Ein Jahr ist es nun her, seit Daniel Gin­czek 13 Minuten vor Ende der Saison das ret­tende 2:1 in Pader­born geschossen, den Gäs­te­block in einem Meer der Freu­den­tränen ver­senkt und den VfB zum Klas­sen­er­halt gebracht hatte. Ein Jahr ist es nun her, dass sich die meisten Brust­ring­träger sagten, sie wollten und könnten so etwas nie wieder durch­ma­chen. Eine Auf­ar­bei­tung musste her, wie es über­haupt so weit kommen konnte, Köpfe sollten rollen, und alles sollte ein­fach viel, viel besser gemacht werden. Ein Jahr ist es nun her, dass wir den Kopf aus der Schlinge ziehen konnten. Und nun ist der VfB abge­stiegen.
 
Kaum jemand wird sagen können, dieser Abstieg sei sport­lich nicht ver­dient gewesen. So viel Rea­lität besitzen wir, die schwä­bi­schen Häus­le­bauer, die lei­den­schaft­li­chen Fans, die wo immer sie der Weg auch hin­führt, mit stolz­ge­schwelltem Brust­ring unsere Farben und Werte ver­treten. Nüch­tern betrachtet hat man eben ein­fach zu wenige Punkte geholt. Aber tut es des­wegen weniger weh? Lange genug hatte man sich darum beworben, den Gang in die zweite Liga anzu­treten, oft genug war man dem Teufel von der Schippe gesprungen, ein jedes Mal mit dem ver­meint­lich ehr­lich gemeinten Ver­spre­chen, aus den Feh­lern zu lernen. Man hatte aus gar nichts gelernt.
 
Ein Abstieg mit Ansage
 
Ist es nicht sogar der längste Abstiegs­kampf eines Ver­eins? Von zwei­ein­halb magi­schen Monaten im Winter abge­sehen, waren wir nie wirk­lich ganz heraus aus dem Schla­massel. Da sollte man meinen, wir hatten nun genug Zeit, uns darauf vor­zu­be­reiten. Viel­leicht nehmen es des­wegen die meisten mit recht viel Fas­sung. Wer seine Fehler immer und immer wieder aufs Neue wie­der­holt, ohne auch nur ein paar cle­vere Schlüsse daraus zu ziehen, der wird auf kurz oder lang dafür bestraft.
 
Manche sagen, wir haben uns bereits seit 2011 auf halbem Weg ins Unter­haus befunden, andere sagen, es hätte bereits 2007 begonnen, mit all den Fehl­ent­schei­dungen, die den langen Weg zum Abstieg pflas­terten. Oft wird gefragt, wer denn der Schul­dige ist, dass es fortan statt gegen Bayern Mün­chen, Borussia Dort­mund und Schalke 04 nun gegen Sand­hausen, Hei­den­heim und Aue geht, doch würde es zu viele Worte brau­chen, alles mühsam auf­zu­zählen.

Die Schuld­frage müssen sich viele anhören: der Vor­stand, die Mann­schaft, die Trainer. Ob das nur irgend­je­manden inter­es­siert, wird nicht ganz zu Unrecht in Frage gestellt.
 
Was wäre gewesen, wenn…?
 
Irgend­wann musste es pas­sieren, es hatte sich lange genug ange­deutet. Aber ent­behrt es nicht in gewisser Weise jeg­li­cher Logik, dass es aus­ge­rechnet der VfB war, der vor gut drei Monaten so weit ent­fernt schien von all der bit­teren Grau­sam­keit des Abstiegs­kampfs? Wer weiß, wie schnell es hätte vorbei sein können, wenn man die Sie­ges­serie zu Beginn der Rück­runde nicht gehabt hätte.

Es war die schönste Zeit seit Jahren, Hoff­nung keimte an jeder Ecke, man hätte nach all der Zeit end­lich begriffen und sei dabei, es besser zu machen, die ersten spra­chen bereits von Europa.
 
Ich würde jetzt nicht hier sitzen und mit einem Kloß im Hals diese Zeilen schreiben, wenn Timo Werner im Heim­spiel gegen Han­nover das Tor gemacht hätte.

Ist es nicht seltsam, wie man sich manche Dinge gut vor­stellen kann, wenn auch nur eine ein­zige Sache anders gelaufen wäre? Viel­leicht würde ich mich ent­spannt zurück­lehnen, mich auf eine ent­spannte Som­mer­pause freuen und es genießen, ein Sai­son­fi­nale ohne Angst und Schre­cken ver­leben zu dürfen. Timo Werner machte das Tor nicht, die Nie­der­lage gegen Han­nover wurde zum rück­wir­kend betrach­teten Genick­bruch. Ein Gefühl, das ich schon direkt nach dem Spiel hatte, von allen anderen aber nur müde belä­chelt wurde.
 
Den Faden ver­loren
 
Hätte, wenn und wäre. Hätte der VfB mal gegen Han­nover gewonnen. Hätte der VfB mal 100 Pro­zent gegeben. Hätte der VfB mal die Span­nung hoch­ge­halten. Hätte sich der VfB mal nicht zu früh gefreut. Es ist die klamm­heim­liche Selbst­zu­frie­den­heit, die sich in Stutt­gart ein­schleicht, sobald es ein paar Spiele gut läuft. Wo andere nicht nach­lassen und weiter von Spiel zu Spiel schauen, hatte man hier ohne jede Not den Faden ver­loren.

Meine Angst wurde schon vor einigen Wochen größer, da konnte mich auch die Worte meiner Freunde und Weg­ge­fährten trösten, die letzten Punkte würden schon irgendwo hinten run­ter­fallen. Als ob ich geahnt hätte, dass sie das nicht würden.