Seite 3: „Wenn wir hier gut ausbilden, kommt die Leistung von ganz allein“

Im deut­schen Fuß­ball gibt es keinen, der die Befind­lich­keiten von Talenten besser kennt als er. Seine Fähig­keiten als Men­schen­fänger sind jahr­zehn­te­lang erprobt. Er könnte Kurz­ge­schichten schreiben, wie er als Ver­bandscoach mit Jugend­spie­lern in den Verbal-Clinch ging. Spie­lern in der Ehe­krise neuen Mut zusprach und sie zu Höchst­leis­tungen moti­vierte. Oder bei der U21 Mesut Özil anpampte, er solle auf­hören, sich feiern zu lassen und sich bei Jerome Boateng bedanken, der mit dem Ball über den ganzen Platz galop­piert war und so abspielte, dass Özil nur noch abstauben musste. Dar­über wie er eine Tages­reise im Auto nach Düren unter­nahm, um Deniz Naki zu über­zeugen, für Deutsch­land statt für die Türkei auf­zu­laufen.

Ähn­lich detail­ver­liebt ver­sieht er neu­er­dings auch sein Tätig­keits­feld in Stel­lingen. Den Begriff Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum“ emp­findet er als irre­füh­rend für die Ein­rich­tung, die er leitet. Der Campus sei eine Aus­bil­dungs­stätte: Und wenn wir hier gut aus­bilden, kommt die Leis­tung von ganz allein.“

Er will, dass die Talente, die hierher kommen, den Spaß an der Sache nicht ver­lieren. Hru­besch kennt die sta­gnie­renden Erfolgs­kurven der Hoch­be­gabten, die unter dem Leis­tungs­druck zer­bra­chen. Dabei ist das Leben als Profi doch ein Pri­vileg. Als ich mit 24 Profi wurde, hatte ich jah­re­lang als Dach­de­cker gear­beitet“, sagt er. Ich wusste, was harte Arbeit ist. Und ver­gli­chen damit, ist ein Job im Fuß­ball para­die­sisch. Des­halb möchte ich, dass die Talente diese Freude emp­finden. Sie sollen mit lachenden Gesich­tern auf den Platz gehen und freudig wieder run­ter­kommen. Und zwi­schen­durch sollen sie den Mut haben, eigene Ent­schei­dungen zu treffen, Ideen ent­wi­ckeln und sich trauen, Fehler zu machen und dafür ein­zu­stehen.“

Macht nicht so viel Spaß, allein zu spielen, oder?“

Hru­besch ver­steht sich nicht als Koor­di­nator oder als den­je­nigen, der Trai­nings­pläne absegnet und Kon­zepte schreibt – so wie es sein Vor­gänger Bern­hard Peters tat. Er will machen und tun. Seine Tage sind lang. Zum Dienst tritt gewöhn­lich um halb neun an und arbeitet oft bis acht Uhr abends durch. Bis mit­tags ver­folgt er die Trai­nings­ein­heiten der U16 bis U21. Dann fährt er raus nach Nor­der­stedt, wo außer­halb des Lock­downs die U11 bis U15 trai­nieren. Manchmal geht er nach dem Ende der Ein­heiten auf den Rasen, schnappt sich Hüt­chen und wartet, ob ihm ein Jugend­spieler zur Hilfe eilt. Bei einem Spiel der U13 fiel ihm mal ein Über­flieger“ (O‑Ton Hru­besch) auf, der sich mit dem Abspielen schwertat. Nach Abpfiff ging er zu dem Jungen, schaute mit ihm das Spiel auf dem Neben­platz an und fragte: Was machen die falsch?“ Der Junge: Die spielen zu wenig ab, da ist kein Tempo im Spiel.“ Darauf Hru­besch: Siehste, hast du gerade auch so gemacht. Macht nicht so viel Spaß, allein zu spielen, oder?“

Seine Abtei­lung ver­steht er als inte­gralen Bestand­teil des neuen Wegs, den der HSV beschreiten will. Die Zeiten, in denen der Klub für hor­rende Summen gestan­dene Profis ein­kaufte, sind Ver­gan­gen­heit. Die Rot­hosen drü­cken Ver­bind­lich­keiten von 74 Mil­lionen Euro, die Jahre in der zweiten Liga, eines davon vor Geis­ter­spiel­ku­lisse, haben die Mög­lich­keiten arg ein­ge­schränkt. Es wird auch auf die Ergeb­nisse des NLZ ankommen, wie sich der Ham­burger SV wei­ter­ent­wi­ckelt. Einen ersten zarten Erfolg kann Hru­beschs Bereich bereits ver­bu­chen. Nachdem im Vor­jahr Ste­phan Ambro­sius und Josha Vagnoman den Sprung schafften, dockt jetzt auch Links­außen Oge­chika Heil bei den Profis an. Hru­besch ist über­zeugt: Einer wie Ogi wäre vor zwei Jahren nicht oben ange­kommen – viel­leicht auch nie.“

Doch er ist nicht naiv. Natür­lich kann der HSV im Falle des Wie­der­auf­stiegs den Kader nicht allein mit Nach­wuchs­spie­lern auf­sto­cken. Den­noch wird die Nach­wuchs­ar­beit bei den Profis neu­er­dings gesehen und wert­ge­schätzt. Hru­beschs milde Bilanz ein halbes Jahr nach seiner Rück­kehr: So, wie es hier läuft, ist es von den Profis bis runter zur Fuß­ball­schule schlüssig!“

Die Zeit bei der Frauen-Aus­wahl war die beste

Wie lange er den Job noch macht, ist offen. Offi­ziell wurde sein Ver­trag gerade bis Juni 2023 ver­län­gert – weil auch Jonas Boldts Kon­trakt bis dahin läuft. Offenbar ist der Ver­bleib des Vor­stands­chefs für ihn die Garantie, dass er sein Ding durch­ziehen kann. Doch unab­hängig von Lauf­zeiten will Hru­besch die Grund­lage für ein nach­hal­tiges Kon­zept legen: Jetzt müssen wir einen großen, kan­tigen Stürmer wie Simon Terodde noch kaufen, denn wir haben hier keinen“, so der Nach­wuchs­di­rektor, aber wenn wir den Weg weiter ver­folgen, können wir irgend­wann, viel­leicht erst, wenn ich nicht mehr hier bin, diese Lücke auch mit einem eigenen Jungen füllen.“

Eins aber bereitet Horst Hru­besch Kopf­zer­bre­chen: Wieso er wäh­rend seiner Zeit als Coach der Frauen erkennen musste, dass Natio­nal­spie­le­rinnen auf dem Platz mit so viel mehr Über­zeu­gung zu Werke gehen als viele männ­liche Kol­legen. Aus Anspra­chen an Her­ren­teams war er gewohnt, ständig Nach­fragen zu bekommen, teil­weise auch Wider­rede, wenn etwas unklar war. Als er seine erste Bespre­chung bei den DFB-Frauen machte, hatte er den Ein­druck, die Spie­le­rinnen würden gar nicht ver­stehen, was er von ihnen wolle. Reihum blickte er in regungs­lose Gesichter. Kein Mucks kam aus dem Forum. Doch auf dem Platz ent­zün­dete das Team ein Feu­er­werk. Hru­besch merkte, dass alle Spie­le­rinnen bemüht waren, jede seiner Vor­gaben minu­tiös umzu­setzen. Als es auch beim nächsten Team­mee­ting ähn­lich wort­karg ablief, hatte seine Assis­tentin Ulrike Ballweg mit dem zuse­hends rat­losen Coach ein Ein­sehen: Horst, wenn wir Frauen etwas ver­standen haben, sagen wir nichts. Wenn nicht, dann fragen wir!“

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Patrick Runte

Rück­bli­ckend hält er die Zeit bei der Frauen-Aus­wahl mit für das Beste, was er seiner Lauf­bahn erlebt hat. Ob Team­geist, Ein­satz­willen oder Opfer­be­reit­schaft, jede seiner Vor­stel­lungen wurde von Team über­erfüllt. Seit dem HSV von 1983 kam keine Elf seiner Ideal­vorstellung von innerer Geschlos­sen­heit mehr so nah, dass es schlichtweg keinen Sinn ergibt, dass diese Frauen ein Spiel ver­lieren. Doch wie erklärt einer mit seiner Erfah­rung, dass Frauen stets ans Leis­tungs­limit und teil­weise auch dar­über hinaus gehen können – und Män­ner­profis so oft Pro­bleme dabei haben? Ich kann es Ihnen nicht sagen, warum die Frauen immer hun­dert Pro­zent geben. Ist aber so!“, sagt Horst Hru­besch. Aber Frauen rie­chen ja auch immer gut – und Männer öfter mal nicht.“

Mit Jonas Boldt will er bald dar­über spre­chen, inwie­weit es sinn­voll ist, wieder ein HSV-Frau­en­fuß­ball­team in den Wett­be­werb zu schi­cken. Es werden auch wieder Mett­bröt­chen gereicht.