Bruno, Du musst uns helfen!
Was ist los?

Wir ver­lieren langsam den Glauben daran, dass Fuß­ball­fans auch fried­lich koexis­tieren, mit­ein­ander feiern oder gar zu Freunden werden können. Geht es nach der öffent­li­chen Wahr­neh­mung, dürften Fans dazu gar nicht mehr in der Lage sein.
Wie kann ich euch helfen?

Du bist seit fast 50 Jahren Dort­mund-Fan, Dein Foto hängt im BVB-Museum, nur wenige Men­schen in Deutsch­land dürften in den ver­gan­genen Jahr­zehnten mit so vielen Fuß­ball­fans in Kon­takt gekommen sein, wie Du. Wir würden gerne wissen, ob wenigs­tens Du uns ein paar herz­er­wär­mende Fan-Geschichten erzählen kannst?
Wo soll ich anfangen? Viel­leicht mit der Reise nach Schott­land?

Schieß los!
Das war bei­nahe exakt auf den Tag heute vor zehn Jahren. Wir spielten am Samstag in Cottbus, am Dienstag in der Cham­pions League gegen den FC Liver­pool. Mit ein paar Freunden fuhr ich im Bulli nach Cottbus, gleich danach weiter Rich­tung Glasgow zu alten Freunden, für die wir eben­falls Karten besorgt hatten. Wir also von Glasgow nach Liver­pool und wieder zurück nach Glasgow, um Celtic am Mitt­woch gegen Juventus Turin zu sehen!

Respekt!
5000 Straßen-Kilo­meter in acht Tagen! Das Schönste pas­sierte aller­dings am Mitt­woch in Glasgow. Weil für das Spiel keine Tickets mehr zu bekommen waren, suchten wir eine Celtic-Kneipe auf. Ich denk, ich guck nicht richtig, geh zum Bar­keeper und sage: Kerle, du bist doch Paul!“ Und er so: Jau, und du bist doch Bruno!“ Ein alter Kumpel aus Schott­land. Wenige Minuten später lernten wir eine Familie kennen, alle Celtic, die extra für dieses Spiel aus Kanada ange­reist waren. Was soll ich sagen: Wir fünf Besu­cher aus Deutsch­land durften anschlie­ßend den ganzen Abend lang kein Bier mehr bestellen.

Bitte?
Es hieß nur: Ihr seid Gäste, ihr bezahlt hier nicht einen Cent!“ So ging das den ganzen Abend. Als ein­zige Gegen­leis­tung wurden Schals, Mützen und Anste­cker akzep­tiert.

Wie ging es weiter?
Irgend­wann mussten wir uns ver­ab­schieden, unser Hotel lag etwa 20 Kilo­meter außer­halb von der City. Aber natür­lich ver­passten wir den letzten Zug, auf den Schock brauchten wir erstmal ein Pils. Wir mar­schierten in eine Kneipe gleich am Bahnhof, aber als der Wirt uns sah – gut behangen mit Tri­kots, Schals und Mützen – schmiss er gleich sein Hand­tuch über den Zapf­hahn. No foot­ball colours!“, rief er. Ich ver­suchte ihn den­noch zu einem Bier zu über­reden, er fragte mich: Seid ihr Ita­liener?“ Nein“, rief ich, Dort­mund und Celtic-Sup­por­ters!“ Da ging das Hand­tuch wieder runter, wir konnten weiter trinken.

Wo habt Ihr die Nacht ver­bracht?
Am Tresen lernten wir ein paar Schotten kennen, sie hatten das Spiel gegen Juve gesehen und schenkten uns ihre Ein­tritts­karten als Sou­venir. Als sie hörten, dass wir unseren letzten Zug ver­passt hatten, standen ein paar Minuten später zwei Taxen vor der Tür. Die Fahrten bereits bezahlt. So viel zum fried­li­chen Mit­ein­ander unter Fuß­ball­fans.

Trotzdem hat man den Ein­druck, dass Fan-Freund­schaften heute eher eine Sel­ten­heit sind. Selbst die einst so innige Freund­schaft zwi­schen Dort­mun­dern und Ham­bur­gern hat in den ver­gan­genen Jahren arg gelitten. Wie kam diese Bezie­hung über­haupt zustande?
Wie es meis­tens bei Fan-Freund­schaften ist: So richtig weiß das eigent­lich nie­mand. Der Legende nach soll ein Spiel zwi­schen Dort­mund und dem FC St. Pauli in der Saison 1975/76, damals noch in der 2. Bun­des­liga Nord, der Aus­löser gewesen sein. Drei Mann von uns aus Dort­mund bekamen damals ordent­lich auf die Fresse. Ganz harm­lose Typen, die in einer Disco standen, als der DJ plötz­lich ins Mikro brüllte: Und jetzt alle auf die Dort­munder!“ Die wurden fürch­ter­lich ver­hauen. Das sprach sich in Win­des­eile rum, eine Stunde später hatten sich Dort­munder mit Ham­bur­gern ver­bündet, um es den Pau­lia­nern heim­zu­zahlen. Nor­malo-Fans, Kutten, Tür­steher, Boxer – das gab eine rie­sige Prü­gelei. Das soll der Beginn einer wun­der­baren Freund­schaft gewesen sein.

Wie klein ist die Welt der Fuß­ball­fans?
Nicht mehr ganz so klein und über­schaubar, aber immer noch für Über­ra­schungen gut. Erst neu­lich, vor dem Pokal­fi­nale in Berlin, saß ich am Abend vor dem End­spiel in einem Bier­garten gleich am Olym­pia­sta­dion. Kurz zuvor hatte For­tuna Düs­sel­dorf gegen die Hertha in der Rele­ga­tion gespielt. Ich will mir gerade ein neues Bier bestellen, da sehe ich ein bekanntes Gesicht an einem der Tische: Eine alte Freundin, die ich locker 20 Jahre lang nicht gesehen hatte! Jetzt treffen wir uns ab und an auf einen Umtrunk in der Düs­sel­dorfer Alt­stadt.

Sind die Fan­szenen heute auch noch so ver­eins­über­grei­fend mit­ein­ander freund­schaft­lich ver­netzt?
Ich glaube, nicht mehr auf dem Niveau wie noch vor 20 oder 30 Jahren. Die Szenen sind viel größer geworden und auch viel fixierter auf den eigenen Klub. Wir sind früher auch gerne mal nach Berlin gefahren, Hertha gucken und bei alten Freunden pennen. Oder Nürn­berg! Da war ich ziem­lich häufig – bis die irgend­wann mit den Blauen befreundet waren, danach wurden meine Besuche doch deut­lich seltener…Da fällt mir ein: Einer der Nürn­berger von damals soll erst kürz­lich wieder in der Heimat auf­ge­taucht sein – der war nach Kanada aus­ge­wan­dert, Gold suchen! Jetzt ist er wieder da. Ohne Gold! (lacht). Das ist ja auch das Schöne an der ganzen Sache: Beim Fuß­ball lernst du die ver­rück­testen Typen kennen.

Zum Bei­spiel?
Hm, das ist schwierig, jetzt nicht die besten Gestalten zu ver­gessen… von Mon­ke­witz fällt mir ein, ein echter Graf und natür­lich BVB-Fan. Der war von oben bis unten zutä­to­wiert, stammte aber tat­säch­lich aus altem Land­adel. Mit dem waren wir mal zum Aus­wärts­spiel in Stutt­gart, einer aus unserer Gruppe hatte dort ein Mäd­chen, die ließ uns im Haus ihrer Eltern über­nachten. Am nächsten Morgen sitzt Mon­ke­witz nur in Unter­hose am Früh­stücks­tisch und kaut an seinem Bröt­chen, als die Mutter in die Küche kommt und sagt: So können sie hier aber nicht rum­sitzen, wir haben einen echten Graf zu Gast!“ Und er so: Dat macht nix, dat bin ich selba!“ Ein irrer Typ. Hat sich leider erst neu­lich auf­ge­hängt…

Wie viele Lie­bes­be­zie­hungen zwi­schen Fuß­ball­fans hast Du mit­er­lebt, hast Du mit­er­leben müssen?
Viele! Ich war auch Zeuge einiger Anfänge spä­terer Ehen. Für die schönste Anek­dote sorgte ein Kumpel aus Bie­le­feld, der sich in eine Lau­terin ver­liebte und die dann auch hei­ra­tete. Beide waren Beamte und stellten einen Antrag auf Ver­set­zung in die jeweils andere Stadt, in der Hoff­nung, das zumin­dest einer Erfolg haben würde. Am Ende erhielten beide zeit­gleich ihre Ver­set­zung, Bie­le­feld und Kai­sers­lau­tern tauschten ein­fach die Arbeits­plätze…(lacht).

Bruno, Du bist inzwi­schen 58. Gibt es auch in Bezug auf Fan-Freund­schaften einen Genera­tio­nen­kon­flikt zwi­schen euch Alten und den Ultras?
Kon­flikt“ würde ich das nicht nennen, eher Unter­schiede. Unsere Ultras sind bei­spiels­weise heut­zu­tage mit den Köl­nern befreundet, das wäre früher nie­mals mög­lich gewesen! Aber das ist auch wohl eher eine Zweck­ge­mein­schaft: Köln gegen Glad­bach, Dort­mund gegen Blauen – da hilft man sich gegen­seitig. Mein Ding ist das nicht. Köln gefällt mir nicht, das Bier ist kein Bier und schmeckt scheiße – ich fahre hin, gucke Fuß­ball und hau wieder ab.

Diese junge Genera­tion ist aller­dings dafür ver­ant­wort­lich, dass sich in Berlin Fans aus ganz Deutsch­land mit Funk­tio­nären und Ver­eins­ver­tre­tern treffen, um über die Pro­bleme in den Kurven zu dis­ku­tieren. Gleich­zeitig werden Fan-Freund­schaften immer sel­tener. Ist das nicht ein Wider­spruch an sich?
Die Fan­szene ist pro­fes­sio­neller geworden, auch orga­ni­sierter. Dass sich Fan­ver­treter zu Kon­fe­renzen treffen, ist zwar lobens­wert, aber eine ganz andere Geschichte.

Bruno, Königs­frage zum Thema Freund­schaften unter Fuß­ball­fans: Pflegst Du als Dort­munder auch Kon­takte zu Mit­men­schen, die eher auf königs­blau stehen?
Ich komme aus einer Gegend, da war man ent­weder für Borussia oder für die Blauen. Was anderes gab es nicht. Des­halb war es leider unver­meidbar in meinem Leben, dass heute auch ein paar Blaue zu meinen Bekannten zählen. Aber da ver­bindet uns wirk­lich nur die gemein­same Her­kunft, nicht der Fuß­ball. Ich wie­der­hole: nicht der Fuß­ball!

Das bedeutet: Mit Schal­kern hast Du nur nega­tive Erfah­rungen gemacht?
Na gut, eine Aus­nahme. Aber da ist 11FREUNDE dran schuld!

Wieso?
Seit dem Inter­view in eurem Fan-Spe­zial wurde ich schon von Hun­derten wild­fremden Fans ange­spro­chen, ob ich nicht der Typ aus 11FREUNDE sei. Beim letzten Derby, wo es ja auch richtig gekracht hat, springt plötz­lich ein Blauer auf mich zu. Ich denke: Der will mir ans Leder und hebe schon die Fäuste. Da ruft der: DICH kenne aus 11FREUNDE! Geiles Inter­view!“