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50 Jahre Frauenfußball

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Lotte Specht – Metz­gers­tochter als Weg­be­rei­terin

Sie wollten nur spielen, auf der See­hof­wiese in Sach­sen­hausen – die Frauen vom 1. Deut­schen Damen-Fuß­ball-Club“. Doch das kam über­haupt nicht gut an, Pas­santen motzten oder schmissen gar Steine nach den Spie­le­rinnen.

Lotte Specht war gerade 19 Jahre alt, als sie 1930 diesen Pio­nier­verein für den deut­schen Frau­en­fuß­ball grün­dete. Mit einem Aufruf in den Frank­furter Nach­richten“ hatte sie nach Mit­strei­te­rinnen fürs gemein­same Bolzen gesucht. Nachher sagte sie über die Pio­nier­jahre: Wir waren keine Revo­luz­ze­rinnen, son­dern hatten ein­fach Spaß am Fuß­ball.“

Viele aller­dings sahen das anders und betrach­teten die Frauen als Unru­he­stif­te­rinnen. Sie haben uns ver­äp­pelt und haben uns Suf­fra­getten genannt und schwule Weiber.“ Schon nach andert­halb Jahren löste sich der Klub wieder auf. Zu groß war der Druck im vom auf­kom­menden Natio­nal­so­zia­lismus geprägten gesell­schaft­li­chen Klima. In der Metz­gerei von Vater Specht echauf­fierten sich wütende Kunden über das unziem­liche Ver­halten der Tochter.

Doch Lotte Specht blieb umtriebig, ging auf die Schau­spiel­schule, schrieb ein Buch und trat als Allein­un­ter­hal­terin auf. 2002 starb sie in Frank­furt, seit 2017 wird für beson­dere Leis­tungen im Frauen- und Mäd­chen­fuß­ball der Lotte-Specht-Preis ver­liehen.

Christa Klein­hans – Fuß­ball statt Hoch­zeit

Gekickt hatte sie schon zuhause mit den Jungs auf der Straße in Dort­mund-Hörde – und war dabei – Qua­lität vor Geschlecht – meist eine der ersten, die gewählt wurden. Leider hatte Christa Klein­hans sich eine schlechte Zeit aus­ge­sucht, um ihre (vom 1954er WM-Tri­umph der deut­schen Männer noch befeu­erte Pas­sion) offi­ziell aus­zu­leben, denn dem DFB war die Sache mit der vie­ler­orts auf­kom­menden weib­li­chen Fuß­ball­lei­den­schaft so sehr zuwider, dass er Frau­en­fuß­ball unter seinem Dach kur­zer­hand unter­sagte.

Was blieb, war die Flucht in die Quasi-Ille­ga­lität. Gue­ril­la­klubs und Gue­ril­la­ver­bände. Der Verein, dem sich die begna­dete Knip­serin Klein­hans anschloss, hieß For­tuna Dort­mund, und das Leben als fuß­ball­spie­lende Frau war nicht leicht. Ständig wurde ich mit meinen Kol­le­ginnen von den Trai­nings­plätzen ver­trieben“, erin­nerte sie sich später, und wir mussten auf irgend­welche Wiesen oder in grö­ßere Pri­vat­gärten aus­wei­chen, wo wir vorher noch die Maul­wurfs­hügel platt­ma­chen mussten.“ Oder es wurden heim­lich Plätze okku­piert, wo dann am Abend die Partner der Spie­le­rinnen mit ihren Auto­schein­wer­fern die Sze­nerie aus­leuch­teten.

Den Lauf der Dinge konnten aber auch Ver­bote und Dro­hungen nicht auf­halten, und so gab es bald eine erste inof­fi­zi­elle deut­sche Natio­nal­mann­schaft. Bei deren zweitem Spiel im März 1957 gegen eine Aus­wahl aus Hol­land war auch Christa Klein­hans erst­mals dabei. Mehr als 15.000 Zuschauer waren ins Münchner Dan­testa­dion gekommen und als vor dem Anpfiff die Hymne gespielt wurde, da fühlte es sich für die Stür­merin aus Dort­mund an, als sei ein Traum wahr­ge­worden.

Den aller­dings die Beton­köpfe vom DFB eher als Alp­traum emp­fanden. In einem gehar­nischten Brief an den Münchner Ober­bür­ger­meister Thomas Wimmer beschwerte sich DFB-Funk­tionär Dr. Georg Xandry bit­ter­lich über die Geneh­mi­gung des Spiels durch die Stadt: Mit der in Frage ste­henden Ver­an­stal­tung sind Sie uns in unserem Kampf gegen den Frau­en­fuß­ball gleichsam in den Rücken gefallen, was dem bisher guten Ver­hältnis zwi­schen der Stadt Mün­chen und uns nicht dien­lich sein kann.“

Christa Klein­hans waren solche Schar­mützel egal, sie ließ sich von nichts und nie­mandem auf­halten. Bis Mitte der sech­ziger Jahre flo­rierten die freund­schaft­li­chen Begeg­nungen, national wie inter­na­tional. Mit der Auf­lö­sung von For­tuna Dort­mund – einige Spie­le­rinnen hei­ra­teten, andere hörten alters­be­dingt auf – war es 1965 jedoch auch mit der Natio­nalelf, die bis dahin über 150 Aus­wahl­spiele absol­viert hatte, ziem­lich abrupt vorbei.

Eine Ent­wick­lung, die ins­be­son­dere Klein­hans bedau­erte, hatte sie doch für den Fuß­ball sogar auf ihre Hoch­zeit ver­zichtet, weil der zukünf­tige Gatte ver­langte, die Ball­tre­terei zu beenden. Ich wollte mir ums Ver­re­cken nicht das Fuß­ball­spielen ver­bieten lassen, weder vom DFB noch von meinem Partner“, begrün­dete sie ihre dama­lige radi­kale Hal­tung.

Maria Breuer – Mit 17 zur WM“ nach Ita­lien

Wenn die soge­nannten 68er in Deutsch­land für einen Kul­tur­wandel sorgten, dann hat davon zumin­dest ein biss­chen auch der Frau­en­fuß­ball pro­fi­tiert. Als Maria Breuer einige Jahre zuvor mit den Jungs auf dem Dorf­platz kickte, musste sie sich noch schnell ver­ste­cken, wenn zufällig der Pfarrer des Weges kam. Später ließ sie ein Lehrer zwar in der Schul­mann­schaft mit­spielen, aller­dings musste sie sich dafür als Junge ver­kleiden.

Doch die Zeiten änderten sich. Immer mehr Ver­eine wollten sich vom DFB eine Äch­tung der Frauen nicht vor­schreiben lassen, zu ihnen gehörte auch der SC Bad Neuenahr. Sein Frau­en­team behan­delte der Klub fast gleich­be­rech­tigt und so fand Maria Breuer dort vieles vor, von dem Christa Klein­hans ein Jahr­zehnt zuvor höchs­tens träumen konnte: Übungs­leiter, einen rich­tigen Platz und ja, sogar Flut­licht.

Im Früh­jahr 1970 ver­an­stal­tete der SC Bad Neuenahr ein inter­na­tio­nales Frau­en­tur­nier, und wurde ein paar Monate später zur inof­fi­zi­ellen Welt­meis­ter­schaft nach Ita­lien ein­ge­laden, ver­an­staltet vom Spi­ri­tuo­sen­her­steller Mar­tini & Rossi“. Weil der immer noch stör­ri­sche Fuß­ball­bund den Damen unter­sagte, als Natio­nal­team zu spielen, traten sie als Stadt­aus­wahl an, mit der gerade mal 17-jäh­rigen Maria Breuer im Tor. Noch jünger war die erst 15-jäh­rige Mar­tina Arzdorf, die im Tur­nier­ver­lauf für die beiden ein­zigen Tore der Mann­schaft sorgte.

Arzdorf wurde danach sogar ins Aktu­elle Sport­studio“ ein­ge­laden und kurz darauf hatte der DFB ein Ein­sehen und lega­li­sierte“ den Frau­en­fuß­ball – weniger aus Über­zeu­gung als aus der Sorge heraus, die Kon­trolle über die Ent­wick­lung ein für allemal zu ver­lieren. Für Maria Breuer fing die Kar­riere erst richtig an. 1978 wurde sie Bad Neuenahr Deut­scher Meister und bestritt 1983, drei­zehn Jahre nach ihrem ita­lie­ni­schen Aben­teuer, sogar noch ein Län­der­spiel für die neu­for­mierte Natio­nalelf. Ganz offi­ziell.