Seite 2: Ein Tablett mit Mettbrötchen auf dem Tisch

Als die beiden nun beim Kaffee saßen, stellte Ange­lika ein Tablett mit Mett­bröt­chen auf den Tisch. Sie griffen zu, Zwie­beln oben drauf und Boldt bekam, was er wollte: eine tref­fende Ana­lyse zur Misere und oben­drauf Hru­beschs Ideen zu einer erfolg­rei­cheren Nach­wuchs­ar­beit. Und die Mett­bröt­chen waren wirk­lich gut“, wit­zelt der alerte Boldt, der von da ab so regel­mäßig Abste­cher nach Boos­tedt machte, dass Hru­besch irgend­wann fragte, ob er eigent­lich wegen ihm komme – oder nur wegen der Fleisch­sem­meln der Gattin.

Doch da hatte Boldt Hru­beschs Lei­den­schaft längst neu ent­facht und ihm das Angebot unter­breitet, feder­füh­rend in die Talent­för­de­rung beim HSV ein­zu­steigen. Der Schlüssel für seine end­gül­tige Zusage war die Ent­schei­dung der Ver­eins­füh­rung, nach dem Sai­son­ende den Ver­trag mit Trainer Dieter Hecking nicht zu ver­län­gern. Ein Knack­punkt“, so Jonas Boldt, war der Ent­schluss, mit Daniel Thioune und Hannes Drews zwei Pro­fi­trainer zu haben, die für eine grö­ßere Durch­läs­sig­keit zum Nach­wuchs stehen.“

Ein knor­riger Patri­arch, gütig, lebens­er­fahren, hilfs­be­reit

Wenn Horst Hru­besch von seinem Büro­fenster aus unten den Jugend­spie­lern beim Trai­nieren zuschaut, erin­nert er an den Alm-Öhi aus der Alpen­saga Heidi“. Ein knor­riger Patri­arch, gütig, lebens­er­fahren, hilfs­be­reit. Einer, der nur in diesem Milieu ganz bei sich ist. Was für Heidis Groß­vater die Alm­wiesen mit den Ziegen, ist für Hru­besch der Jugend­fuß­ball des HSV: ein wich­tiges Stück Heimat. In diesem spe­zi­ellen Kon­text ist die Wirk­macht seiner Sozi­al­kom­pe­tenz schier unend­lich. Hru­besch redet wie ein Fuß­baller mit einem Voka­bular wie aus dem Jugend­spra­chen-Alma­nach 1975 – und trotzdem ver­stehen ihn alle richtig. Er duzt, ohne über­heb­lich zu wirken. Seine Sätze beginnen oft mit der Floskel: Noch mal …“. Als hätte er das alles schon hun­dert­fach erzählt, doch für sein Gegen­über macht er es gern ein wei­teres Mal. Keiner seiner Eleven auf dem Rasen beschwert sich beim Ombuds­mann wegen Mob­bing, wenn Hru­besch beim Trai­nings­spiel anmerkt: Klumpfuß, nu’ spiel den Ball sauber!“ Und als in der Vor­woche die Frauen des FC Bayern vor seinem Fenster den Wald­dörfer SV im DFB-Pokal mit 13:0 demü­tigten, sandte der Lange von oben einen char­manten Gruß an eine sieg­reiche FCB-Spie­lerin, die gerade vom Platz schlen­derte und die er noch aus Natio­nal­coach­zeiten kannte: Wat is, du blinde Nuss?“ Was die Dame mit einem freund­li­chen Winken zu ihm hoch quit­tierte.

Es wäre ein Kin­der­spiel gewesen, ihn früher zurück nach Ham­burg zu lotsen. Einer mit seiner Ver­drän­gung braucht eigent­lich nur das, was ihn schon als Spieler groß werden ließ: Ent­fal­tungs­mög­lich­keit, das Ver­trauen seiner Vor­ge­setzten in seine Fähig­keiten, Loya­lität sowie die Chance, Ver­ant­wor­tung zu über­nehmen. Doch die HSV-Funk­tio­näre, die vor Boldt an ihm bag­gerten, einte meist, dass sie ihn in seiner koketten Hemds­är­me­lig­keit nicht für voll nahmen und glaubten, ihn als Mar­ke­ting­tool miss­brau­chen zu können. Doch um Hru­beschs don­nerndes Ruhr­pott­idiom als Mangel an Empa­thie, Intui­tion oder gar Intel­lekt zu inter­pre­tieren, braucht es schon eine fette Por­tion Ham­burger Arro­ganz. Und die scheint dem schnieken Betriebs­wirt Boldt, der als gebür­tiger Franke und auf­ge­wachsen in Düs­sel­dorf und Hei­del­berg über kei­nerlei Pfründe in der Han­se­stadt ver­fügt, fremd zu sein.

Ver­lieren ergibt für ihn über­haupt keinen Sinn

Hru­beschs Vita lässt sich auf zwei Arten nach­er­zählen. Die eine ist die Erfolgs­story des Kopf­bal­l­un­ge­heuers, das mit 24 Jahren Profi bei Rot-Weiss Essen wird. Dort mit 42 Toren in der Zweit­li­ga­saison 1977/78 einen Rekord für die Ewig­keit auf­stellt. Als HSV-Mit­tel­stürmer in fünf Jahren zwei Meis­ter­titel, die Tor­jä­ger­ka­none und den Euro­pa­pokal holt. Zum Natio­nal­spieler reift, Europa- und Vize­welt­meister wird. Die andere aber ist die Geschichte eines Geprü­gelten, der sich allen Brü­chen und Rück­schlägen wider­setzt. Von einem, der nach dem frühen Tod des Vaters schon im Jugend­alter die Rolle des Fami­li­en­ober­haupts aus­füllen muss. Der erst Flie­sen­leger lernt und dann als Dach­de­cker schuftet. Der die Hilfe von Rou­ti­niers wie Manni Burgsmüller, Gert Wie­czor­kowski und Ente Lip­pens braucht, um im Fuß­ball Fuß zu fassen. Der nach dem Wechsel an die Elbe von der Bild am Sonntag“ schnell als Fehl­ein­kauf gebrand­markt und dann von Trai­ner­ko­ry­phäen wie Branko Zebec und Ernst Happel in müh­samer Klein­ar­beit zum Welt­klas­se­spieler geformt wird. Von Zebec lernt er, dass jede Elf nur so gut ist wie ihr schwächstes Glied. Und dass, wenn jeder für den anderen ein­steht, Ver­lieren über­haupt keinen Sinn ergibt. Der Satz wird zum Leit­motiv seines Lebens. Legionen deut­scher Spieler haben ihn aus Hru­beschs Mund gehört.

Sein Kil­ler­tool, neu­deutsch gern unter dem Begriff Authen­ti­zität“ weg­sor­tiert, jedoch ist: Er hat die ganze Scheiße, die ein Leben für ange­hende Profis bereit­halten kann, am eigenen Leib erfahren. Ergo: Er hat die guten Seiten des Jobs nie als Selbst­ver­ständ­lich­keit ver­standen. Sein Wechsel nach Ham­burg 1978 ver­än­derte alles. Das war die Geschichte vom Jungen vom Lande, der in die große Stadt kommt“, sagt er. Es ist nicht nur der Verein, diese ganze Region ist mein Zuhause geworden.“ Die fünf Jahre als Spieler in der Han­se­stadt prägen ihn bis heute. Er weiß, dass mit seinem Namen hier eine seit Jahr­zehnten unge­stillte Sehn­sucht ver­knüpft ist. Der tief ver­wur­zelte Glaube, der HSV sei durch sein pro­spe­rie­rendes Umfeld und die Lebens­um­stände von allen deut­schen Klubs am ehesten prä­de­sti­niert, auf Augen­höhe mit dem FC Bayern zu spielen. Die Ära Hru­besch hat ja bewiesen, dass es geht. Und er ver­hehlt nicht, dass er in den 37 Jahren, die er weg war, stets ein Auge auf den Verein gehabt hat. Das treue Kopf­bal­l­un­ge­heuer. Und es war längst nicht alles schön, was er da sah: Des­halb tue ich mich schwer mit dem Begriff Her­zens­an­ge­le­gen­heit‘. Ich bin zurück­ge­kommen, weil ich was errei­chen will!“