Spielen mit­unter so nervös war, dass er kotzen musste. Der den WM-Pokal 1954 ent­gegen nahm, als wäre er eine ton­nen­schwere Bürde. Der gar kein Anführer sein wollte und eigent­lich auch nicht war. Aber das ist in der jahr­zehn­te­langen besin­nungs­losen Hel­den­ver­eh­rung irgendwie unter­ge­gangen.

Die 8 – was ist das eigent­lich für eine Nummer? Es ist die Nummer der Stars, die keine Stars sein wollen. Die Nummer der­je­nigen, denen die 10 zuviel wäre. Es ist die Nummer von Fritz Walter und Chris­tian Tif­fert. Viel­leicht ist das ein Zufall. Viel­leicht auch nicht.