Bernd Schuster, es ist der 23. Juni 1980, Sie kehren am Tag nach dem EM-Finale als Euro­pa­meister nach Deutsch­land zurück. Wie fühlen Sie sich?
Wie soll sich ein 20-Jäh­riger fühlen, der zwanzig Monate zuvor noch in der A‑Jugend des FC Augs­burg kickte und plötz­lich Euro­pa­meister ist? Ein Rie­sen­ap­parat war das.

Und wie wurden Sie in Frank­furt emp­fangen?
Über­haupt nicht! Da kam nie­mand auf die Idee, auf dem Römer zu feiern. Nach der Lan­dung ging jeder Spieler seiner Wege.

Warum das denn?
Weil die Natio­nalelf in der Öffent­lich­keit damals eher stief­müt­ter­lich behan­delt wurde. Nach der ent­täu­schenden WM in Argen­ti­nien hatte Jupp (Der­wall, d.Red.) den großen Schnitt gemacht, uns hat man nicht viel zuge­traut.

Umso hef­tiger haben Sie den Titel in der Nacht gefeiert. Man­fred Kaltz ver­stauchte sich beim Sprung aus dem Hotel­fenster den Knö­chel, als er mit Team­kol­legen vom DFB-Ban­kett auf die Straßen Roms flüch­tete. Waren Sie dabei?
Nein, aber Manni gehörte ja zu den Älteren, die wollten noch mehr erleben. Mir reichte die Party im Hotel, die erste lange meines Lebens über­haupt.

Ernst­haft?
Ich trank damals keinen Alkohol. Als wir in der Kabine den Pokal mit dem Schampus ansetzten, merkte ich, dass es ein völlig neues Gefühl war. Meine Frau war ange­reist, ich war also in guter Beglei­tung. Wir haben in der Lobby ein biss­chen was getrunken, ich rauchte die erste Zigarre meines Lebens, und um ins Bett zu kommen, musste ich nur in den Fahr­stuhl steigen. Als junger Schnösel habe ich das unheim­lich genossen.

Die gute Laune hielt auch auf dem Rück­flug an.
Oha, die kom­pletten zwei Stunden sangen wir diesen Hit von Mike Krüger, wie ging der noch?

Sie müssen nur den Nippel…
…durch die Lasche ziehen“. Das war unser Song damals. Uns hatte nie­mand auf der Rech­nung. Ita­lien, die Nie­der­lande, Bel­gien, von denen hatte man den Titel erwartet. Und nun waren wir Euro­pa­meister. Nicht nur für mich, auch für Rou­ti­niers wie Manni, Horst Hru­besch oder Ber­nard Dietz war es eine große Genug­tuung.

Schon beim Anpfiff war klar: Wer kauft hier jetzt wem den Schneid ab?“

Das Eröff­nungs­spiel gegen die Tsche­cho­slo­wakei gewann die DFB-Elf vor 10 500 Zuschauern im Olym­pia­sta­dion mit 1:0.
Diese rie­sigen, alten Schüs­seln. In Ita­lien hatte es einen Mani­pu­la­ti­ons­skandal gegeben. Paulo Rossi, einer der großen Stars war gesperrt. Für die Ita­liener war das ent­täu­schend.

Sie fehlten beim Auf­takt­match.
Es hat mich auch gewun­dert, denn in den Test­spielen war ich immer dabei gewesen. Aber Jupp war der Ansicht, dass ich nicht gut trai­niert hatte.

Hatte er Recht?
Kann sein, jeden­falls habe ich in den drei Tagen bis zum nächsten Spiel dann ordent­lich rein­ge­hauen. Denn mir war klar: Ein Sieg gegen Hol­land war die Vor­ent­schei­dung auf den Final­einzug sein. Es waren ja nur acht Teil­nehmer, als Grup­pen­erster stand man im Finale.

Der 3:2‑Sieg gegen die Nie­der­lande wurde zu Ihrem inter­na­tio­nalen Durch­bruch.
Ich habe alle drei Tore von Klaus Allofs vor­be­reitet, das war mein Spiel.

Das WM-Finale von Mün­chen war erst sechs Jahre her. War die Riva­lität mit den Nie­der­län­dern zu spüren? 
Schon beim Anpfiff war klar: Wer kauft hier jetzt wem den Schneid ab? Da wurde richtig hin­ge­langt. Die Van-Kerkhof-Brüder, die auch 1974 dabei gewesen waren, oh ha, das eine richtig harte Mann­schaft.

Aber? 
Wir haben dage­gen­ge­halten. Karl­heinz Förster sowieso, aber auch Peter Briegel, Horst, Kalle (Rum­me­nigge) und Hansi (Müller, d.Red.), von dem es ja hieß, er würde sich nie das Trikot schmutzig machen. Alle sind richtig drauf­ge­gangen.

In der 73. Minute kam Lothar Mat­thäus zu seinem ersten Län­der­spiel­ein­satz. Die deut­sche Elf führte mit 3:0 – und nur Sekunden später ver­schuldet der Youngster einen Elf­meter.
Ja, Lothar brachte die Wende. (Lacht.) Durch den Anschluss­treffer kamen wir ein biss­chen aus dem Tritt und es wurde noch mal eng. Hin­terher haben wir oft dar­über gelacht.

Vor dem letzten Grup­pen­spiel gegen Grie­chen­land saß die DFB-Elf in der Kabine und schaute das Spiel zwi­schen den Nie­der­landen und den Tsche­chen. Als das Match 1:1 aus­ging, wussten Sie bereits, dass die Bun­des­re­pu­blik ins Finale ein­ziehen würde. 
Ber­nard Dietz, Klaus Allofs und ich behielten unsere Trai­nings­an­züge an und setzten uns auf die Tri­büne. Wir waren mit Gelb vor­be­lastet, und Der­wall wollte nicht das Risiko ein­gehen, dass wir noch wegen einer Sperre aus­fallen. So wurde ich mit zwei Spielen Euro­pa­meister – ein Schnell­kurs im Titel­ge­winnen.